
Landwirtinnen und Landwirten entminen die Felder teils selbst. Sie setzen sich grossen Gefahren aus.
Iurii Mykhaylov
Oleksandr Gaidu, Russland greift Ihr Land nun seit fast vier Jahren an. Wie ist derzeit die Stimmung in der Ukraine? Russland führt zurzeit massive Raketenangriffe auf die Energieinfrastruktur durch. Besonders betroffen sind die grossen Städte Odessa und Kiew sowie Regionen, in denen sich Energieanlagen befinden. Inzwischen richten sich die Angriffe nicht mehr nur auf die Strom-, sondern zunehmend auch auf die Gasinfrastruktur. Es werden gezielt die Heizsysteme angegriffen, um die Bevölkerung mitten im Winter von der Wärmeversorgung abzuschneiden. Das ist besonders verheerend, weil wir in der Ukraine im Winter sehr niedrige Temperaturen haben, teils minus 16 bis minus 17 Grad. Unter diesen Bedingungen ist das für die Menschen eine enorme Herausforderung.
Ukrainische Landwirte arbeiten teilweise in unmittelbarer Nähe der Front auf ihren Feldern. Können Sie Eindrücke davon schildern? Als Ausschuss des ukrainischen Parlaments haben wir mehrere Sitzungen direkt in Frontnähe abgehalten. Wir wollten mit den Landwirten sprechen, um zu verstehen, unter welchen Bedingungen sie arbeiten und welche Unterstützung sie dringend benötigen. Die grösste Herausforderung besteht darin, dass viele Felder vermint sind. Um überhaupt säen oder ernten zu können, müssen also zunächst mit Spezialtechnik die Minen geräumt werden.
Gibt es weitere Gefahren?
In Frontnähe sind ausserdem Drohnen eine dauerhafte Bedrohung. Nach den Minenräumfahrzeugen folgen deshalb oft Fahrzeuge mit elektronischer Ausrüstung, die Drohnen durch Impulse stören oder ausser Gefecht setzen sollen. Erst danach kann die eigentliche landwirtschaftliche Arbeit beginnen. Auch die Logistik ist kompliziert: Das Erntegut muss wegen der Gefahr von Angriffen so schnell wie möglich wegtransportiert werden. Das verursacht hohe zusätzliche Kosten und enormen Zeitdruck.
Stimmt es, dass manche Landwirte auf eigene Faust Minen räumen? Ja. Der Entminungsprozess ist extrem langsam und aufwendig. Sehr häufig warten die Landwirte deswegen nicht auf staatliche Hilfe, um ihre Felder zu entminen. Sie versuchen, das Problem selbst zu lösen, trotz der enormen Risiken, denen sie sich dabei aussetzen. Leider gibt es zahlreiche Fälle, in denen Menschen durch Minenexplosionen ums Leben gekommen sind.
Zur Person
Oleksandr Gaidu ist Abgeordneter im ukrainischen Parlament, der Werchowna Rada. Gaidu ist Mitglied der Partei «Diener des Volkes», der auch Präsident Volodymyr Selensky angehört und Vorsitzender des Ausschusses für Agrar- und Bodenpolitik. Der 50-Jährige stammt aus der ukrainischen Hafenstadt Odessa und hat an den dortigen Universitäten Abschlüsse in Wirtschaftsmanagement sowie in Rechtswissenschaften gemacht.
Wieso harren die Menschen trotz all dieser Widrigkeiten in diesen Gebieten aus? Viele Bewohner dieser Regionen sind geflohen, aber nicht alle. Als wir mit den Abgeordneten vor Ort waren, haben wir die Menschen gefragt, warum sie trotz all dieser Gefahren nicht weggehen. Die häufigste Antwort war: Wenn wir gehen, kommen wir nie wieder zurück. Deshalb bleiben viele, trotz aller Schwierigkeiten. Sie wollen ihre Heimat, ihr Land und ihre Existenz nicht aufgeben.
Die Verhandlungen über einen EU-Beitritt laufen seit Sommer 2024. Welchen Zeitpunkt für einen Beitritt halten Sie für realistisch? Im September 2025 haben wir das Screening der ukrainischen Gesetzgebung erfolgreich abgeschlossen. Dabei wurde geprüft, inwieweit unsere Gesetze mit dem EU-Recht vereinbar sind. Der entsprechende Bericht der Europäischen Kommission wurde akzeptiert, was für uns ein sehr wichtiger Meilenstein war. Wenn man sich den bisherigen Verlauf unseres Reformprozesses anschaut, halte ich einen EU-Beitritt im Zeitraum 2029 bis 2030 für realistisch. Gleichzeitig muss man aber sagen, dass die Beitrittsfrage zunehmend politisiert ist. Sie ist Teil politischer Verhandlungen und, wie wir aktuell sehen, auch Gegenstand diplomatischer Gespräche zwischen verschiedenen Akteuren. Deshalb ist es durchaus möglich, dass sich der Beitritt schneller vollzieht als man heute vermutet.

Oleksandr Gaidu ist Abgeordneter im ukrainischen Parlament. Er ist Vorsitzender des Ausschusses für Agrar- und Bodenpolitik.
In der EU gibt es Sorgen, dass ukrainische Agrarimporte die Märkte überschwemmen und Preise drücken könnten. In Polen kam es deshalb zu Bauernprotesten. Haben Sie Verständnis für diese Ängste? Ich verstehe, dass Landwirte ihre Märkte schützen wollen. Aber viele dieser Sorgen beruhen nicht auf Fakten. Wenn man sich die offiziellen Exportzahlen anschaut, sieht man klar: Ukrainische Agrarprodukte stellen keine Gefahr für europäische Produzenten dar. Unsere Produktionskosten sind nicht künstlich gedrückt. Denken sie nur an die Kosten durch den Krieg und die enormen Risiken, die ukrainische Landwirte eingehen müssen.
Dann wird übertrieben? Die Statistiken zeigen genau, wie viel die Ukraine in die EU exportiert und diese Mengen sind deutlich geringer, als oft behauptet wird. Die Angst vor einer Flut ukrainischer Produkte ist daher eher ein Mythos als Realität. Ein Beispiel aus Frankreich zeigt das sehr gut: Dort wurde mir gesagt, ukrainisches Geflügel würde den Markt überschwemmen. Tatsächlich hat die Ukraine 2023 nur 15 Tonnen Geflügelfleisch nach Frankreich exportiert und 2024 gar nichts. Trotzdem hält sich diese Legende hartnäckig.
Die Weltordnung befindet sich in einem Umbruch. Welche Rolle könnte die Ukraine künftig in der EU spielen, um Europa widerstandsfähiger und unabhängiger zu machen? Aus meiner Sicht ist das sehr klar: Mit der Ukraine würde die Europäische Union ein Land aufnehmen, das Europas Ernährungssicherheit deutlich stärken kann. Wir haben große landwirtschaftliche Kapazitäten und können stabile Lieferketten innerhalb Europas aufbauen. Das ist besonders wichtig in einer Zeit, in der Lieferketten aus geopolitisch unsicheren Ländern jederzeit unterbrochen werden können. Die Ukraine könnte helfen, Importe aus Risikostaaten zu ersetzen und die Versorgung innerhalb der EU zuverlässiger zu machen. Ich bin überzeugt: Die EU wird stärker, wenn sie die Ukraine aufnimmt.

Der Krieg sorgt für grossen Schäden in der ukrainischen Landwirtschaft.
Der Krieg hat die Ukraine auch zu einem Zentrum für Innovation gemacht, vor allem bei der Drohnentechnologie. Glauben Sie, dass Ihr Land nach dem Krieg auch bei zivilen Drohnen, etwa in der Landwirtschaft, eine führende Rolle übernehmen kann? Sie haben die Antwort mit der Fragestellung bereits gegeben. Um es kurz zu sagen: Ja, davon bin ich überzeugt. Zu Beginn des Krieges wurden umgebaute landwirtschaftliche Drohnen zur Verteidigung eingesetzt, weil sie schwere Lasten tragen konnten. Das waren alles Drohnen aus China. Aber heute entwickeln und produzieren wir eigene Systeme und exportieren sie sogar in andere Länder. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben viel Know-how geschaffen. Nach dem Krieg kann die Ukraine nicht nur ein Agrarproduzent sein, sondern auch ein Technologiestandort.