Mehr als 270 Wissenschaftler und Akteure des Gesundheitswesens sowie 25 Fachverbände aus ganz Europa haben an die Europäische Kommission appelliert, die Nährwertkennzeichnung Nutri-Score auf EU-Ebene verpflichtend einzuführen.
Die von neutralen Wissenschaftlern entwickelte Kennzeichnung sei das einzige «Front of Package»-(FOP)-Label, das in zahlreichen wissenschaftlichen Studien seine Wirksamkeit für Verbraucher und Gesellschaft bewiesen habe und anderen Systemen überlegen sei, erklärten die Unterzeichner des Appells.
Angesichts der überzeugenden Studienlage und im Interesse von Verbrauchern und Gesellschaft dürfe die EU-Kommission dem Druck von anderen Akteuren nicht nachgeben und müsse den Nutri-Score als harmonisierte und verpflichtende Kennzeichnung in der Gemeinschaft so schnell wie möglich einführen.
Angriffe gegen Nutri-Score
Laut den Unterzeichnern hat es gegen den Nutri-Score eine Reihe von Angriffen und «Schmutzkampagnen» gegeben. Diese hätten meist wenig mit konstruktiver Kritik zur Weiterentwicklung der Kennzeichnung zu tun, sondern würden überwiegend darauf abzielen, den Nutri-Score zu verhindern oder zu verwässern.
Flankiert würden diese Kampagnen durch Rufe nach sogenannten neutralen Alternativen wie der italienischen «NutrInform Battery» sowie durch Anstrengungen, die gegenwärtige Lebensmittelkennzeichnung beizubehalten; damit werde versucht, den Entscheidungsprozess für eine EU-weite Kennzeichnung zu blockieren und den Nutri-Score zu verhindern.
Innerhalb der Gemeinschaft wird die Kennzeichnung auf freiwilliger Basis bereits in Belgien, Frankreich, Luxemburg, Spanien, Deutschland und den Niederlanden eingesetzt. Erst im vergangenen Monat war ein gemeinsames Gremium zur länderübergreifenden Koordination eingerichtet worden, an dem sich auch die Schweiz beteiligt.
Auch in Deutschland ist die Kennzeichnung nicht unumstritten, erheblich mehr Gegenwind gibt es aber auf europäischer Ebene und vor allem aus Italien, dass unter anderem im Agrarrat Widerstand organisierte.
Widerstand in Italien
In Italien wurde vergangene Woche auch deutlich, wie kontrovers der Nutri-Score dort ist. Zu den Unterzeichnern des Appels gehört auch der Mediziner Walter Ricciardi, der ein Berater von Gesundheitsminister Roberto Speranza ist und der in der Vergangenheit auch für die EU-Kommission tätig war.
Der Präsident des Landwirtschaftsverbandes der großen Betriebe (Confagricoltura), Massimiliano Giansanti, forderte die Regierung auf, umgehend Stellung zu dem Vorgang zu nehmen. Ricciardi empfahl er, als Berater des Gesundheitsministers «vorsichtig» zu sein. Der Vorsitzende des Verbandes der Lebensmittelindustrie (Federalimentare), Ivano Vacondio, zeigte sich bestürzt, dass ein Regierungsberater gegen die Interessen seines Landes handle.
Die Stiftung Filiera Italia, die Hersteller von Erzeugnissen mit geschützten Herkunftsangaben unter ihrem Dach vereint, rief Politik und Wirtschaft zum Schulterschluss auf. Italien müsse sich geschlossen gegen ein System stellen, das stark verarbeitete Produkte bevorzuge und die heimischen Qualitätserzeugnisse benachteilige.
Unwissenschaftlich
Erst vor kurzem hatte der neue Landwirtschaftsminister Stefano Patuanelli im Agrarausschuss des Parlaments bekräftigt, in Sachen Nutri-Score den ablehnenden Kurs seiner Amtsvorgängerin Teresa Bellanova fortzusetzen. Das System sei inakzeptabel und unwissenschaftlich, so Patuanelli. Italien müsse mit vereinten Kräften gegen diese Gefahr für die heimischen Agrar- und Lebensmittelsysteme kämpfen.
Noch im vergangenen Sommer hatte auch der Umweltminister ähnlich deutliche Worte gefunden und versprochen, der «irreführende» Nutri-Score werde in Italien niemals eingeführt.
Erfolg in Frankreich
Die italienische Regierung hat ihre Kennzeichnung «NutrInform Battery» ausdrücklich als Alternative zum Nutri-Score entwickelt. Grundsätzlich strebt die Regierung in Rom eine freiwillige Nährwertkennzeichnung an; sie stößt sich vor allem an der Einstufung traditioneller Lebensmittel.
In diesem Zusammenhang wird immer wieder der Stellenwert der mediterranen Ernährung angeführt. Erzeugnisse mit geschützten Herkunftsangabe sollen daher von jeglicher Kennzeichnungspflicht ausgenommen werden.
In anderen mediterranen Ländern sieht man die Sache indes weniger eng. Entwickelt wurde der Nutri-Score von der Gesundheitsbehörde Santé publique France; mittlerweile wird die Einführung in Frankreich als Erfolg betrachtet.
Inzwischen entfällt etwa die Hälfte des Umsatzes mit Lebensmitteln auf Produkte, die den Nutri-Score tragen. Aus Umfragen geht hervor, dass die Verbraucher die Kennzeichnung für eine gesündere Ernährung nutzen; zudem passen die Hersteller ihre Rezepturen an.
In Spanien hatte die Regierung kürzlich klargestellt, Olivenöl gegebenenfalls von der Kennzeichnung ausschließen zu wollen und ebenfalls ernährungsphysiologische Vorteile und die mediterrane Ernährung angeführt. Ungeachtet dessen beteiligt sich Madrid an der länderübergreifenden Koordination des Nutri-Score.
