Milchwirtschaft: Gewinnt die Schweiz im Vergleich mit Finnland? 

In diesem Teil der Lid-Serie «Schweiz vs. Finnland» geht es um die Milchwirtschaft und damit um einen Bereich, der in beiden Ländern fest in der Landwirtschaft verankert ist. Während die Schweiz bei der Gesamtmenge punktet, gewinnt Finnland bei Effizienz und Milchleistung pro Kuh. Wie sieht es in anderen Bereichen aus?

Renate Hodel, lid |

Im Stall der Lähteenmäki Dairy Farm nahe Turku arbeiten drei Melkroboter rund um die Uhr, Futter wird präzis gemischt, Daten werden laufend erfasst. Antero und Antti Lähteenmäki haben den Hof erst im Frühling übernommen – bis dahin führten sie ihn gemeinsam mit ihren Eltern Sauli und Soile. Die Geschichte des Hofs reicht weit zurück, seit über 100 Jahren ist er in der Familie. Heute hält der Betrieb gut 200 Milchkühe und rund 150 Stück Jungvieh.

Die Entwicklung der Lähteenmäki Dairy Farm steht exemplarisch für die finnische Milchwirtschaft: Weniger Betriebe, grössere Herden, viel Technik und hohe Leistung pro Kuh. Gleichzeitig zeigt der Hof, dass auch in Finnland Familienbetriebe das Rückgrat bleiben – nur in einer anderen Grössenordnung als in der Schweiz. Sowohl die Schweiz als auch Finnland sind Milchländer. In beiden Ländern prägt die Kuh Landschaft, Landwirtschaft und Ernährung. Doch die Milchwirtschaft erzählt in beiden Ländern eine andere Geschichte.

Zwei Milchländer

Der Unterschied zeigt sich bereits in den Strukturen: Die Schweiz hat viel mehr Milchproduktionsbetriebe, Finnland deutlich grössere. In der Schweiz wurden 2025 auf 16’369 Milchproduktionsbetrieben rund 3,33 Millionen Tonnen Verkehrsmilch produziert. Der durchschnittliche Betrieb vermarktete gut 203’000 Kilogramm Milch, bewirtschaftete rund 30 Hektaren und hielt knapp 30 Kühe.

Finnland produzierte 2025 rund 2,14 Millionen Liter Milch, wovon 2 Millionen Liter an Molkereien geliefert wurden. Ende Jahr gab es noch 3’618 Milchproduzenten, über das Jahr gesehen total 3’834 Milchviehbetriebe. Die Milchmenge pro Betrieb ist damit deutlich höher als in der Schweiz. Der Strukturwandel ist aber rasant: Allein 2025 sank die Zahl der finnischen Milchproduzenten um sieben Prozent.

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Schweiz produziert mehr Milch – Finnland mehr pro Betrieb

Beim reinen Produktionsvolumen liegt die Schweiz vorn. Trotz kleinerer Fläche und viel kleinerer Betriebe vermarktet sie mehr Milch als Finnland. Das ist bemerkenswert, weil Finnland deutlich grösser ist und in der Landwirtschaft stärker auf wachsende Betriebsgrössen setzt.

Der Grund liegt in der Breite der Schweizer Milchwirtschaft. Milchbetriebe gibt es vom Mittelland bis in die Bergregionen. Zwar sinkt auch in der Schweiz die Zahl der Produzentinnen und Produzenten seit Jahrzehnten deutlich. Im Jahr 2000 gab es noch über 38’000 Milchproduktionsbetriebe, 2025 waren es noch gut 16’000. Gleichzeitig stieg die durchschnittliche Milchmenge pro Betrieb von rund 82’000 auf gut 203’000 Kilogramm. Die Milchproduktion blieb also stabil, obwohl die Zahl der Betriebe stark sank.

Finnland zeigt denselben Trend in beschleunigter Form. Die Zahl der Betriebe geht stark zurück, die verbleibenden Betriebe werden grösser und technischer. Lähteenmäki Dairy Farm ist dafür ein gutes Beispiel. Aus 32 Kühen wurden über 200, aus einem klassischen Stall ein Roboterbetrieb mit eigener Biogasanlage und professioneller Fütterung.

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13’000 Kilogramm pro Kuh

Finnische Milchviehbetriebe müssen mit klimatischen Nachteilen umgehen – die Futterbausaison ist kurz und trotzdem muss genug Futter für lange Winter konserviert werden. Gleichzeitig bringt das nördliche Klima Vorteile wie beispielweise weniger Krankheitsdruck und damit gute Tiergesundheit.

Das Ergebnis ist eine beeindruckende Leistung pro Kuh. So registrierte Finnland für 2024 eine durchschnittliche Milchleistung von rund 11’170 Kilogramm energiekorrigierter Milch. Auf Lähteenmäki Dairy Farm lag die Leistung laut Betriebsunterlagen sogar bei über 13’000 Kilogramm energiekorrigierter Milch pro Kuh. Der Betrieb setzt dabei nicht auf eine reine Holsteinherde, sondern auf Kreuzungstiere: Holstein, Ayrshire, Montbéliarde, Brown Swiss und Jersey kommen in unterschiedlichen Kombinationen vor.

«Reine Holsteinkühe haben zwar gute Milchleistung gebracht, sind aber teilweise anspruchsvoller gewesen», begründet Antero Lähteenmäki. Die Kreuzungstiere seien robuster, gäben gut Milch und brächten bessere Schlachtkörperpreise. «Das Ziel ist, immer bessere Tiere zu haben», sagt er. Bei der Zucht achte man auf die ganze Kuh: Rahmen, Euter, Leistung, aber auch darauf, welche Tiere am wenigsten Probleme machen.

Käse macht den Unterschied

Der entscheidende Schweizer Pluspunkt liegt in der Verwertung. Milch ist in der Schweiz nicht einfach Milch. Sie wird zu Käse, Rahm, Butter, Joghurt, Konsummilch und Spezialitäten verarbeitet. Besonders wichtig ist der Käse: Rund 46 Prozent der Schweizer Milch werden zu Käse inklusive Quark verarbeitet. Etwa ein Drittel der Milchverarbeitung erfolgt in gewerblichen Käsereien, zwei Drittel in industriellen Verarbeitungsbetrieben.

Diese Struktur schafft Wertschöpfung und Identität. Schweizer Käse ist ein Exportprodukt, ein Kulturgut und ein starkes Argument für die Milchproduktion im Grasland. Die Zulagen für verkäste Milch und für Fütterung ohne Silage zeigen zudem, wie stark die Schweizer Agrarpolitik diese Verwertung stützt. Für verkäste Milch beträgt die Zulage 15 Rappen pro Kilogramm, für silofreie Milch, die zu bestimmten Käsesorten verarbeitet wird, zusätzlich 3 Rappen. Daneben gibt es seit 2022 eine Verkehrsmilchzulage von 5 Rappen pro Kilogramm.

Finnland hat ebenfalls eine starke Molkereistruktur. Valio, an das auch Lähteenmäki Dairy Farm liefert, gehört über regionale Genossenschaften Tausenden Milchproduzentinnen und Milchproduzenten. Milchprodukte sind für Finnland eine wichtige Exportkategorie. Doch im internationalen Vergleich ist die finnische Milch weniger stark über ikonische Käsemarken und Herkunftserzählungen positioniert als die Schweizer Milch, die mit ihren Produkten für Tradition, Qualität und Herkunft steht.

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Klimabilanz im Fokus

Auf Lähteenmäki Dairy Farm liegt neben den Produktionsdaten auch eine Klimabilanz auf dem Tisch. Die Molkerei stellt den Betrieben ein Berechnungstool zur Verfügung. Für den Hof ergibt sich ein Fussabdruck von 0,79 Kilogramm CO₂-Äquivalenten pro Kilogramm energiekorrigierter Milch. Die grösste Emissionsquelle ist die Verdauung der Rinder, gefolgt von zugekauftem Futter und Emissionen aus den Feldern.

Der Betrieb hat 2019 eine Biogasanlage gebaut, die Wärme und Strombedarf des Hofes deckt. Die Anlage sei «nice to have», aber trotz höherer Förderung und gestiegener Energiepreise nicht wirklich profitabel, sagt Antero Lähteenmäki nüchtern. Sie bringe auch zusätzliche Arbeit.

Auch in der Schweiz rückt die Klimabilanz stärker in den Fokus. Die Milchbranche hat in den letzten Jahren verschiedene Nachhaltigkeits- und Klimaprogramme entwickelt, von «swissmilk green» über «KlimaStaR» bis zur freiwilligen Klimabilanzierung. Gleichzeitig bleibt Methan aus der Verdauung eine zentrale Herausforderung. Milch aus Grasland kann Flächen nutzen, die sonst kaum direkt der menschlichen Ernährung dienen. Trotzdem muss die Branche zeigen, wie sie Emissionen senkt und dabei sowohl Effizienz wie auch Nachhaltigkeit steigert.

Finnland zeigt mit Lähteenmäki Dairy Farm, wie präzise Betriebe Emissionen erfassen und Energie selbst produzieren können. Die Schweiz hat den Vorteil einer stark graslandbasierten Produktion, kurzer Wege und einer Verwertung über wertschöpfungsstarke Produkte. Beide stehen vor derselben Frage: Wie wird Milch klimafreundlicher, ohne die Grundlage der Betriebe zu schwächen?

Strukturwandel mit Ansage

Wirtschaftlich stehen beide Milchländer unter Druck. In Finnland ist die Produktion stark auf Effizienz und Skalierung angewiesen. Die Marktpreise orientieren sich stärker am EU-Umfeld, während die Produktionskosten wegen der nördlichen Lage hoch sind. Gebäude, Futterlager, Heizsysteme und Winterfütterung kosten. Öffentliche Unterstützung ist deshalb ein struktureller Bestandteil der Landwirtschaft.

Tero Hemmilä, Präsident des finnischen Bauernverbandes MTK, bringt das Problem auf den Punkt: Finnland produziere heute mit weniger als halb so vielen Betrieben wie beim EU-Beitritt 1995 weiterhin etwa gleich viel Nahrung. Die Produktivität sei enorm gestiegen. Doch die Einkommen der Bäuerinnen und Bauern hätten nicht im gleichen Mass profitiert. Die Verhandlungsmacht in der Wertschöpfungskette sei schwach, zumal zwei Detailhändler rund 80 Prozent des Konsumentenmarktes kontrollierten.

Auch in der Schweiz ist die Milchwirtschaft kein Selbstläufer. Die Zahl der Betriebe sinkt, die Anforderungen steigen, der Arbeitsaufwand bleibt hoch. Gleichzeitig stützen Grenzschutz, Milchzulagen, Branchenorganisationen, Käseverwertung und Herkunftsmarketing die Produktion. Die Schweizer Milch ist teurer, aber sie kann sich stärker über Qualität, Tierwohl, Grasland und Käse differenzieren.

In Finnland ist die Antwort eher: grösser, technischer, effizienter. In der Schweiz lautet sie eher: hochwertiger, standortangepasster, stärker über Herkunft und Verarbeitung positioniert. Beide Strategien haben Chancen – und beide sind verletzlich.

Schweiz mit Wertschöpfungsvorteil

Lähteenmäki Dairy Farm zeigt eindrücklich, was moderne Milchproduktion im Norden leisten kann: hohe Milchleistung, Roboter, Kreuzungszucht, hofeigene Futterproduktion, Biogas und Klimabilanzierung. Unter schwierigen klimatischen Bedingungen ist das bemerkenswert.

Die Schweiz punktet bei der Gesamtmenge, der Breite der Produktion, der Verankerung im Grasland, der Käseverwertung und der gesellschaftlichen Identität. Sie produziert mehr Milch als Finnland, mit deutlich mehr, aber kleineren Betrieben. Der durchschnittliche Schweizer Milchbetrieb ist viel kleiner als Lähteenmäki Dairy Farm und gerade darin liegt ein Teil der Schweizer Stärke. Die Milchproduktion ist breit im Land verteilt, reicht vom Mittelland bis auf die Alpen und ist eng mit Landschaft, Kultur und Ernährung verbunden.

So gewinnt Finnland bei Effizienz und Milchleistung pro Kuh und die Schweiz gewinnt bei Wertschöpfung, Käsekultur und Breite des Systems. Im Gesamtduell hat die Schweiz knapp die Nase vorn, weil sie aus Milch deutlich mehr macht: ein Lebensmittel, einen Rohstoff für Käse, ein Stück Kulturlandschaft – und ein starkes Stück Schweizer Landwirtschaft.

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