
Die Versammlung war mit knapp 200 Teilnehmenden am Strickhof in Lindau ZH gut besucht. Der Einführung eines Referenzmengensystems wurde deutlich zugestimmt.
Adrian Haldimann
«Für mich wird die Situation immer schlimmer.» Mit diesen Worten schilderte ein Milchproduzent am Mittwoch an der ausserordentlichen Generalversammlung von Mooh die angespannte Lage auf seinem Betrieb. Allein in diesem Jahr fehlten ihm über 100'000 Franken. Im August habe der Milchpreis 9 Rp. unter dem Vorjahresniveau gelegen. Gleichzeitig müsse er teures Futter zukaufen. «Die Belastung auf den Betrieben ist enorm. Ich höre von vielen Bauernfamilien, die mit massiven Problemen kämpfen – psychisch, familiär und finanziell.»
Auch andere Milchbauern, darunter solche mit kleineren Betrieben, berichteten dem Schreibenden am Strickhof in Lindau ZH von hohen Futterkosten. Einige mussten in diesem Jahr für mehrere Zehntausend Franken zusätzliches Futter zukaufen.
Die Trockenheit und die schlechten Futtererträge haben viele Betriebe hart getroffen. Umso weniger können manche Milchproduzenten nachvollziehen, weshalb die Milcheinlieferungen bereits wieder fast das hohe Vorjahresniveau erreichen. Und dies, obwohl die Zahl der Milchkühe deutlich zurückgegangen ist.
Neues System ab Anfang 2027
Dieser Widerspruch beschäftigte auch die Verantwortlichen von Mooh. Während viele Milchproduzenten unter hohen Futterkosten leiden, belasten die grossen Milchmengen und insbesondere das überschüssige Milchfett den Markt. Die Folge sind tiefe C-Milchpreise, die auf die Einkommen der Produzenten drücken. Mit einem neuen Referenzmengensystem will Mooh gegensteuern. Die Genossenschafter stimmten am Mittwoch mit 198 Ja- zu 26 Nein-Stimmen bei 9 Enthaltungen einer teilweisen Anpassung der Einkaufskonditionen zu. Ab dem 1. Januar 2027 sollen monatliche Referenzmengen dafür sorgen, dass alle Produzenten in Überschussphasen einen Anreiz erhalten, ihre Milchproduktion zu reduzieren. Gleichzeitig soll die Belastung durch C-Milch gerechter verteilt werden.
Bisheriges System stiess an Grenzen
Mooh-Präsident Martin Hübscher erläuterte, weshalb Handlungsbedarf besteht. Seit Herbst 2025 sind die Milcheinlieferungen stark gestiegen, während der Absatz stockte. Hinzu kamen schwierige Exportmärkte, der starke Franken und eingeschränkte Verarbeitungskapazitäten. Besonders problematisch ist das überschüssige Milchfett. Denn bei der Herstellung von fettarmen Käseprodukten bleibt mehr Fett in der Schweiz zurück. Zur Marktentlastung musste die Branche Butter und Rahm exportieren. Laut Hübscher entsprach dies einer Milchmenge von rund 92 Millionen Kilogramm. Allerdings hätten sich nicht alle Marktteilnehmer im erforderlichen Umfang daran beteiligt. Mooh sei überproportional von den Überschüssen betroffen gewesen. Geschäftsführer René Schwager erklärte, dass die bisherigen Einkaufskonditionen an ihre Grenzen gestossen seien. Im Frühjahr 2026 mussten die Produzenten im Basismodell einen fixen Anteil ihrer Milch als C-Milch abrechnen lassen. Selbst wer seine Produktion reduzierte, konnte dies kaum verhindern. Anders war die Situation im Planungsmodell, wo die Produzenten ihre C-Milchmenge durch die Einhaltung der vereinbarten Liefermenge beeinflussen konnten.
Mit den Referenzmengen sollen künftig für alle Betriebe dieselben Bedingungen gelten. Schwager betonte, dass dies keine Rückkehr zur Milchkontingentierung bedeute. Vielmehr gehe es darum, in ausserordentlichen Überschussphasen faire Anreize zur Mengenreduktion zu schaffen. In normalen Marktphasen bleiben das Basis- und das Planungsmodell unverändert bestehen.
So werden die Referenzmengen berechnet
Bei der Vorstellung des Systems erläuterte Benigna von Ballmoos, Leiterin Mehrwertprojekte, dass für jeden Betrieb und jeden Kalendermonat eine individuelle Referenzmenge festgelegt wird. Grundlage bilden grundsätzlich die Liefermengen von drei Kalenderjahren. Dabei wird jeweils die tiefste Monatsmenge gestrichen und aus den beiden höheren Mengen der Durchschnitt berechnet.
Für 2027 werden die Jahre 2023, 2024 und 2025 berücksichtigt. Das Jahr 2026 wird bewusst ausgeschlossen. Mooh habe die Produzenten in diesem Jahr ausdrücklich zur Mengenreduktion aufgefordert. Wer dieser Aufforderung nachgekommen sei, solle nun nicht durch eine tiefere Referenzmenge bestraft werden. Der Verwaltungsrat kann die Referenzmengen mit einem monatlichen Korrekturfaktor an die Marktlage anpassen. Dieser kann je nach Milchsorte unter oder über 100 Prozent liegen. Die Produzenten werden jeweils bis zum 20. des Vormonats informiert.
In Monaten mit C-Milch wird die angelieferte Menge bis zur korrigierten Referenzmenge zum Basispreis vergütet. Darüber hinausgehende Lieferungen werden als C-Milch abgerechnet. Ein Betrieb mit einer korrigierten Referenzmenge von 55'000 kg, der 58'000 kg liefert, erhält somit für 3000 kg lediglich den C-Milchpreis. In einem Berechnungsbeispiel von Mooh betrug dieser 23 Rp. gegenüber einem Basispreis von 56 Rappen pro Kilogramm. Damit können Betriebe die C-Milch künftig vermeiden, indem sie ihre Lieferungen entsprechend reduzieren. Die Regelung gilt unabhängig davon, ob ein Betrieb im Basis- oder im Planungsmodell abrechnet.
Wer wachsen will
Für Betriebe mit wesentlichen Veränderungen, beispielsweise einem Stallneubau, besteht die Möglichkeit, die Referenzmenge kostenpflichtig zu erhöhen. Die Zusatzmenge muss mindestens 20 Prozent der bisherigen Jahresreferenzmenge betragen. Für 2027 kostet die Erhöhung 8 Rp. pro zusätzlichem Kilogramm. Wer monatlich 20'000 kg zusätzlich absichern will, bezahlt somit 19'200 Franken pro Jahr. Die Gebühr wird unabhängig davon fällig, ob tatsächlich C-Milch anfällt. Anträge für 2027 müssen bis zum 30. November eingereicht werden.
300 Millionen Franken stehen auf dem Spiel
Für Hübscher geht es um weit mehr als eine gerechtere Verteilung der C-Milch innerhalb von Mooh. Er warnte eindringlich vor den Folgen, sollte die Segmentierung in der Schweizer Milchwirtschaft nicht konsequent umgesetzt werden. Seine Rechnung: Bei 1,5 Milliarden Kilogramm A-Milch und einer Preisdifferenz von 20 Rp. zum B-Segment stehen rund 300 Millionen Franken Wertschöpfung auf dem Spiel. Ohne funktionierende Segmentierung drohe der A-Milchpreis in Richtung des tieferen B-Milchpreises zu sinken.
«Damit sich die Situation für alle Produzenten in Überschusssituationen verbessert, muss zwingend die ganze Branche mitziehen», erklärte Hübscher. Mooh wolle mit dem neuen System vorangehen und ein Zeichen setzen. Langfristig brauche es aber eine branchenweite Lösung.
Keine langfristigen Überschüsse erwartet
In der anschliessenden Diskussion äusserten mehrere Milchproduzenten Bedenken. Sie befürchteten, dass die Referenzmengen das Wachstum ihrer Betriebe behindern könnten. Zudem wurde die Frage aufgeworfen, ob eine Mengenreduktion überhaupt sinnvoll sei, wenn andere Milchkäufer ihre Produktion nicht ebenfalls begrenzten. Hübscher widersprach der Befürchtung, dass die Schweiz dauerhaft zu viel Milch produzieren werde. Der Verwaltungsrat gehe nicht von langfristigen strukturellen Überschüssen aus. Angesichts der rückläufigen Kuhzahlen glaube Mooh weiterhin an die Zukunft der Schweizer Milchproduktion. Die aktuelle Situation sei aussergewöhnlich.
Zwei Szenarien
Schwager zeigte daraufhin zwei mögliche Szenarien auf. Im günstigeren Fall finde die Branche eine gemeinsame Lösung. Dann hätten alle Milchproduzenten einen Anreiz, in Überschussphasen ihre Produktion zu reduzieren. Der Markt könnte sich dadurch rascher stabilisieren.
Anders sehe es aus, wenn Mooh mit dem Referenzmengensystem allein bleibe. Dann drohe die Segmentierung zunehmend unter Druck zu geraten. Würden die Milchpreise in der Schweiz um 5 bis 10 Rp. sinken, könnten zahlreiche Betriebe ihre Produktionskosten nicht mehr decken, warnte Schwager. Eine Marktbereinigung würde dann über einen schmerzhaften Preiszerfall erfolgen.
Hübscher machte deutlich, dass Mooh eine solche Entwicklung nicht einfach hinnehmen werde. Er sagte sinngemäss, Mooh werde sich nicht mehr darauf einlassen, am Ende als einzige Organisation die C-Milch übernehmen zu müssen. Der Verwaltungsrat sei nicht bereit, die Produktion der eigenen Mitglieder einzuschränken, während andere Marktteilnehmer davon profitierten. Sollte die Branche nicht mitziehen, werde sich auch Mooh wieder stärker dem Wettbewerb um die Milchmengen stellen.
Lob von der Branchenorganisation Milch
Unterstützung erhielt Mooh von Stefan Kohler, Geschäftsführer der Branchenorganisation Milch (BOM). Er bezeichnete die vorgeschlagene Regelung als «sehr ausgeklügeltes System». Besonders positiv beurteilte er, dass das Ausnahmejahr 2026 nicht als Referenzjahr berücksichtigt werde und dass saisonale Unterschiede sowie die Situation von Alpbetrieben in die Berechnung einflössen.
Kohler sprach von einem wichtigen Schritt, damit die Milchsegmentierung künftig konsequenter umgesetzt werden könne. Gleichzeitig versicherte er den Genossenschaftern, dass Mooh nicht allein dastehe. Andere grosse Erstmilchkäufer hätten bereits vergleichbare Regelungen oder seien daran, ihre Modelle auf Anfang 2027 anzupassen. «Ihr seid nicht alleine», betonte Kohler.
Grundsätzlich zeigte sich der BOM-Geschäftsführer zuversichtlich. Der Schweizer Milchmarkt sei insgesamt gesund. Das Referenzmengensystem sei deshalb als Instrument für ausserordentliche Krisenphasen zu verstehen und nicht als dauerhafte Wachstumsbeschränkung.
«Nicht einfach immer zurückfahren»
Zum Abschluss der Diskussion griff Schwager nochmals die Frage nach der langfristigen Entwicklung der Milchproduktion auf. Es gehe nicht darum, die Schweizer Milchwirtschaft dauerhaft zu verkleinern. Vielmehr müsse die Branche ihre Marktanteile verteidigen und zurückgewinnen. Während der Markt für Milchprodukte wachse, verliere die Schweizer Produktion in verschiedenen Bereichen Anteile an Importprodukte. Mooh investiere deshalb auch in die Erschliessung neuer Märkte und in die Sicherung der Wertschöpfung. «Wir wollen nicht den Kopf in den Sand stecken und einfach immer zurückfahren. Das ist definitiv falsch», betonte Schwager. Die Referenzmengen seien lediglich ein Instrument, um kurzfristige Überschüsse aufzufangen und einen Preiszerfall zu verhindern.
Wie dringend eine solche Lösung aus Sicht von Mooh ist, zeigte auch der Marktbericht von Christa Diem, Leiterin Rohmilchverkauf und stellvertretende Geschäftsführerin. Trotz der Trockenheit und der tieferen Kuhzahlen liegen die Milcheinlieferungen bereits wieder ungefähr auf dem hohen Vorjahresniveau. Gleichzeitig belasten die grossen Fettmengen den Markt. In der Kalenderwoche 39 befanden sich 5840 Tonnen Butter in den Tiefkühllagern. Hübscher appellierte deshalb an die Produzenten, angesichts der aktuellen Marktlage gut abzuwägen, ob sie zusätzliches Futter zukaufen oder lieber etwas weniger Milch produzieren.

Nationalrat Martin Hübscher (SVP, ZH) führte als Mooh-Präsident souverän durch die Versammlung. Er bewirtschaftet einen Milchviehbetrieb in Bertschikon ZH.
Adrian Haldimann