«Ich fürchte einen Zusammenbruch der Nahrungsmittelproduktion»

Wie würde eine nachhaltige Schweiz aussehen? Neben der Politik beschäftigt sich auch die Wissenschaft mit dieser Frage. Für Sascha Nick, Forscher am Labor für Stadt- und Umweltökonomie der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne (EPFL), beginnt die Antwort im Alltag: bei der Frage, wie weit Menschen gehen müssen, um einzukaufen, zur Schule zu kommen oder grundlegende Dienstleistungen zu erreichen.

sda |

Ohne einen drastischen Kurswechsel steuere die Gesellschaft auf einen «sicheren Kollaps» zu, sagte Nick im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Die Zerstörung der Umwelt werde weitergehen und die Zukunft der Menschheit bedrohen.

«Ich fürchte insbesondere einen Zusammenbruch der Nahrungsmittelproduktion, der gleichzeitig auf zwei oder drei Kontinenten eintreten könnte», warnt der Wissenschaftler. Die Folgen eines solchen Phänomens wären verheerend: Hungersnöte, Kriege und erzwungene Bevölkerungsverschiebungen könnten die Folge sein.

«Es gibt allen Grund zur Sorge, aber das darf uns nicht daran hindern zu handeln», betont Nick. Während Lösungen zur Verringerung des Flugverkehrs beispielsweise internationale Diskussionen erfordern würden, könnten andere Massnahmen durchaus auf lokaler Ebene umgesetzt werden.

Kriterium der Erreichbarkeit

Derzeit arbeiten Nick und sein Team an einem Raumplanungsmodell für die Schweiz, das lange Wege begrenzen soll. Dafür wurde ein Indikator entwickelt, der die Erreichbarkeit misst. Er reicht von 0 bis 100 und variiert je nach Distanz, die zurückgelegt werden muss, um von zu Hause aus zehn grundlegende Dienstleistungen zu erreichen.

Für die gesamte Schweizer Bevölkerung liegt die durchschnittliche Erreichbarkeit derzeit bei 40. In grossen und kleinen Städten ist sie sehr gut und bewegt sich um die 80. Anderswo hingegen ist sie äusserst schlecht und schwankt zwischen 0 und 10. An solchen Orten lassen sich mühsame, oft motorisierte Wege nicht vermeiden.

Das Ziel des Forschers wäre es, «die ganze Schweiz zu transformieren», indem Wohnquartiere geschaffen werden, in denen alles in maximal acht Minuten zu Fuss erreichbar ist – also mit einem Wert von über 60.

Umfassende Sanierung

Laut Nick könnte dieser Wandel erfolgen, ohne ein einziges neues Gebäude zu errichten. Er wäre allein durch Renovierung und Umgestaltung bestehender Bauten möglich. Um mehr Menschen unterzubringen, müsste man beispielsweise mehr Gemeinschaftsflächen in Wohngebäuden schaffen.

Wenn jedes Jahr sechs Prozent des Immobilienbestandes bearbeitet würden, «wäre das Land in 15 Jahren saniert», so der Forscher.

Dieses Forschungsprogramm wird vom Bundesamt für Energie unterstützt. Besser isolierte Gebäude und kürzere Wege seien auch eine Möglichkeit, die Energiesicherheit der Schweiz zu stärken, indem die Abhängigkeit von Importen fossiler Energieträger reduziert werde.

Abkehr von fossilen Energien

Wenn er eine Empfehlung aussprechen müsste, würde Sascha Nick radikale Massnahmen ergreifen. «Ich würde ein klares Ziel setzen: den Ausstieg aus fossilen Energien innerhalb von zehn Jahren», erklärt er. Eine solche Frist müsse den Bau von Anlagen für erneuerbare Energien vorantreiben. «Wer Windkraftanlagen ablehnt, muss einen geringeren Energieverbrauch akzeptieren – besonders im Winter.»

Der Forscher würde ausserdem ein Moratorium für alle Neubauten verhängen. Dadurch würden die Bauberufe dazu gedrängt, sich auf die Renovierung und Isolierung bestehender Gebäude zu konzentrieren. Im Bereich der Ernährung würde er einen raschen Ausstieg aus agroindustriellen Produktionsmethoden empfehlen.

Die vom Forscher entworfene neue Gesellschaft wäre weniger globalisiert und weniger mobil, «würde aber zugleich eine höhere Lebensqualität, mehr Gesundheit und mehr Resilienz erreichen». Aus Sicht von Sascha Nick sind menschliche Bedürfnisse vor allem sozialer Natur. Würde man ihnen besser gerecht werden, stiege das Wohlbefinden aller.

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