
Die Lage am Milchmarkt ist Monaten angespannt.
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Die Emmi-Direktlieferanten, organisiert im Verein Mittelland Milch unter Präsidentin Sabrina Schlegel und Geschäftsführer Marco Genoni, trafen sich am Dienstag in der Vianco Arena in Brunegg AG zur Delegiertenversammlung.
Unterschiedliche Systeme
Der mit Abstand emotionalste Teil der Versammlung betraf einen Antrag der Wahlkreise Oberaargau und Burgdorf-Fraubrunnen zur Anpassung des Mengenreglements. Konkret ging es darum, dass ein Teil der Produzenten künftig nicht mehr systembedingt auf C-Milch verzichten kann. Damit wurde eine seit Jahren schwelende Grundsatzfrage neu entfacht – und angesichts der aktuellen Milchüberschüsse so intensiv wie noch nie diskutiert: Soll es weiterhin zwei Systeme geben oder künftig eine einheitliche Regelung für alle?
Der Ursprung der Problematik liegt in den unterschiedlichen Systemen der Vorgängerorganisationen: der Berner Emmi Milchproduzenten Organisation (BEMO), den Zentral-, Nord- und Ostschweizer Emmi-Lieferanten (ZeNoOs) sowie den Emmi Mittelland-Molkerei-Lieferanten (MIMO). Diese haben sich im November 2018 zum Verein Mittelland Milch zusammengeschlossen.
180 Betriebe ohne C-Milch
Die Berner Milchproduzenten Beat Bernhard und Thomas Feller begründeten den Antrag mit den Stichworten Vereinheitlichung, Vereinfachung und Solidarität. «Alle Mitglieder der Mittelland Milch sind gleich zu behandeln», sagte Bernhard. C-Milch treffe heute vor allem jene Betriebe im System der Vorjahresreferenz, während rund 180 Betriebe aufgrund ihres Modells darauf verzichten könnten, ohne ihre Produktion effektiv zu senken. Das sei nicht solidarisch. Feller ergänzte: «Wir wollen niemandem etwas wegnehmen, sondern alle gleich behandeln.»

Die Berner Milchproduzenten Beat Bernhard (r.) und Thomas Feller begründeten den Antrag mit den Stichworten Vereinheitlichung, Vereinfachung und Solidarität. «Alle Mitglieder der Mittelland Milch sind gleich zu behandeln», sagte Bernhard.
Adrian Haldimann
Ein Votant gab zudem zu bedenken, dass die unterschiedlichen Systeme zu Milchpreisunterschieden von «fast 10 Rappen» führen könnten. Im Saal entspann sich daraufhin eine intensive Debatte. Milchproduzent Thomas Jucker kritisierte den Antrag scharf. Betriebe im alten Mengenreglement hätten die Mengenproblematik nicht verursacht; viele hätten ihre Produktion bewusst stabil gehalten und nicht auf Kosten anderer expandiert. Es sei falsch, diese nun pauschal zu kritisieren.
«Das ist ein Wortbruch»
Für Aufsehen sorgte das Votum von Milchproduzent Andreas Bürki, der die Diskussion auf eine grundsätzliche Ebene hob. Ihm ging es weniger um technische Details als um Verlässlichkeit. Bürki erinnerte daran, dass den Produzenten zugesichert worden sei, sie könnten in ihrem gewählten System bleiben – eine Zusage, die er ausdrücklich Präsidentin Sabrina Schlegel zuschrieb.

Mittelland Milch: Milchproduzent Thomas Jucker aus Weisslingen ZH kritisierte den Antrag der Berner scharf. Betriebe im alten Mengenreglement hätten die Mengenproblematik nicht verursacht; viele hätten ihre Produktion bewusst stabil gehalten und nicht auf Kosten anderer expandiert. Es sei falsch, diese nun pauschal zu kritisieren, sagte er.
Adrian Haldimann
Der vorliegende Antrag stehe dazu im Widerspruch. «Wenn man dieses Versprechen nun aufhebt, dann ist das ein Wortbruch», sagte Bürki. Solche Kurswechsel untergrüben das Vertrauen: Statt Stabilität entstehe Unsicherheit, und die Produzenten würden gegeneinander ausgespielt.
Mit 1687 Betrieben ist Mittelland Milch die drittgrösste Produzentenorganisation der Schweiz. Die meisten Betriebe befinden sich in den Kantonen Bern (700), Aargau (380) und Zürich (240). Die durchschnittliche vermarktete Milchmenge stieg im vergangenen Jahr um rund 14’000 Kilogramm auf 234’000 Kilogramm.
Schlegel behielt die Ruhe. Sie erinnerte daran, dass es sich um einen ordnungsgemäss eingereichten Antrag handle, über den die Delegierten zu entscheiden hätten. Für Änderungen des Mengenreglements ist gemäss Statuten eine Zweidrittelsmehrheit erforderlich. Diese wurde knapp erreicht: Der Antrag wurde mit 57 Ja- zu 26 Nein-Stimmen angenommen.
«Gesetzte Ziele erreicht»
Zu Beginn der Versammlung hatte Schlegel die angespannte Marktlage eingeordnet. Ohne Namen wie Cremo oder Mooh zu nennen, kritisierte sie einzelne Marktakteure: «Es gibt Verarbeiter, die die bezogene Milch erst bezahlen, wenn die Butter verkauft ist – das bringt gewisse Milchhandelsorganisationen in Liquiditätsprobleme.» Die Kritik an den Direktlieferanten, insbesondere an Mittelland Milch, bezeichnete sie als unangemessen.

«Wenn man dieses Versprechen nun aufhebt, dann ist das ein Wortbruch», sagte Andreas Bürki an der Delegiertenversammlung der Mittelland Milch.
Adrian Haldimann
Bereits 2024 habe man versucht, mit anderen Organisationen eine solidarische Lösung für den Export von Überschüssen zu finden. «Diejenigen, die heute Solidarität fordern, haben den breit abgestützten Vorschlag der Branchenorganisation Milch (BOM) zum Scheitern gebracht», sagte Schlegel. Gemeinsam mit den Zentralschweizer Milchproduzenten (ZMP) habe man einen grossen Teil der Exportkosten getragen. Auch aktuell habe man Verantwortung übernommen und die Milchmenge gedrosselt. «Mit Einlieferungen von rund 104 Prozent gegenüber dem Vorjahr haben wir die gesetzten Ziele erreicht», so Schlegel.
«Wir müssen den Forderungen widerstehen»
Klare Worte fand sie gegenüber Forderungen nach einer nationalen Mengensteuerung: «Wir müssen diesen Forderungen widerstehen.» Eine Rückkehr zu Lieferrechten oder Kontingentierung komme nicht infrage. Das heutige System gebe den Produzenten in normalen Jahren unternehmerische Freiheit und habe sich auch in schwierigen Zeiten bewährt – auch wenn es noch Verbesserungspotenzial gebe.
Der Vorstand zählt derzeit 13 Mitglieder. Diese Grösse stellte Revisor Markus Aebi zur Diskussion. Aus Sicht der Revisionsstelle sei das Gremium gross und entsprechend komplex in der Führung. Ein Vorstand mit neun bis zehn Mitgliedern könnte effizienter arbeiten, insbesondere angesichts der steigenden Anforderungen in der Branche. Die Diskussion darüber soll im Hinblick auf kommende Wahlen in den Regionen geführt werden.
Garigliano folgt auf Probst
Im Vorstand kam es zudem zu einem Wechsel: Petra Garigliano wurde als Nachfolgerin von Paul Probst gewählt, der altersbedingt zurücktrat. Schlegel stellte sie als engagierte Landwirtin und Sozialpädagogin vor, die Teamarbeit und Transparenz schätzt. Die Wahl erfolgte einstimmig.
Probst würdigte sie als ausgleichende und lösungsorientierte Persönlichkeit mit grosser Erfahrung im Milchmarkt: «Deine Wirkung auf den Vorstand war jederzeit ausgleichend, deine Vorschläge pragmatisch und zielführend.»

Mittelland-Milch-Präsidentin Sabrina Schlegel mit dem neuen Vorstandsmitglied Petra Garigliano, die auf Paul Probst folgt (v.l.)
Adrian Haldimann
«Wir machen das Richtige»
Zum Abschluss sprach Manuel Hauser von Emmi zu den Delegierten. Der Leiter des Geschäftsbereichs Industrie zeichnete ein Bild eines «stürmischen Umfelds» mit Währungsschwankungen, Handelskonflikten, geopolitischen Risiken sowie steigenden Energie- und Verpackungskosten. Gleichzeitig sei die Milchmenge innerhalb eines Jahres schweizweit um rund 100 Millionen Liter gestiegen – in einer ohnehin angespannten Marktlage. «Es hat nicht einfach zu viel Milch, sondern eine Kombination aus Mehrmenge und schwierigen Marktbedingungen», so Hauser.
Positiv wertete er die jüngste leichte Erholung der internationalen Preise sowie die Annäherung der Milchmenge an das Vorjahresniveau. Dennoch bleibe die Situation herausfordernd, da die Lager weiterhin gut gefüllt seien. Trotzdem investiere Emmi konsequent in die Zukunft – etwa in neue Anlagen in Suhr und Dagmersellen sowie in Innovationen und Marketing. Als Beispiel nannte Hauser neue Produkte wie Matcha Latte, mit denen gezielt jüngere Konsumenten angesprochen werden.
Milch habe weiterhin starke Argumente: Gesundheit, Genuss, Vielseitigkeit und die Schweizer Graslandproduktion. «Wir sind überzeugt, dass wir das Richtige machen – sonst würden wir nicht so investieren», sagte Hauser.