
Den Ölpreis-Anstieg bremsen soll nun die grösste Freigabe von Notfall-Ölreserven in der Geschichte der Internationalen Energieagentur (IEA).
Kanenori
Ein Barrel (159 Liter) der Nordsee-Sorte Brent kostete zuletzt 92,44 Dollar (72 Fr.) und damit gut 5 Prozent mehr als am Vortag. Am Montag war der Preis nach einem sprunghaften Anstieg bis auf mehr als 120 Dollar (93,55 Fr.) dann wieder deutlich gesunken und hatte sich dann am Dienstag stabilisiert.
Strasse von Hormus
Mit dem Iran-Krieg ist der Transport von Rohöl aus den Fördergebieten am Persischen Golf durch die Strasse von Hormus faktisch zum Erliegen gekommen. Zuletzt befeuerten Berichte über angeblich vom Iran in der Meerenge verlegte Seeminen die Sorge um die Sicherheit der internationalen Energieversorgung.
Eine Durchfahrt durch die Strasse von Hormus oder durch angrenzende Seegebiete ist mit hohen Risiken verbunden. Ein «unbekanntes Geschoss» habe ein Frachtschiff in der Meerenge getroffen und einen Brand ausgelöst, meldete die britische Behörde für Sicherheit der Handelsschifffahrt (UKMTO). Zudem sei im Persischen Golf vor der Küste Dubais ein Massengutfrachter von einem ebenfalls «unbekannten Geschoss» getroffen worden.
Grösste Freigabe von Notfall-Ölreserven
Den Ölpreis-Anstieg bremsen soll nun die grösste Freigabe von Notfall-Ölreserven in der Geschichte der Internationalen Energieagentur (IEA). Insgesamt werden die 32 Mitgliedsländer der Agentur 400 Millionen Barrel Rohöl freigeben, wie es in einer in Paris veröffentlichten Mitteilung heisst.
Noch nie wurde bei einer vorherigen gemeinsamen Aktion so viel Öl aus den Reserven angezapft. Mit dem Schritt sollen die durch den Krieg angespannten Märkte stabilisiert werden. Deutschland hatte bereits mitgeteilt, 19,5 Millionen Barrel freizugeben. «Die Herausforderungen auf dem Ölmarkt, denen wir gegenüberstehen, sind in ihrem ausmass beispiellos», zitierte die IEA ihren Chef Fatih Birol. Er sei deshalb über die Massnahme im Rekordumfang froh. Ölmärkte seien global. Deshalb müsse auch die Antwort auf grosse Störungen global sein.
Seltenes Krisenmittel zuletzt 2022 genutzt
Um auf Krisen vorbereitet zu sein, müssen alle 32-IEA-Mitglieder von Österreich bis Südkorea Notreserven anlegen. Insgesamt verfügen sie über Reserven in Höhe von 1,2 Milliarden Barrel (je 159 Liter) und 600 Millionen Barrel Industrievorräten. Dass zu einer gemeinsamen Freigabe von Reserven gegriffen wird, ist selten. Von der kurzfristigen Aktivierung zusätzlicher Produktionskapazitäten hin zur Aussetzung von Qualitätsstandards listet die IEA etliche weitere Massnahmen, um auf Engpässe zu reagieren.
Seit Gründung der IEA Mitte der 1970er Jahre als Reaktion auf die damalige Ölkrise wurden fünfmal in koordinierter Weise Reserven freigegeben. Anlass waren der Golfkrieg 1990/91, die von den Hurrikans «Katrina» und «Rita» 2005 angerichteten Schäden in den USA sowie der Ausfall libyscher Ölexporte im Jahr 2011. Zuletzt wurden 2022 wegen des Ukraine-Kriegs nationale Ölreserven freigegeben und das gleich zweimal.
Was bringt die neue Freigabe von Reserven?
Für Thomas Puls vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) gilt als sicher, dass eine Freigabe die Märkte beruhigt. «Auf einem Knappheitsmarkt senkt jede Freigabe potenziell den Preis. Einen solchen physischen Mangel gibt es derzeit vor allem in Asien.» In Europa hingegen gebe es keine Knappheit. «Hier sind die Preise das Problem, die vom Ölmangel in Asien nach oben getrieben werden.»
Der Mineralölwirtschaftsverband en2x sieht hingegen europaweit eine «grosse Knappheit beim Angebot an Kraftstoffen selbst sowie weiteren Mineralölprodukten wie Flugtreibstoffen». Freigaben könnten zwar zu einer Entspannung beitragen, wenn auch die Produktpreise für Benzin und Diesel sinken würden. Das könnte wiederum auf die Tankstellenpreise durchschlagen. Noch könne man aber nicht abschätzen, ob und wann ein Entlastungseffekt eintrete. Das hänge auch vom weiteren Verlauf des Krieges ab.