
«Dies ist nicht nur eine Energiepreiskrise. Es ist ein systemischer Schock, der die Agrar- und Ernährungssysteme weltweit trifft», sagte Torero.
Unicef
Die Sperrung der Strasse von Hormus könnte eine weltweite Hungerkrise auslösen. Davor warnte kürzlich der Chefökonom der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), Máximo Torero. «Dies ist nicht nur eine Energiepreiskrise. Es ist ein systemischer Schock, der die Agrar- und Ernährungssysteme weltweit trifft», sagte Torero.
«Dies ist nicht nur eine Energiepreiskrise. Es ist ein systemischer Schock, der die Agrar- und Ernährungssysteme weltweit trifft.»
Dem FAO-Ökonomen zufolge hat die Sperrung des für den globalen Energie- und Düngemitteltransport wichtigen Nadelöhrs massive Auswirkungen auf weltweite Handelsströme.

Strasse von Hormus
srf
Doppelter Kostenschock
Betroffen ist dabei nicht nur der mit Erdgas hergestellte Stickstoffdünger. So entfallen laut Torero auf die Golfregion auch fast die Hälfte des weltweiten Schwefelhandels. Dies ist ein entscheidender Rohstoff für Schwefelsäure, die wiederum für die Verarbeitung von Rohphosphat zu Düngemitteln benötigt wird.
«Landwirte sehen sich mit einem doppelten Kostenschock konfrontiert: Sie haben teurere Düngemittel und gleichzeitig steigende Kraftstoffkosten, die die gesamte landwirtschaftliche Wertschöpfungskette betreffen, einschliesslich Bewässerung und Transport.»
Laut Torero schlagen sich die Störungen bereits jetzt in höheren Kosten für Landwirte weltweit nieder, vor allem in Form von gestiegenen Düngemittelpreisen. «Landwirte sehen sich mit einem doppelten Kostenschock konfrontiert: Sie haben teurere Düngemittel und gleichzeitig steigende Kraftstoffkosten, die die gesamte landwirtschaftliche Wertschöpfungskette betreffen, einschliesslich Bewässerung und Transport», sagte Torero.
Erträge könnten stark sinken
Viele Erzeuger würden in Reaktion wahrscheinlich den Düngemitteleinsatz reduzieren, erläuterte der FAO-Ökonom. Da der Düngemitteleinsatz und der Ertrag nicht in einem linearen Verhältnis zueinanderstehen, könne dabei selbst eine moderate Reduktion des Düngeaufwands zu einem überproportional starken Rückgang der Ernteerträge führen, warnte er.
Wie massiv die Auswirkungen der Krise ausfallen werden, hängt nach Einschätzung Toreros allerdings massgeblich von ihrer Dauer ab. Bei einer kurzfristigen Unterbrechung von bis zu einem Monat dürften die Folgen begrenzt bleiben. Halte die Störung jedoch drei Monate oder länger an, steigen die Risiken seiner Einschätzung nach deutlich.
«Hungerkrise dramatischen Ausmasses»
«Sollte der Konflikt anhalten, stehen wir vor einer Hungerkrise dramatischen Ausmasses.»
Auch das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen sieht massive Risiken durch die Krise am Golf. «Sollte der Konflikt anhalten, stehen wir vor einer Hungerkrise dramatischen Ausmasses», sagte der Leiter des Berliner Büros des WFP, Martin Frick, gegenüber AGRA Europe.
Die Auswirkungen der blockierten Meerenge spüre man schon jetzt bei der Arbeit des WFP, Nahrungsmittellieferungen zu verteilen, erläuterte Frick. So sei die Logistik per Seefracht blockiert oder sehr teuer geworden. Versicherungsprämien für Containertransporte auf dem Seeweg hätten sich vervielfacht und den Seetransporte im Schnitt bislang um 18% verteuert.
«Dringend benötigte Hilfslieferungen aus unserem Lager in Dubai verzögern sich nicht mehr um Tage, sondern um Wochen, wenn auf Landwege ausgewichen werden muss», erklärte er. «All das geschieht zu einem Zeitpunkt, in dem humanitäre Organisationen wie das WFP durch dramatische Kürzungen bei unseren wichtigsten Gebern mit massiven Finanzierungslücken kämpfen», kritisierte er.
45 Millionen Menschen bedroht
Berechnungen des WFP zufolge könnten je nach Dauer der Krise bis zu 45 Millionen Menschen zusätzlich in akuten Hunger abrutschen. Das wäre ein Niveau vergleichbar mit der Lage zu Beginn des Ukrainekriegs. Besonders betroffen wären laut der Organisation Regionen mit hoher Importabhängigkeit. In West- und Zentralafrika könnte die Zahl der Hungernden um 21% steigen, in Ostafrika um 17% und in Teilen Asiens um 24%, zeigt die Kalkulation des WFP.
«Die Gefahr einer erneuten, dramatischen Verschärfung der weltweiten Hungerkrise ist akut.»
«Die Gefahr einer erneuten, dramatischen Verschärfung der weltweiten Hungerkrise ist akut,» so Frick. Ähnlich wie der FAO-Chefökonom Torero warnt er vor Folgeeffekten, einen zweiten, «zeitversetzten» Schock durch die gestiegenen Düngemittelpreise.
«In vielen Ländern Subsahara‑Afrikas beginnt jetzt die Aussaat für 2026 – doch vielen Bäuerinnen und Bauern fehlt das Geld für ausreichend Dünger», erklärte er. Folge seien absehbar niedrigere Ernten, höhere Lebensmittelpreise und mehr Menschen, die sich das Nötigste nicht mehr leisten könnten, so Frick: «In Somalia, das nach Jahren der Dürre erneut am Rand einer Hungersnot steht, sind Grundnahrungsmittel bereits jetzt um bis zu 20% teurer.»