
Bei dem derzeitigen niedrigen Getreidepreis könne selbst bei sehr hohen Erträgen nicht kostendeckend gewirtschaftet werden.
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Der Weizenpreis hat sich innerhalb eines Jahres fast halbiert, und die Kosten gehen immer weiter in die Höhe. Das lässt bei vielen Ackerbauern Zweifel an der Rentabilität der diesjährigen Erntekampagne aufkommen.
Nach Angaben der Medien- und Beratungsorganisation ProAgro Group sind die Landwirte im Norden des Landes gezwungen, Weizen für umgerechnet nur 100 Euro (94 Franken) pro Tonne zu verkaufen, während der Erzeugerpreis im vergangenen Jahr bei rund 180 Euro (169 Franken) lag.
Exportprobleme verschärfen die Lage
Ein wesentlicher Faktor für den Preissturz beim Weizen ist laut Darstellung der Plattform agronews.ua die Lähmung der Schwarzmeerhäfen, wodurch die Getreideexporte blockiert sind. Besorgniserregend sei, dass es keine wirksamen alternativen Absatzmöglichkeiten gebe. Derzeit weigerten sich sogar inländische Verarbeitungsbetriebe, Getreide anzunehmen. Sie hätten es nicht eilig, Bestände anzulegen, ohne zu wissen, ob und wann sie diese verkaufen könnten.
Die laufenden Kosten für Brennstoff, Arbeitskräfte und Technik der Landwirte könnten aktuell von den geringeren Einnahmen nicht gedeckt werden, schreibt die Plattform. Daher bestehe das Risiko, dass manche Betriebe gar nicht erst mit dem Mähdrescher auf die Felder fahren, in der Hoffnung auf eine Veränderung der Situation. Dann sei jedoch zu befürchten, dass das Erntegut am Halm verfaule, bevor die Exportlogistik wieder anlaufe.
Break-even weit entfernt
Agronews zitierte Wissenschaftler, die den Break-even-Point für Winterweizen bei etwa 50 dt/ha zu einem Marktpreis von umgerechnet 174 Euro (164 Franken) pro Tonne sehen. Ab diesem Niveau decke der Verkaufserlös die Kosten, die in diesem Jahr bei etwa 870 Euro (818 Franken) pro Hektar lägen.
Bei dem derzeitigen niedrigen Getreidepreis könne jedoch selbst bei sehr hohen Erträgen nicht kostendeckend gewirtschaftet werden. Um zumindest eine schwarze Null zu schreiben, seien Erträge von mehr als 85 dt/ha notwendig, was jedoch für die meisten Betriebe unrealistisch sei.
Exportkosten kräftig gestiegen
Der Generaldirektor des Ukrainischen Agrarverbandes (UAC), Pavlo Koval, zeichnet derweil ein düsteres Bild der Lage. Aufgrund der kriegsbedingten Einschränkungen der Schwarzmeerexporte drohten dem ukrainischen Agrarsektor Verluste in Höhe von mehreren Milliarden Dollar. Durch den Verlust eines Teils der Seewege seien die Kosten für den Export von ukrainischem Getreide um das Eineinhalb- bis Zweieinhalbfache gestiegen.
Koval rechnet für die kommenden sechs bis zwölf Monate daher mit Einnahmeausfällen in Höhe von 2 bis 4 Mrd. Dollar (1,6 bis 3,3 Mrd. Franken). Bis zu 60 % der Getreidebauern könnten Verluste einfahren. Die grössten Risiken erwartet der Generaldirektor im kommenden Herbst, dann könnten die logistischen Probleme zu einer Kredit- und Produktionskrise in der Landwirtschaft eskalieren.
«Nach verschiedenen Szenarien könnten sich während der Saison 27 bis 32 Mio. Tonnen an Getreide und Ölsaaten im Land ansammeln», so Koval. Das werde die inländischen Erzeugerpreise nochmals erheblich unter Druck setzen.
Hilferuf aus der Landwirtschaft
Unterdessen appellierte die Ukrainische Getreidevereinigung (UGA) an Premierminister Serhiy Koretskyi, Massnahmen zur Unterstützung des Agrarsektors zu ergreifen. Bei einem Treffen wurde ein gemeinsamer Aktionsplan von Regierung und Landwirten vorgestellt. Dieser zielt darauf ab, die Schwarzmeerrouten wiederherzustellen und zu diversifizieren.
Zudem wurde Koretskyi gebeten, Konsultationen mit der EU-Kommission über eine vorübergehende Erhöhung der Zollquote für den Export von ukrainischem Weizen in die EU aufzunehmen; hier schlägt die UGA eine Zusatzmenge von bis zu 5 Mio. Tonnen vor. Regulär darf die Ukraine rund 1,3 Mio. Tonnen Weizen pro Jahr zollbegünstigt in die EU exportieren. Für grössere Mengen fallen reguläre EU-Zölle an.
Formal sind die ukrainischen Seehäfen laut UGA zwar weiterhin für den Schiffsverkehr geöffnet. Allerdings sehe die Realität anders aus. Während früher zehn bis zwölf Frachtschiffe in den Hafen von Odessa eingelaufen seien, würden jetzt nur noch ein bis zwei Schiffe gezählt. Immer mehr Schiffseigner und Besatzungen weigerten sich, wegen des hohen Risikos Frachtaufträge zu übernehmen.