Ruedi Schnyder, Vizepräsident der Schweizer Milchproduzenten (SMP), fordert einen Kurswechsel. Die SMP sollten sich von einer Mengensteuerung verabschieden und auf die Branchen- organisation Milch (BOM) setzen.
«Schweizer Bauer»: An der letzten SMP-Delegiertenversammlung wurde offensichtlich, dass grosse Spannungen zwischen Ihnen und SMP-Präsident Peter Gfeller bestehen. Warum?
Ruedi Schnyder: Die Spannungen liegen auf der sachlichen und nicht auf der persönlichen Ebene. Konkret geht es um die Ausrichtung der SMP. Wollen wir weiter alle Milchbauern vertreten, gilt es den gemeinsamen Nenner suchen und den Konfrontationskurs zu verlassen. Wir lösen das Problem nicht, wenn wir Minderheiten ausgrenzen.
Sie haben an der SMP-DV einen Mittelweg gefordert. Wie sähe der aus?
Peter Gfeller hat es dort so interpretiert, dass wir bereits den Mittelweg gehabt hätten mit der Finanzierung des Fonds Marktstützung mit 1 Rappen auf den Basismengen und 4 Rappen auf den Mehrmengen. Ich sehe das anders. Für mich ist das Instrumentarium der Branchenorganisation Milch (BOM) der Mittelweg zwischen Laisser-faire und Staat. Wenn die BOM nicht funktioniert, dann müssen wir uns überlegen, wie man sie zum Funktionieren bringt. Hier haben wir eine zunehmende Diskrepanz.
Eine andere Diskrepanz fällt aber auch auf: Es gibt viele Leute, welche in verschiedenen Gremien verschiedene Hüte aufhaben und auch verschieden entscheiden?
Es ist tatsächlich so, dass man in Verbandsgremien oft einstimmige Beschlüsse fällt. Das Modell zur Finanzierung des Fonds Marktentlastung mit 1 Rappen auf den Basis- und 4 Rappen auf den Mehrmengen war ein einstimmiger Beschluss. Ich stand selber auch dahinter wie auch hinter dem Ausstieg der SMP aus der BOM. Es ging darum, ein Zeichen zu setzen. Wir sind uns im Vorstand durchaus unserer Verantwortung bewusst. Wir setzen uns dadurch aber auch immer wieder in einen Zugzwang. Ein Beispiel sind die Wiedereintrittskriterien der SMP für die BOM. Eine Forderung lautet, dass der Anspruch der SMP auf drei Vorstandssitze in den Statuten stehen muss. Dabei könnte diese Forderung bei den nächsten Wahlen ohne Statutenänderung erfüllt werden. Der Grossteil der Basis ist nämlich dafür, dass wir in der BOM bleiben.
Wenn die Situation zwischen Ihnen und Gfeller so gespannt ist: Warum tritt nicht mal der eine oder andere zurück?
Eine spannende Frage, deshalb vergleiche ich es mit dem Sport: läuft es dort schlecht, wird irgendeinmal die Trainerfrage gestellt…
Interne Differenzen hin oder her: Die Milchproduktion steigt nach wie vor, und die zusätzliche Menge geht vor allem in die wertschöpfungsschwache Verwertung wie namentlich Butter...
Da kann man jede andere Branche auch nennen. Wir können aber die Milch nicht einfärben wie die Kartoffeln. Damit habe ich die Segmentierung angesprochen. Das ist ein Weg, dies bildlich gesprochen trotzdem zu machen. Da müssen wir hart bleiben. Die Segmentierung muss auch auf Stufe Produzenten transparenter werden.
Die BOM schafft es aber nicht, die Segmentierung bis auf Stufe Produzent runterzubrechen. Nach wie vor verrechnen einige Organisationen Mischpreise?
Einige Marktorganisationen tun sich noch schwer, dies umzusetzen, obwohl wir eigentlich die Allgemeinverbindlichkeit des Bundes für die Segmentierung haben. Die muss durchgesetzt werden. Darauf müssen wir viel Energie setzen. Die Bauern wollen selber entscheiden, ob sie C-Milch liefern können oder nicht.
Mit der Stützung der C-Milch durch die BOM wird die Segmentierung ja aber eigentlich ins Gegenteil verdreht, weil der Preis der C-Milch dadurch künstlich erhöht und die Produktion noch angeheizt wird?
Die Kässelipolitik war mir schon immer ein Dorn im Auge, vor allem wenn es Streit ums Geld gibt und falsche Anreize geschaffen werden. Interventionsmassnahmen gleich welcher Art müssen wenn schon innerhalb der BOM entwickelt und umgesetzt werden. Sie sollen nicht durch die Politik aufgezwungen werden.
Die Stützung der C-Milch wurde eingeführt, weil niemand C-Milch zum Weltmarktpreis melken wollte. Die Fabriken wollen aber doch diese Milch?
Es gibt auch solche, welche die C-Milch melken wollen. Ich hätte kein Problem, wenn der C-Milchpreis auf Weltmarktniveau liegen sollte. Ich will aber auch die Freiheit haben, meine Organisation zu wechseln oder zu wachsen.
Ist denn aber wirklich der Fehlanreiz durch den Fonds Marktstützung der einzige Grund, dass das Mengenwachstum vor allem in wertschöpfungsschwache Kanäle geht?
Das ist nur ein Grund. Ein anderer sind die Sachzwänge des Milchmarktes wie etwa die Währungssituation mit dem starken Franken. Oft wird behauptet, dass die sogenannten Turbomelker an der Überschussproduktion Schuld seien. Aber niemand spricht dabei von den Turbulenzen in der Emmentaler-Produktion. Deshalb wehre ich mich dagegen, dass man einzelne Gruppen als Schuldige hinstellt. Die Definition, was zu viel ist oder zu wenig, das ist heikel. Man kann den Butterberg ja auch herbeireden.
Welche Rolle sehen Sie für die SMP in Zukunft?
Die SMP sind die politische Interessenvertretung, der Dienstleister und die Berufsorganisation, die jedoch keine Gewerkschaft sein kann. Die Verantwortung für den Milchmarkt liegt bei der BOM, beziehungsweise den Marktorganisationen. Durch die falschen Hoffnungen nehmen wir die BOM immer aus der Verantwortung. Ich widerspreche hier auch SMP-Direktor Albert Rösti deutlich. Er hat das Gefühl, dass man wieder mit politischer Unterstützung eine Mengensteuerung in Produzentenhand haben müsse. Die Mengensteuerung gehört aber in die Hand der BOM, denn erzwungene Massnahmen erzeugen wieder Gegendruck. Nur wenn eine Mengensteuerung nicht erzwungen ist, dann ist sie gut. Und ich finde es gut, wenn der Bauernverband wieder eingreift.