Wenn ein Interviewtermin mit einer Person bevorsteht, mit der man nur kurz am Telefon gesprochen und von der man zuvor nie etwas gehört hat, bereitet man sich im Vorfeld des Treffens natürlich besonders intensiv vor.
Grosse Schlagzeilen
Gibt man für die Recherche den Namen «Jörg Büchi» bei Google ein, erschien in Dutzenden von Suchvorschlägen die Schlagzeile «Ich arbeite für 8.30 Franken pro Stunde». Was für ein Jammeri, dachte sich der Schreibende zuerst und zugegebenermassen ohne den ganzen Artikel vorher gelesen zu haben und auch nicht ganz frei von Vorurteilen. Da stellt man sich die Frage, auf welcher Basis dieser Jungbauer seinen bescheidenen Stundenlohn errechnet hat und wie er davon leben kann.
Kurz nach dem «Schwümbi» (Schwimmbad) am Ortsausgang von Elgg zweigt ein Strässchen rechts ab. Es führt hinauf zur Burgruine Schauenberg. Auf etwa halber Strecke gelangt man zum beschaulichen Weiler Heurüti und zum Milchbauernhof von Junglandwirt Jörg Büchi. Nach dem Abschluss als Landwirt EFZ hat der heute 28-Jährige seine militärischen Pflichten als Durchdiener erfüllt. Während er berufsbegleitend die Berufsmittelschule besuchte, arbeitete er auf dem elterlichen Betrieb.
30 Hektaren und 30 Kühe
Es folgte ein Studium an der Fachhochschule Bern, das er als BSc Agrarökonom erfolgreich abschloss. 2021 übernahm er den 30 Hektaren (hauptsächlich Futteranbau) umfassenden Milchbauernhof mit 30 Kühen und 8,5 Hektaren Wald von seinen Eltern. Sein Vater steht ihm heute unterstützend zur Seite, vor allem wenn Jörg Büchi auswärts in Teilzeit tätig ist. In einem Treuhandbüro in Flawil betreut er hauptsächlich Landwirtschaftskunden.
Zusammen mit seiner Freundin Andrea, Hund und Katze bewohnt er die untere Etage des Elternhauses. In seiner Freizeit engagiert er sich als Präsident des Turnvereins Schlatt und er ist Mitglied in der Feuerwehr und im Schützenverein Elgg.
«Bist du nicht der Vater von Leonardo?»
Kaum in der Hofeinfahrt parkiert, empfängt einem schon ein hochgewachsener, schlanker junger Mann mit breitem Lachen im Gesicht. So sympathisch habe ich mir den «Jammeribauer» nicht vorgestellt, obwohl ich ihn von den netten Internetbildern her sofort wiedererkenne. Der 28-jährige Betriebsleiter und Inhaber des Milchbauernhofs Heurüti in der Gemeinde Elgg begrüsst mit festem Handschlag: «Ich bin Jörg! Bist du nicht der Vater von Leonardo?»
Ja, das ist der Schreibende tatsächlich. Vor Jahren habe er in Elgg gewohnt. «Dein Sohn war damals bei der Juso und ich Mitglied bei der Jungen SVP. Wegen uns beiden war der Politikunterricht in der dritten Sek immer spannend. Wir haben mit unseren konträren Positionen die Schulstunden fast allein bestritten. Trotzdem verstanden wir uns sehr gut.» Jörg lädt in den geräumigen Stall ein, in dem Familie Büchi vor dem Besuch mit der Fütterung seiner Lieblinge, den 30 Milchkühen, beschäftigt war.
Das ist definitiv kein Jammeri
Jörg Büchi spricht schnell, sehr schnell sogar. Aber man merke sofort, dass er genau überlegt, bevor er etwas ausspricht, und dass er sich dank seines Studiums in der Landwirtschaft sehr gut auskennt. Der intelligente Jungbauer ist definitiv kein Jammeri. Mit einleuchtenden Erklärungen begründet er seine Stundenlohn-Aussage. Zurück zur privaten Geschichte: Der Sohn des Redaktors wohne seit Jahren nicht mehr in Elgg und sei schon lange nicht mehr politisch engagiert.
In Kontakt stehen die beiden ehemaligen Schulfreunde gemäss Jörg Büchi aber bis heute, über die sozialen Medien. «Selber bin auch nicht mehr in einer Partei», erzählt Jörg Büchi weiter. «Obwohl seit der Stundenlohn-Artikel erschienen ist, haben mich viele Leute ermuntert – sogar solche, die scharfe Kritik äusserten –, in die Politik einzusteigen. Selbstverständlich mache ich mir auch Gedanken in diese Richtung. Momentan ist für mich aber nicht der richtige Zeitpunkt. Wenn dieser aber da ist, werde ich in die SVP eintreten. Der Volkspartei stehe ich beruflich und familiär (Red.: Mutter Ruth Büchi-Vögeli ist SVP-Kantonsrätin und Gemeindepräsidentin von Elgg) klar am nächsten.»

Jörg Buchi hat 2021 den Betrieb seiner Eltern übernommen.
zvg
Detaillierter Kommentar auf milchbauernhof.ch
Auf sein momentanes Befinden nach den teilweise sehr kritischen Reaktionen auf den Artikel in der «Sonntagszeitung» angesprochen, sagt Jörg Büchi: «Mir gehts sehr gut, denn ich bin nicht Bauer wegen dem Lohn, ich bin Bauer aus Leidenschaft. In meinen Zweitberuf könnte ich viel mehr verdienen. Als Influencer (Red.: gegen 9000 Follower), muss ich immer wieder mal auch einstecken können.» An emotionale Reaktionen habe er sich gewöhnt. Sie gehörten zur Diskussionskultur, besonders in den sozialen Medien, fügt er an «Solange die Dialoge respektvoll und anständig verlaufen, ist das absolut okay. Ich finde es wichtig, dass man den Mut hat, Missstände klar und deutlich anzusprechen», macht er deutlich. Das könne er nur empfehlen.
Dass die Stundenlohn-Geschichte derart hohe Wellen wirft, hat Büchi aber etwas überrascht. «Weniger die Wellen aus städtischen dafür umso mehr die Kritik aus bäuerlichen Kreisen. Mir scheint, da macht sich so mancher Landwirt, was sein Einkommen anbelangt, etwas vor», sagt der Junglandwirt. Man könne es drehen und wenden, wie man wolle. Das Ergebnis bleibe immer gleich. «Die Löhne in der Landwirtschaft sind zu tief beziehungsweise die Preise, welche die Grossverteiler zahlen. Die Marge zwischen Produzent und Konsument ist zu hoch und nicht logisch begründbar», sagt Büchi.
Hier müsse sich dringend etwas ändern. Das Thema sei aber zu komplex, als dass es in einem kurzen Artikel umfassend abgehandelt und erklärt werden könne. «Ich habe deshalb auf meiner Internetseite milchbauernhof.ch einen detailliert erklärenden Kommentar aufgeschaltet. Empfehlung an meine Kritiker: Bitte zuerst lesen und dann erst in die Tasten greifen und mich angreifen», hält der Junglandwirt fest.

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