
Neben einem Ende der Käfighaltung will die EU-Kommission auch eine einschneidende Änderung bei der Schweinehaltung.
zvg
Die EU-Kommission rückt nicht von ihrem Ziel ab, die Käfighaltung von Hühnern zu beenden. Das geht aus einem Leak zur EU-Tierhaltungsstrategie hervor. Der Agra Europe vorliegende Entwurf soll am 1. Juli 2026 zusammen mit dem EU-Proteinplan offiziell in Brüssel präsentiert werden. Zwischenzeitlich hatte es Zweifel gegeben, ob die Behörde unter dem zuständigen EU-Gesundheitskommissar Olivér Várhelyi die von seiner Vorgängerin Stella Kyriakides angeschobenen Pläne weiter verfolgt.
«End the Cage Age» wird aufgegriffen
Dem Entwurf zufolge knüpft die Brüsseler Behörde zumindest verbal an die Europäische Bürgerinitiative (EBI) «End the Cage Age» an. Neben einem Ende der Käfighaltung will die Kommission auch eine einschneidende Änderung bei der Schweinehaltung. So soll, wie von EBI gefordert, die Kastenstandhaltung von Sauen auslaufen und durch Buchtensysteme ersetzt werden.
Zudem soll dem Entwurf zufolge das systematische Töten männlicher Küken aus Legehennenlinien untersagt werden. Stattdessen sollen Techniken zur Früherkennung des Geschlechts im Brutei eingesetzt werden.
Details zum Zeitplan noch unklar
Wann konkret mit Gesetzen zur Hühner- und Schweinehaltung sowie zum Verbot des Kükentötens gerechnet werden kann, geht aus dem Entwurf nicht hervor. Ursprünglich hatte die EU-Kommission das letzte Quartal 2026 als Zeitfenster dafür genannt. Brüsseler Kreisen zufolge wird inzwischen mit einem späteren Termin gerechnet. Auch was Fristen zum Ausstieg aus bestimmten Haltungssystemen angeht, dazu gibt es im vorliegenden Leak keine konkreten Angaben.
Gleichwertige Tierwohlauflagen schaffen
Darüber hinaus beschäftigt sich der Entwurf mit der Konkurrenz zwischen tierischen Erzeugnissen aus der EU und Importen aus Drittstaaten. Da viele Produkte aus Drittländern laut dem vorläufigen Strategiepapier unter niedrigeren Standards als in der EU erzeugt würden, will die Kommission im Einklang mit den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) für gleichwertige Tierwohlauflagen sorgen. Konkrete Massnahmen nennt das Papier dazu aber ebenfalls nicht.
Brüssel will dem durchgestochenen Entwurf zufolge verhindern, dass die Nutztierbestände in der Europäischen Union weiter sinken. Eine Trendwende soll bis 2040 erreicht sein. Dafür soll die Branche in die Lage versetzte werden, profitabel zu wirtschaften. Die Tierhaltung steht laut Kommission immerhin für rund 40% der agrarischen Wertschöpfung in der EU. Jährlich würden rund 400 Mrd. Euro (364 Mrd. Franken) umgesetzt und etwa sieben Millionen Arbeitskräfte auf vier Millionen Betrieben beschäftigt.
Trends weisen in eine andere Richtung
Der Status quo in der europäischen Nutztierhaltung wird im vorliegenden Papier alles andere als positiv beschrieben. So sei der Schweinebestand in Deutschland in nur einer Dekade um 22% geschrumpft. Frankreich habe im selben Zeitraum 16% seines Rinderbestands verloren.
Diesem Trend soll auch durch eine Überprüfung der Richtlinie gegen unlautere Handelspraktiken (UTP) und gegebenenfalls eine Lockerung der Hygieneregeln bei Schlachtungen entgegengetreten werden. Auch sollen kleine und mobile Schlachthöfe im ländlichen Raum leichter errichtet werden können.
Investitionslücke
Die jährlichen Kosten für den Umbau zu einer EU-weit tierwohlgerechten Haltung könnten sich der Behörde zufolge auf 5,9 bis 8,4 Mrd. Euro (5,38 bis 7,66 Mrd. Franken) bis 2040 summieren. Heruntergebrochen auf Einzelbetriebe könnte dies einen jährlichen Mehraufwand zwischen 34’000 und 136’000 Euro (30’991 und 124’603 Franken) beim Milchvieh, auf im Schnitt 236’000 Euro (216’223 Franken) pro Schweinemastbetrieb und 399’000 Euro (365’564 Franken) pro Sauenbetrieb bedeuten.
Die durch den Umbau entstehende Investitionslücke beziffert die Kommission in dem Papier auf über 18 Mrd. Euro (16,41 Franken) bis 2040. Diesen Fehlbetrag will die Behörde dem Leak zufolge mit einem eigenen Finanzinstrument für den Umbau der Tierhaltung decken, das aus Finanzmitteln der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) gespeist wird. Des Weiteren soll auch der Zugang zu privatem Kapital verbessert werden.
Ein spezieller Tierfonds soll geschaffen werden
Der Zugang zu Versicherungen, Rückversicherungen, Fonds auf Gegenseitigkeit und Einkommensstabilisierung soll durch ein Finanzinstrument für Klimaversicherungen und Tierkrankheiten erleichtert werden. Details dazu würden bereits mit der Europäischen Investitionsbank (EIB) erarbeitet. Gegen Seuchen setzt die EU-Behörde auf breitere, wissenschaftsbasierte Schutzimpfungen. Zudem will sie prüfen, ob Seuchenkategorisierung und Impfvorschriften noch taugen.
Die Kommission hat sich zudem die Entwicklung eines Nachhaltigkeitskompasses auf die Fahnen geschrieben. Dadurch will Brüssel nachhaltige Praktiken auf freiwilliger Basis voranbringen. Moderne Technik könne die Treibhausgase des Sektors bis 2040 um mindestens 16% gegenüber 2025 senken. Die Mitgliedstaaten sollen Biogas und Biomethan stärker nutzen und bei Wiederkäuern verstärkt mit Nutztierlinien arbeiten, die niedrigere Methanemissionen aufweisen. Fortschritte müsse es auch bei der Fütterung, der Nährstoffnutzung und dem Güllemanagement geben. Mehr Fördermassnahmen seien unerlässlich.
Politischer Gegenwind
Ob die ambitionierten Ziele angesichts fehlender Fristen, unklarer Finanzierung und des politischen Gegenwinds aus den Mitgliedstaaten mehr als Absichtserklärungen bleiben, dürfte sich spätestens bei den konkreten Gesetzgebungsvorhaben zeigen.