
Die Landwirtschaft befinde sich derzeit in einer besonders arbeitsintensiven Phase. Heuernte, Getreideernte, Weinbauarbeiten, Gemüseernte und die Auslieferung frischer Produkte seien stark von Wetterfenstern und engen Zeitplänen abhängig.
Michelle Wüthrich
Vom 15. bis 17. Juni treffen sich in Évian-les-Bains die Staats- und Regierungschefs der sieben führenden westlichen Industrienationen (G7). Aufgrund der geografischen Nähe zu Genf haben die Schweizer und französischen Behörden ein umfangreiches Sicherheitsdispositiv eingerichtet. Dazu gehören Grenzkontrollen, Strassensperrungen, Verkehrslenkungen und Einschränkungen auf wichtigen Verkehrsachsen im Kanton Genf.
Diese Massnahmen stossen jedoch bei der Landwirtschaft auf Widerstand. Der Branchenverband AgriGenève spricht von einer faktischen «Abriegelung» des Kantons und fordert Anpassungen zugunsten der landwirtschaftlichen Betriebe.
Landwirtschaft lässt sich nicht auf Pause stellen
AgriGenève kritisiert die im Zusammenhang mit dem G7-Gipfel beschlossenen Sicherheitsmassnahmen als überzogen. Zwar seien Sicherheitsvorkehrungen nachvollziehbar, doch dürften diese nicht dazu führen, dass das gesamte Kantonsgebiet faktisch lahmgelegt werde.
Die Landwirtschaft befinde sich derzeit in einer besonders arbeitsintensiven Phase. Heuernte, Getreideernte, Weinbauarbeiten, Gemüseernte und die Auslieferung frischer Produkte seien stark von Wetterfenstern und engen Zeitplänen abhängig. Landwirtschaftliche Betriebe könnten ihre Tätigkeiten nicht einfach verschieben, betont der Verband in einer Mitteilung.
Besonders kritisch sieht AgriGenève die angekündigten Verkehrsrestriktionen. Für landwirtschaftliche Fahrzeuge blieben faktisch nur noch fünf nutzbare Routen übrig. Diese Planung sei weit von den praktischen Anforderungen auf den Feldern entfernt.
Historische Grenzrealität wird ausgeblendet
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die besondere Struktur der Genfer Landwirtschaft. Viele Betriebe bewirtschaften seit Generationen Flächen auf beiden Seiten der Schweizer Grenze.
Diese grenzüberschreitende Organisation geht auf die Verträge von 1815 zurück, die den Beitritt Genfs zur Eidgenossenschaft begleiteten und die französisch-schweizerischen Freizonen schufen. Zahlreiche Landwirtschaftsbetriebe sind seither auf kurze Grenzwege und lokale Übergänge angewiesen.
Nach Ansicht von AgriGenève wird diese historische Besonderheit bei den aktuellen Sicherheitsmassnahmen vollständig ausgeblendet. Einige Landwirte könnten ihre Parzellen, die teilweise nur wenige Meter entfernt liegen, nicht mehr ohne Weiteres erreichen. Geeignete Ausnahmeregelungen fehlten bislang.
Frische Lebensmittel und Logistik unter Druck
Zusätzliche Probleme entstehen laut dem Verband durch die Sperrung der Umfahrungsautobahn zwischen Meyrin und der Grenze. Landwirtschaftliche Unternehmen und Genossenschaften müssten ihre Waren nun über Nebenstrassen transportieren, die bereits stark ausgelastet seien.
Dadurch drohten Verzögerungen bei der Lieferung frischer und leicht verderblicher Produkte. Die gesamte Logistikkette könne in Mitleidenschaft gezogen werden, warnt AgriGenève.
Gleichzeitig bemängelt der Verband die Kommunikation der Behörden. Informationen seien zu spät, unvollständig und unkoordiniert erfolgt, obwohl Landwirtschaftsbetriebe ihre Arbeiten oft Wochen im Voraus planen müssten.
Verband fordert rasche Anpassungen
Angesichts der Situation fordert AgriGenève mehrere Sofortmassnahmen. Dazu gehören bewilligte Ausnahmen für landwirtschaftliche Fahrzeuge an lokalen Grenzübergängen, praktikable Fahrtrouten für landwirtschaftliche Maschinen sowie zusätzliche Grenzübergänge für Inhaber entsprechender Bewilligungen, insbesondere im Westen des Kantons.
Darüber hinaus verlangt der Verband eine spezielle Berücksichtigung von Lieferungen frischer und verderblicher Lebensmittel sowie eine klare und koordinierte Kommunikation gegenüber den betroffenen Betrieben.
«Sicherheit darf nicht zulasten der Ernährung gehen»
Die Genfer Landwirtschaft stehe bereits unter erheblichem Druck durch klimatische, wirtschaftliche und gesundheitliche Herausforderungen, argumentiert AgriGenève. Zusätzliche Einschränkungen während einer entscheidenden Produktionsphase könnten schwerwiegende Folgen haben.
Der Verband stellt die Notwendigkeit von Sicherheitsmassnahmen nicht infrage. Allerdings dürften diese nicht dazu führen, dass die besonderen Anforderungen jener Berufsgruppe übergangen werden, die täglich für die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln sorgt.