«Unser Ziel ist klar, ein Horrorszenario zu verhindern»

In der aktuellen Situation kommen nicht nur vermehrt Milchbauern, sondern teils auch Verarbeiter und Milchhändler in finanzielle Bedrängnis. Stephan Hagenbuch, Direktor der Schweizer Milchproduzenten (SMP), ordnet die Lage ein und sagt, wie die Branche künftig gestärkt werden soll.

Adrian Haldimann  |

Das Interview ist in der Samstagsausgabe erschienen. Am Montag gaben die SMP den Rücktritt von Stephan Hagenbuch bekannt.

Die SRF-«Rundschau» zeigte vergangene Woche, dass Magermilch teilweise in Biogasanlagen entsorgt wird, weil sie kaum mehr verarbeitet werden kann. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation auf dem Milchmarkt?

Stephan Hagenbuch: Die Situation ist kurzfristig nach wie vor angespannt, auch wenn die Mengen zuletzt auf hohem Niveau leicht rückläufig waren. Wir sind immer noch über 105 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die ergriffenen Massnahmen zeigen zwar Wirkung, für eine Entwarnung ist es aber noch zu früh.

Weshalb?

Das Hauptproblem liegt bei den Verarbeitungskapazitäten, insbesondere bei der Eiweissverwertung in der Industrie. Käse kann gut hergestellt werden, wenn der Markt vorhanden ist; auch bei Butter gibt es noch Möglichkeiten. Am Schluss bleibt aber das Eiweiss übrig, und genau dort sind die Kapazitäten beschränkt. Darum gehen kleine Mengen am Ende tatsächlich und leider in die Biogasanlage. Das ist störend und emotional belastend. Unser Ziel ist es, den Schaden mit einer guten Koordination möglichst klein zu halten. Die technische Zusammenarbeit in der Branche läuft gut. Trotzdem bleibt die Realität, dass die Kapazitäten knapp sind.

«Eine der wichtigsten Massnahmen ist die kurzfristige Drosselung der Milcheinlieferungen.»

Stephan Hagenbuch, Direktor SMP

Die ersten Kühe sind bereits auf der Weide. Befürchten Sie, dass die eigentliche Milchleistungsspitze erst noch bevorsteht?

Ja, wir haben Respekt vor der saisonalen Spitze. Die Milchmenge steigt jetzt naturgemäss an. Allerdings stehen im Vergleich zu den vergangenen Wochen zusätzliche Kapazitäten zur Verfügung, weil Revisionen in Verarbeitungswerken früher gemacht wurden und einzelne Anlagen wieder einsatzbereit sind.

Was ist derzeit die wichtigste Massnahme, die die Milchbranche ergreifen sollte?

Eine der wichtigsten Massnahmen ist die kurzfristige Drosselung der Milcheinlieferungen. Es geht jetzt in erster Linie darum, die Mengen zu stabilisieren. Daneben braucht es Marktentlastungsmassnahmen, Markttransparenz und eine möglichst faire Lastenverteilung in der Branche. Entscheidend ist, dass alle ihren Beitrag leisten. Die Erfahrung zeigt, dass Produzenten rasch reagieren, wenn finanzielle Anreize geschaffen werden. Dann wird weniger Milch eingeliefert, die Fütterung angepasst oder stärker auf Kälbermast gesetzt. Die Bremsspur muss kurz sein. Gleichzeitig gilt es den Blick nach vorne Richtung Markt auszurichten. Positiv betrachten wir die Käseexporte im Februar.

Ausgerechnet in einer Phase, in der viele Produktionsanlagen stark ausgelastet sind, geraten Verarbeiter und Erstmilchkäufer in finanzielle Bedrängnis. Beim Freiburger Milchverarbeiter Cremo etwa sorgt ein Massenrücktritt im Verwaltungsrat für Unruhe. Wie gut ist die Branche auf mögliche Konkurse vorbereitet – und welche Rolle spielen die SMP dabei?

Unser Ziel ist klar, ein solches Horrorszenario zu verhindern. Darum stehen wir mit allen relevanten Akteuren in engem Kontakt. Ich habe frühere Krisen in der Branche, beispielsweise Swiss Dairy Food (SDF), miterlebt und weiss, wie solche Situationen ablaufen könnten und welche Massnahmen es dann braucht. Entsprechend sind wir nicht unvorbereitet. Im Vordergrund steht aber ganz klar, alles daranzusetzen, dass es gar nicht so weit kommt.

«Das sind keine gleich langen Spiesse im Wettbewerb.»

Stephan Hagenbuch, Direktor SMP

Der Fall des Toblerone-Herstellers Mondelez hat hohe Wellen geschlagen, da offenbar weiterhin grosse Mengen Butter im Rahmen des Veredelungsverkehrs importiert werden – trotz Milchüberschuss in der Schweiz. Wie beurteilen Sie diesen Fall?

Der Fall ist für uns sehr relevant, weil es um grosse Mengen geht. Grundsätzlich messen wir der Verhinderung des Veredelungsverkehrs einen hohen Stellenwert bei. Unser Ziel ist klar: Wir unternehmen alles, damit möglichst viel Rohstoff wieder aus der Schweiz kommt statt aus dem Ausland. Wichtig ist aber, dass diese Bemühungen nicht erst wegen der aktuellen Überschusssituation begonnen haben. Der Angebotsüberschuss verschärft das Problem zusätzlich, aber wir waren schon vorher an diesem Thema dran.

Auf politischer Ebene wurden Vorstösse für strengere Regeln im Veredelungsverkehr eingereicht, etwa von Nationalrat Martin Hübscher und Ständerätin Isabelle Chassot. Unterstützen Sie diese?

Ja, wir haben davon gehört und unterstützen diese Vorstösse klar. Es geht dabei nicht darum, den Veredelungsverkehr grundsätzlich einzuschränken. Es geht darum, dass Schweizer Hersteller überhaupt die Möglichkeit erhalten, ein Angebot zu machen. Heute werden Gesuche im Informationsverfahren praktisch automatisch bewilligt, und Schweizer Hersteller werden zum Teil ausgegrenzt. Das sind keine gleich langen Spiesse im Wettbewerb. Künftig soll gelten: Wenn ein gleichwertiges Schweizer Angebot vorliegt, soll Schweizer Rohstoff Vorrang haben. Aus unserer Sicht sind das sehr vernünftige Vorstösse, weil sie auf mehr Transparenz, faire Regeln und «Switzerland First» abzielen.

Der Zürcher Bauernverband schlägt einen Fonds vor, der über allgemeinverbindliche Beiträge finanziert würde. In Phasen mit Milchüberschuss könnten aus diesem Fonds Entschädigungen für freiwillige Nichtlieferungen bezahlt werden. Wie stehen die SMP dazu?

Der Vorschlag ist dem SMP-Vorstand bekannt, wurde aber noch nicht vertieft diskutiert. Es handelt sich um eine von mehreren Ideen. Für uns hat eine Branchenlösung Priorität. Wenn sich eine Lösung mit den Branchenpartnern erreichen lässt, dann ist das der beste Weg. Reine Produzentenlösungen funktionieren erfahrungsgemäss nur mit einer «Allgemeinverbindlichkeit» des Bundesrates. Darum beurteilen wir solche Vorschläge nicht vorschnell, sondern immer im Vergleich mit anderen möglichen Instrumenten. Für eine abschliessende Würdigung ist es noch zu früh.

«Der Käsefreihandel mit der EU ist Realität, und ich glaube nicht, dass dieses «Rad» politisch zurückgedreht wird.»

Stephan Hagenbuch, Direktor SMP

Die Käseimporte haben stark zugenommen. Sollte die Schweiz den Käsefreihandel überdenken oder kündigen?

Der Käsefreihandel mit der EU ist Realität, und ich glaube nicht, dass dieses «Rad» politisch zurückgedreht wird. Wir müssen uns fragen, wie wir unsere Position in diesem Umfeld verbessern können. Die Importe sind deutlich stärker gewachsen als die Exporte, und das stört uns. Ein wichtiger Faktor ist auch der Wechselkurs. Unser Fokus liegt darum auf besseren Rahmenbedingungen für die Schweizer Milchproduktion, insbesondere auf einer höheren Verkäsungszulage (Motion 24.4269), einem besseren Grenzschutz (inklusive Veredelungsverkehr) und einer stärkeren Importabwehr. Wir müssen im Inland wieder Mengen zurückgewinnen – «whatever it takes!».

Die Februar-Abrechnungen mit Produzentenpreisen von teilweise nur 40 bis 50 Rp./kg für beispielsweise Mooh-Lieferanten setzen viele Milchbauern unter Druck. Braucht es im Rahmen der Agrarpolitik ab 2030 (AP30+) eine Umverteilung der Direktzahlungen?

Das Hauptproblem sind weniger die Durchschnittspreise als vielmehr die grossen Unterschiede zwischen den Erstmilchkäufern. Wenn innerhalb desselben Segments Differenzen von 20 Rappen entstehen, dann unterläuft das die Segmentierung. Dort haben wir ein Problem bei der Lastenverteilung. Bei der AP30+ setzen wir den Fokus aber nicht auf einen Verteilungskampf bei den Direktzahlungen. Im Zentrum stehen für uns eine höhere Verkäsungszulage, ein besserer Grenzschutz und griffigere Massnahmen beim Veredelungsverkehr.

Noch vor einem Jahr war Milch stark nachgefragt. Rechnen Sie damit, dass sich der Markt bald wieder erholt – und besteht deshalb nicht die Gefahr, dass man auf zusätzliche Massnahmen verzichtet?

So unbeschwert, wie es im Rückblick vielleicht erscheint, war die Situation auch vor einem Jahr nicht. Schon damals mussten Rahm und Butter exportiert werden, einfach in einem weniger dramatischen Ausmass. Der Markt ist grundsätzlich zyklisch, und irgendwann wird Milch wieder stärker gefragt sein. Aber im Moment ist es klar zu früh für eine Entwarnung. Die Produktion muss gedrosselt werden, damit wir möglichst bis Mitte Jahr wieder zu einem ausgeglichenen Markt kommen. Es ist klar, dass wir aus der aktuellen Situation lernen müssen. Es geht auch darum, für die nächste Krise besser vorbereitet zu sein und die Instrumente weiterzuentwickeln, damit wir künftig schneller und gezielter agieren können.

Kommentare (1)

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  • fred | 23.03.2026
    a b c milck korrekt anwenden wäre auch was...
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