Notoperation rettet Kuh Kolibri

Ein Gebärmutter-Riss ist extrem selten. Die Simmentaler Kuh «Kolibri» aus Wengi bei Frutigen BE hat einen solchen gut überstanden und ist wieder trächtig. Dies auch, weil Erika Jungen ihre Kuh genau beobachtete und rechtzeitig Hilfe holte.

Sybille Hunziker |

Anfang 2026 machte sich Erika Jungen Sorgen um ihre «Kolibri». Die damals vierjährige Simmentaler Kuh, die im neunten Monat trächtig war, wollte seit ein paar Tagen nicht recht fressen und zeigte auch sonst Anzeichen von Bauchweh. Die Bäuerin in Wengi bei Frutigen und ihre Tierärztin dachten zunächst an einen Fremdkörper – in Zeiten, in denen immer mehr Abfall auf Weiden landet, leider kein seltener Fall.

Die Fremdkörperbehandlung mit dem Magnet brachte allerdings keine Besserung. Deshalb zog die Tierärztin ihren Kollegen Cagri Binici aus Matten bei Interlaken bei, einen erfahrenen Fachtierarzt für Wiederkäuer, der auch über ein mobiles Ultraschallgerät verfügt.

Flüssigkeit in der Bauchhöhle

«Das Kalb boxte in Kolibris Bauch – es lebte also», erinnert sich Erika Jungen. Allerdings wunderte sie sich, wie deutlich und weit vorne die Bewegungen manchmal zu sehen waren. Tierarzt Binicis Ultraschall-Untersuchung zeigte ungewöhnlich viel Flüssigkeit in der Bauchhöhle an, sodass er sich für eine Operation entschied. «Als ich die Bauchhöhle öffnete, kam viel Flüssigkeit und Blut, was zunächst völlig unerklärlich war», erinnert sich Cagri Binici. «Doch dann sah ich plötzlich das strubbelige Fell vom Füdli des Kälbleins.»

«Die Gebärmutter war schon stark zurückgebildet und hatte einen langen Riss.»

Cagri Binici, Tierarzt

Der Tierarzt und die Bäuerin trauten ihren Augen nicht: Das Kalb lag ohne Gebärmutter und Fruchtblase im Bauchraum der Kuh. «Die Gebärmutter war schon stark zurückgebildet und hatte einen langen Riss», berichtet der Tierarzt. «Durch die Nabelschnur war das Kalb aber noch mit Sauerstoff und Nahrung versorgt.» Ausserhalb der Gebärmutter bleibt die Nabelschnur allerdings nur wenige Tage intakt; und weil auch keine natürliche Geburt möglich ist, droht der Kuh eine Blutvergiftung, wenn sie nicht rechtzeitig operiert wird.

Kuh wurde gut umsorgt

Der Tierarzt zog das Kalb aus der Bauchhöhle. Mithilfe von zwei Assistentinnen nähte er den schwer zu erreichenden Gebärmutter-Riss und zum Schluss den Operationsschnitt. Das Kälbli habe sofort angefangen, aufzustehen – wie nach einer normalen Geburt. Kurze Zeit später starb es dann aber doch. Dafür hat sich Mutter Kolibri, um die sich Erika Jungen grosse Sorgen machte, gut erholt – «auch dank Verwandten und Bekannten, die gut zu ihr schauten, wenn ich zur Arbeit ging», sagt die Bäuerin. Die Kuh wurde wieder normal trächtig und ging auch wie jeden Sommer zu Fuss auf die Fluhweid – eine kleine, private Alp, die nur dank berggängigen Tieren noch vor dem Verwalden bewahrt wird.

«Kolibris Mutter, das Chnubeli, wurde 181/2-jährig»

Erika Jungen, Bäuerin

Das neue Kalb wird gegen Ende Jahr erwartet. Vorläufig sieht im Ultraschall alles gut aus, und auch von aussen beobachtet Erika Jungen nichts Ungewöhnliches. Sie hofft deshalb, dass Kolibris nächste Geburt so normal verläuft wie die ersten beiden. Und sie hofft auch, dass Kolibri noch ein langes Leben vor sich hat. «Ihre Mutter, das Chnubeli, wurde 18,5-jährig», berichtet die Bäuerin. Insgesamt stehen drei Kühe im Stall des kleinen Nebenerwerbsbetriebs – Blösch ist mit zehn Jahren derzeit die Älteste. Mit der Milch zieht Erika Jungen Kälber auf, bis sie in grössere Mastbetriebe gehen.

Tiere haben Anschluss an Familie

Cagri Binici hat das Operieren an der Wiederkäuerklinik der Universität Berlin gelernt, in deren Umland es fast nur Betriebe mit tausend Kühen oder mehr gab. Die viel kleineren Betriebe im Berner Oberland schätzt er sehr. «Die Tiere haben hier Familienanschluss und werden tagtäglich gut beobachtet.» Diese Beobachtungen helfen dem Tierarzt, eine Diagnose zu stellen und eine Behandlung zu finden, die funktioniert. «Ohne die genauen Beobachtungen und die Hartnäckigkeit von Frau Jungen und ihrer Tierärztin hätte Kolibri wohl nicht die richtige Diagnose bekommen», sagt Cagri Binici.

Denn weil es keine Wehen oder andere Hinweise auf einen Zusammenhang mit dem Kalb gibt, ist der Gebärmutter-Riss kaum von einer Kolik oder von Fremdkörperbeschwerden zu unterscheiden. «Und es ist auch nicht die erste Diagnose, die einem in den Sinn kommt.» In der Fachliteratur fand der Tierarzt nur wenige Fälle von einem spontanen Uterus-Riss bei Rindern – und für den deutschsprachigen Raum gar keinen.

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