
Die kleine Herde im Eingewöhnungsgehege.
Roger Stöckli
Wisente (Bison bonasus) leben in der Schweiz bisher nur in Gehegen. Eines davon befindet sich auf der Sollmatt (SO). Dort will der Verein Wisent im Thal die Tiere schrittweise auswildern.
Zurzeit lebt die kleine Herde in einem rund 100 Hektaren grossen, öffentlich zugänglichen Gehege mit Wald- und Wiesenflächen. WSL-Forschende begleiten das Projekt wissenschaftlich. Sie untersuchen sowohl die Akzeptanz der Bevölkerung als auch mögliche Folgen der Wiederansiedlung für die Forstwirtschaft.
-> Wisent-Projekt: So hoch ist die Akzeptanz
Rinde und junge Triebe
WSL-Biologin Andrea Kupferschmid untersuchte, an wie vielen Bäumen die Wisente Rinde oder junge Triebe fressen. Letzteres wird als Verbiss bezeichnet. Wie die Forschungsanstalt WSL mitteilt, frassen vor der Ankunft der Wisente auf der Sollmatt vor allem Rehe und Gämsen an den Bäumen. Beide Arten sind weiterhin im Gehege unterwegs, wie Wildkameras zeigen. Der Zaun hält sie nicht zurück.
«Seit die Wisente im Gehege leben, sind aber trotzdem weniger Bäume verbissen als vorher», sagt Kupferschmid. Offenbar haben die kleineren Wildtiere ihr Fressverhalten geändert. «Warum, ist unklar», erklärt die Forscherin.

Eine leicht geschälte junge Buche.
Andrea Kupferschmid
Allerdings zählte Kupferschmid zwar insgesamt weniger verbissene Bäume, bei den betroffenen Exemplaren war der Verbiss jedoch stärker. Als Ursache vermutet sie die Grösse der Wisente: Mit ihren grösseren Mäulern nehmen sie grössere Bissen als Rehe und Gämsen. Zudem stieg der Anteil verbissener Buchen. Weshalb, sei auch hier unklar.
Weniger Verbiss
Der Verbiss hat seit der Ankunft der Wisente nicht zugenommen. Deshalb beurteilt Kupferschmid deren Einfluss auf die Baumverjüngung als wirtschaftlich tragbar. «Die Lage diesbezüglich hat sich ja nicht geändert», sagt sie. Anders sehe es beim Schälen aus. Dabei ziehen Tiere lange Rindenstreifen von den Bäumen ab und fressen sie. «Die entstehenden Verletzungen können Einfallsherde für Infektionen sein», erklärt Kupferschmid. Zwar überleben die meisten Bäume die Schälung. Infektionen können das Holz jedoch entwerten, weil sie Verfärbungen verursachen.
Der folgende Beitrag wurde im April 2024 auf SRF ausgestrahlt. Fur Landwirt Sepp Marti aus Welschenrohr, der sich im Beitrag äussert, ist die Ansiedelung der Wisente «eine Schnappsidee».
Während der zweieinhalbjährigen Beobachtungszeit schälten die Wisente rund zehn Prozent der Bäume im Wald. Das sind deutlich mehr als vor ihrer Ankunft, denn Rehe und Gämsen schälen keine Bäume. Rothirsche, die ebenfalls Rinde fressen, sind im Gebiet selten. Meist waren dünne Bäume mit einem Brusthöhendurchmesser von weniger als zwölf Zentimetern betroffen. Buchen, Fichten und Tannen wurden kaum geschält. Bei nur zehn Prozent der geschälten Bäume betraf die Wunde mehr als die Hälfte des Stammumfangs.
Beliebtes Edelholz
«Es kann sein, dass die höhere Wisentdichte in der Sollmatt das Ausmass der Schälaktivität beeinflusste», sagt Kupferschmid. Im Gehege leben deutlich mehr Wisente pro Hektare als in freilebenden Populationen.
Besonders gerne fressen die Tiere die Rinde dünner Edellaubhölzer wie Bergahorn, Ulme, Esche und Mehlbeere. Nadelbäume und ältere Bergahorne mit dickerer Rinde verschmähen sie dagegen weitgehend. Problematisch könnte das laut der Forscherin in Wäldern mit viel Wertholz werden. Auf der Sollmatt ist dies nicht der Fall, da dort vor allem Brennholz anfällt.