
Wenn die PFAS-Werte im Fleisch zu hoch sind dürfen die Bauern es nicht mehr verkaufen. PFAS sammeln sich über die gefressenen Gräser in den Kühen an.
Pirmin Adler
Im August 2024 informierte der Kanton St. Gallen über PFAS-belastete Landwirtschaftsböden und damit kontaminiertes Fleisch. Seither wird der Umgang mit den krebserregenden Ewigkeitschemikalien intensiv diskutiert. Ein Artikel des «St. Galler Tagblatts» verweist auf eine kantonale Untersuchung, die anhand von Milchproben zeigte, dass der Grossteil des Kantons kein PFAS-Problem hat.
Anders sieht es jedoch im Nordosten des Kantons aus. Dort zeige sich eine grossflächige Belastung mit dieser Chemikalie. Ging man vormals nur von fünf Landwirtschaftsbetrieben mit PFAS-verseuchten Böden aus, sind es mittlerweile bereits 23 Betriebe. Weitere könnten dazukommen. Für die betroffenen Betriebe, die deswegen ihr Fleisch und ihre Eier nicht mehr verkaufen können, hat dies existenzielle Auswirkungen.
Aufschlussreiche Milchproben
Auslöser war ein Zufallsfund im Ostschweizer Fluss Goldach, wo erhöhte PFAS-Werte gemessen wurden. Bodenproben deuteten auf ein grösseres belastetes Gebiet hin. Um sich einen Überblick zu verschaffen, setzte der Kanton auf Milchproben. Denn Kühe nehmen PFAS über das belastete Gras auf, das sie fressen. In der Milch kann die Chemikalie dann nachgewiesen werden.
Der Kanton hat flächendeckend die Milch detailliert auf PFAS-Rückstände untersucht. Die Untersuchungen haben ergeben, dass es im Kanton St. Gallen kein generelles Problem mit PFAS-verseuchten Böden gibt. Belastungen würden meist nur punktuell auftreten, heisst es im «St. Galler Tagblatt». Die Untersuchungen zeigten jedoch auch, dass ein Gebiet besonders stark betroffen ist.
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Viehbetriebe existenziell bedroht
Im Nordosten stellt der Kanton eine grossflächige PFAS-Belastung fest. Betroffen seien die Gebiete von St. Gallen bis ins Untere Rheintal, allenfalls sogar auch im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Mindestens 23 Landwirtschaftsbetriebe in diesen Gebieten sehen sich deshalb mit einem existenziellen Problem konfrontiert. Besonders stark betroffen sind Viehhalter. «Sind die Werte zu hoch, darf das Fleisch nicht auf den Markt gelangen», wird Bruno Inauen vom «St. Galler Tagblatt» zitiert. Inauen ist Leiter des kantonalen Landwirtschaftsamts.
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Für Sofortmassnahmen hat der Kantonsrat vorab 5 Millionen Franken zur Verfügung gestellt. Bisher wurden davon lediglich rund 200'000 Franken beansprucht. Sollte es zu Härtefallentschädigungen kommen, würde dieses Geld jedoch kaum ausreichen. Neben Entschädigungen werden jedoch auch Umstrukturierungen der Betriebe geprüft und Forschungsprojekte durchgeführt.
Ackerbau als Perspektive
Sauberes Wasser und Futter senken die PFAS-Werte zwar rasch, seien aber keine dauerhafte Lösung. Eine stärkere Ausrichtung auf die pflanzliche Produktion könnte eine solche Lösung darstellen. «Je nach klimatischen Verhältnissen könnte die pflanzliche Produktion eine Alternative zur Viehwirtschaft darstellen», sagt Inauen gegenüber dem «St. Galler Tagblatt».
Die Suche nach Kulturen, die nur wenig PFAS aufnehmen ist angelaufen. Spargel würden so beispielsweise von hohen Werten im Boden kaum beeinträchtigt. In Forschungsprojekten, an denen auch Agroscope beteiligt ist, wird geprüft, wie die Chemikalie im Boden gebunden werden kann, sodass sie weder ins Abwasser noch in die Pflanzen gelangt.
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Auch in Eiern kann sich die Chemikalie anreichern. Auf Bio-Geflügelbetrieben werde deshalb getestet, wie sich eine Beschränkung der Weidezeit auf die PFAS-Konzentration in den Eiern auswirken könnte. Wenn diese Versuche erfolglos bleiben, wäre ein Weidegang für die Hühner in den betroffenen Regionen also nicht mehr möglich. Die Betriebe müssten auf das Label verzichten. Denn eine grossflächige Sanierung landwirtschaftlicher Böden sei nach heutigem Stand kaum möglich, schreibt das «St. Galler Tagblatt».
Was sind PFAS?
Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (PFAS) sind eine Gruppe von schwer abbaubaren Chemikalien, die in verschiedenen industriellen Prozessen und Produkten, wie Textilien, elektronischen Geräten, Papierbeschichtungen, Farben, Feuerlöschschäumen und Skiwachsen eingesetzt werden. Die Stoffgruppe umfasst mehr als 5’000 verschiedene Verbindungen. Drei bekannte Einzelstoffe, die Perfluoroctansulfonsäure (PFOS), die Perfluoroctansäure (PFOA) und die Perfluorhexansulfonsäure (PFHxS) sind in der Schweiz und der EU mittlerweile weitgehend verboten.
Aufgrund ihrer Stabilität können sie aber in der Umwelt weiterhin nachgewiesen werden. PFAS können z.B. aus belasteten Standorten ins Grundwasser eingetragen werden. Ein weiterer Eintragsweg ist die Infiltration von Oberflächenwasser ins Grundwasser. Ins Oberflächenwasser wiederum gelangen die PFAS über gereinigtes Abwasser oder von belasteten Standorten. Aus belastetem Boden oder belastetem Tränkewasser für Tiere können PFAS auch in die Nahrungskette übergehen. Nach heutigem Kenntnisstand sind insbesondere Fleisch, Milch, Eier und Fische betroffen. Quelle: Interkantonales Labor