Russland stoppt Getreidezölle

Russland reagiert auf seine Exportkrise: Wegen der Einschränkungen auf dem Schwarzen und Asowschen Meer setzt Moskau die Getreideexportzölle aus. Gleichzeitig wächst der Druck, den heimischen Markt mit staatlichen Interventionen zu stützen.

Die russische Regierung hat die Exportzölle auf Getreide bis Ende 2026 ausgesetzt, und zwar rückwirkend zum 1. September 2026. Dies betrifft die Lieferung von Getreide an Staaten, die nicht Mitglieder der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) sind. Diese Entscheidung ist eine direkte Folge der massiven Exportprobleme Russlands durch die Einschränkungen des Seeverkehrs auf dem Schwarzen und dem Asowschen Meer. Die verminderten Getreideausfuhren haben am Inlandsmarkt zu einem Anstieg des Angebots geführt, verbunden mit einem Rückgang der Preise.

Der Generaldirektor des Instituts für Agrarmarktstudien (ICAR), Dmitri Rylko, sprach von einer «Bewegung in die richtige Richtung». Darüber hinaus müsse der Kreml nun mit Interventionskäufen von Getreide beginnen, kurzfristige Kredite der Landwirte umstrukturieren und nach neuen Exportkanälen suchen, erklärte Rylko gegenüber der Plattform Agroinvestor.

IGC senkt Exportprognose

Der Internationale Getreiderat (IGC) hat angesichts der Transportprobleme seine Prognose für die Weizenexporte Russlands nach unten korrigiert. In seinem September-Bericht geht er für das gesamte Wirtschaftsjahr 2026/27 von 41,5 Mio. Tonnen aus; das sind 3,7 Mio. Tonnen weniger als der Wert im August-Bericht. Die gesamten Getreideexporte werden von den Londoner Marktanalysten bei 48 Mio. Tonnen gesehen, nach 52,2 Mio. Tonnen im Vormonatsbericht. Das gesamte Getreideaufkommen Russlands wird vom IGC auf 129 Mio. Tonnen geschätzt, davon 88,4 Mio. Tonnen Weizen. 2025 waren es nach Angaben des Nationalen Statistikdienstes (Rosstat) 141,2 Mio. Tonnen, allerdings ohne die «neuen Regionen».

Der stellvertretende Premierminister Dmitri Patruschow rief unterdessen dazu auf, alle logistischen Möglichkeiten zu nutzen, um die Getreideexporte zu steigern. Das Verkehrsministerium und das Landwirtschaftsministerium wurden angewiesen, eine effiziente Nutzung der Transportinfrastruktur sicherzustellen. Von Moskau wurden rund 10 Mrd. Rubel (104 Mio. Franken) bereitgestellt, um den Eisenbahntransport von Getreide aus Regionen mit traditionell hohen Ernten zu subventionieren.

Interventionen sollen den Markt stützen

Laut Landwirtschaftsministerin Oksana Lut sollen zudem Interventionskäufe von bis zu 3 Mio. Tonnen erfolgen. Branchenanalysten gaben jedoch gegenüber Agroinvestor zu bedenken, dass diese Menge bei Weitem nicht ausreiche, um den Markt wirksam zu entlasten. Nach Ansicht des Agrarexperten Alexander Korbut ist es notwendig, mindestens 500'000 Tonnen Getreide pro Woche aufzukaufen.

Der Geschäftsführer des Analystenhauses ProZerno, Wladimir Petritschenko, geht davon aus, dass der Staat rund 20 Mio. Tonnen Getreide in die Interventionslager nehmen muss. Im laufenden Wirtschaftsjahr sei zu befürchten, dass 25 bis 35 Mio. Tonnen nicht exportiert werden können. Derzeit befinden sich rund 3,7 Mio. Tonnen Getreide in staatlichen Lagern. Das grösste Volumen an Interventionsfondskäufen wurde im Wirtschaftsjahr 2008/09 verzeichnet; damals hatte Russland etwa 8 Mio. Tonnen eingelagert. 

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