
Die Landwirte Andreas (l.) und Christian Obrecht bewirtschaften ihre Betrieb klimaneutral
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Seit 1993 arbeiten die beiden Landwirtschaftsbetriebe von Christian und Amelie Obrecht-Weber sowie Andreas und Silvia Obrecht-Gadient eng zusammen. 1996 entschieden sich die Betriebsleiter, ihre beiden Betriebe gemeinsam nach den Richtlinien von Bio Suisse zu führen. Bis 2017 wurde Biomilch produziert, danach erfolgte eine grundlegende Umstellung der Tierhaltung. Seither setzen die Betriebe auf Mutterkuhhaltung mit der Produktion von Natura-Beef und Bio-Weidebeef.
15 Hektaren Ackerbau
Nebst der Fleischproduktion spielt auch der Ackerbau eine zentrale Rolle. Auf rund 15 Hektaren wird vorwiegend Getreide für die menschliche Ernährung angebaut, namentlich Weizen, Gerste, Roggen, Dinkel und Triticale. Mit den auf den Betrieben produzierten Lebensmitteln kann rechnerisch der Jahresbedarf von 772 Personen gedeckt werden (entspricht 2’316 Gigajoule). Zum Vergleich: Im schweizerischen Durchschnitt ernährt ein Landwirtschaftsbetrieb rund 110 Personen.
Unter Berücksichtigung beider Betriebe sowie der Photovoltaikanlage und der bewirtschafteten Waldflächen kann mittels Bilanzierungsmodellen aufgezeigt werden, dass die Arbeitsgemeinschaft Obrecht rechnerisch eine klimaneutrale Landwirtschaft betreibt.
Seit fünf Jahren sind Sie Teil des Projekts «Klimaneutrale Landwirtschaft Graubünden». Welche zentralen Erkenntnisse haben Sie in dieser Zeit in Bezug auf eine klimafreundlichere Landwirtschaft gewonnen?
In den vergangenen fünf Jahren konnten wir uns intensiv mit dem Thema Klimaneutralität in der Landwirtschaft auseinandersetzen. Wir haben ein fundiertes Verständnis dafür entwickelt, wie Klimagase entstehen, wie sie wirken und an welchen Stellschrauben angesetzt werden kann, um Emissionen gezielt zu reduzieren. Besonders wertvoll war dabei der kontinuierliche Austausch mit den anderen Pilotbetrieben. Dieser Erfahrungsaustausch hat wesentlich dazu beigetragen, praxisnahe Lösungen zu erkennen, voneinander zu lernen und die Massnahmen realistisch und betrieblich umsetzbar weiterzuentwickeln.
Welche konkreten Massnahmen oder Projekte haben Sie auf Ihren Betrieben umgesetzt, um die Klimabilanz zu verbessern?
Zur Verbesserung der Klimabilanz unserer Betriebe haben wir in den vergangenen Jahren eine Vielzahl konkreter Massnahmen umgesetzt: Wir haben Methanemissionen durch die Abdeckung unserer Güllebehälter reduziert. Weiter haben wir den den Humusaufbau durch eine weniger tiefe und bodenschonende Bodenbearbeitung gefördert, wir setzen auf Gründüngung und Zwischenfutteranbau sowie eine möglichst ganzjährige Bodenbedeckung der Ackerflächen. Mit der Ausdehnung der Weidehaltung haben wir den Humusaufbau gefördert als auch Stickstoffverluste reduziert.
«Es gab auch Massnahmen, die sich in der Praxis nicht oder nur eingeschränkt umsetzen liessen.»
Wendet Ihr weitere Massnahmen an?
Wir setzen flächendeckend den Schleppschlauch ein, im Ackerbau verringern wir durch die rasche Einarbeitung von Mist kurz nach der Ausbringung Emissionen. Effektive Mikroorganismen (EM) verwenden wir beim Silieren, in der Gülle sowie zur Vernebelung im Laufstall. Die Zugabe von Pflanzenkohle in der Fütterung verbessert die Nährstoffbindung und mindert so die Emissionen. Wir wenden auch die mikrobielle Karbonisierung als Mistkompostmethode nach Walter Witte an. Insgesamt zeigt sich, dass eine Kombination aus technischen, pflanzenbaulichen und betriebsorganisatorischen Massnahmen notwendig ist, um die Klimabilanz nachhaltig und praxisnah zu verbessern.
Gab es auch Massnahmen, die sich in der Praxis nicht bewährt haben oder die aufgrund von Kosten, Arbeitsaufwand oder Komplexität nicht verhältnismässig waren?
Ja, es gab auch Massnahmen, die sich in der Praxis nicht oder nur eingeschränkt umsetzen liessen. So konnten wir die Güllenansäuerung zur Reduktion von Ammoniakemissionen und zur Senkung des pH-Werts nicht realisieren, da die dafür üblicherweise eingesetzte Schwefelsäure im Biolandbau nicht zugelassen ist. Eine mögliche Alternative mit Zitronensäure erwies sich aufgrund der fehlenden regionalen Verfügbarkeit in ausreichender Menge als nicht praktikabel. Gleichzeitig konnten wir aber auch feststellen, dass sich gewisse Massnahmen im Laufe der Zeit sogar vereinfachen und arbeitswirtschaftlich verbessern liessen.
Führen Sie aus.
Ein gutes Beispiel dafür ist die mikrobielle Karbonisierung als Mistkompostierung. Während früher der Laufhofmist zu einem Haufen aufgesetzt und mehrmals mit dem Teleskoplader umgeschichtet wurde, erfolgt die Kompostierung heute über den Mistzetter (zur Zerkleinerung des Materials) mit anschliessendem Verdichten des Mists. Entscheidend ist dabei, dass der Haufen ausreichend feucht gehalten wird, sodass die Feuchtigkeit nach unten sickert und die Mikroorganismen mitnimmt und gut verteilt. Insgesamt bedeutet diese Methode weniger Arbeitsaufwand bei gleichzeitig höherem Nutzen – ein klarer Gewinn für Betrieb und Umwelt.

Die Betriebe weisen insgesamt eine negative Klimabilanz auf.
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Gemäss Ihrer Bilanzrechnung wirtschaften Ihre Betriebe klimaneutral. Können Sie uns erläutern, wie diese Berechnungen zustande kommen und welche Annahmen dabei gemacht werden?
Insgesamt wurden unsere Betriebe von drei verschiedenen Firmen klimabilanziert. Diese Bilanzierungen basierten jeweils auf unterschiedlichen Systemgrenzen und Parametern. So wurde in einer Bilanz beispielsweise unsere betriebseigene Solaranlage nicht berücksichtigt, während eine andere den eigenen Wald nicht miteinbezog. Für uns ist entscheidend, dass der gesamte Betrieb in der Klimabilanz abgebildet wird – dazu gehören neben der landwirtschaftlichen Produktion auch die eigene Waldwirtschaft sowie die betriebsinterne Energieproduktion. Die Klimabilanzierung nach dem World-Climate Farm Standard (Version 4.0), durchgeführt im Auftrag von Mutterkuh Schweiz, bildet unsere beiden Betriebe aus unserer Sicht am vollständigsten und realistischsten ab.
«Dass die Tierhaltung allein klimaneutral werden kann, ist aus heutiger Sicht nicht realistisch.»
Welche Massnahmen haben auf Ihren Betrieben den grössten Effekt in Richtung Klimafreundlichkeit erzielt?
Ein besonders grosser Schritt war die Abdeckung des Güllensilos, durch die jährlich rund 12 t CO₂-Äquivalente eingespart werden können. Die Abdeckung besteht aus einer Holzkonstruktion, wobei das verbaute Holz zusätzlich einmalig rund 6,5 t CO₂ speichert. Perspektivisch liesse sich diese Fläche auch für eine Photovoltaikanlage nutzen, was eine Mehrfachnutzung mit zusätzlichem Klimanutzen ermöglichen würde. Ebenfalls sehr wirksam ist die Mistkompostierung, welche Emissionen deutlich reduziert und gleichzeitig die Nährstoffeffizienz verbessert. Auch Gründüngung, Zwischenfruchtanbau sowie eine schonende Bodenbearbeitung haben einen grossen Einfluss auf den Humusaufbau und damit auf die langfristige Verbesserung der Klimabilanz.
Ihre Klimaneutralität basiert unter anderem auf der Anrechnung von Waldflächen und erneuerbarer Energie. Wie würden Sie die Klimabilanz Ihres Betriebs beurteilen, wenn diese Faktoren nicht einbezogen würden?
Auch ohne die Anrechenbarkeit des Waldes und der Solaranlage steht unser Betrieb im Vergleich bereits heute auf einem sehr guten Niveau. Dass die Tierhaltung allein klimaneutral werden kann, ist aus heutiger Sicht nicht realistisch. In der landwirtschaftlichen Produktion gibt es zahlreiche kleine Stellschrauben, an denen angesetzt werden kann. Die grosse Herausforderung besteht jedoch darin, alle Effekte messbar zu machen. Ob eine Massnahme funktioniert und welchen Nutzen sie bringt, kann der Praktiker in der täglichen Arbeit oft am besten beurteilen. Umso wichtiger bleibt die Hoffnung, dass sich diese Effekte künftig auch verlässlich mit Zahlen belegen lassen.

Der Betrieb von Andreas Obrecht.
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Kritiker bemängeln, dass Klimabilanzen in der Landwirtschaft stark von den gewählten Rechenmodellen abhängen. Wo sehen Sie die Grenzen solcher Berechnungen?
Wir haben vier unterschiedliche Bilanzen berechnen lassen. Alle arbeiten mit leicht unterschiedlichen Ansätzen und setzen die Systemgrenzen nicht einheitlich fest. Grundsätzlich sind die Bemühungen jedoch gross, transparente und nachvollziehbare Modelle anzuwenden. Ein weiterer strittiger Punkt ist die Anrechenbarkeit von Methan als Klimagas. Aktuell wird überwiegend noch mit dem GWP100-Modell gerechnet, das die langfristige Klimawirkung von Methan stark überschätzt. Das GWP*-Modell hingegen berücksichtigt, dass Methan nach wenigen Jahrzehnten zu CO₂ zerfällt und seine Klimawirkung dadurch deutlich geringer ist. Seitens der Branche laufen intensive Bestrebungen, diese Methodik zu korrigieren, da die Klimabilanzen von Wiederkäuerbetrieben dadurch wesentlich besser ausfallen würden.
Kritiker plädieren für den Einsatz von GWP*, da dieses die Dynamik der Methanemissionen – also ob die Emissionen steigen, sinken oder stabil sind – besser widerspiegelt, anstatt nur die kumulierte Menge über 100 Jahre zu messen
Welche konkreten Mehrwerte sehen Sie für einen klimaneutral wirtschaftenden Betrieb – wirtschaftlich, betrieblich oder gesellschaftlich?
Alle Betriebe erhalten im Januar die Möglichkeit, sich an Anlässen der Betriebsberatung zu informieren, welche Klimamassnahmen sie auf ihrem Betrieb umsetzen können. Werden genügend Massnahmen realisiert, erfolgt dafür eine finanzielle Entschädigung, was einen direkten monetären Anreiz schafft. Betrieblich fördern die Massnahmen eine gezielte Auseinandersetzung mit der eigenen Produktion, was häufig auch Effizienzgewinne, eine bessere Ressourcennutzung und langfristig eine höhere betriebliche Resilienz mit sich bringt. Gesellschaftlich besteht ein klarer Mehrwert darin, dass die Landwirtschaft sichtbar Verantwortung übernimmt. Das Projekt zeigt auf, dass sich die Branche aktiv mit dem Klimathema auseinandersetzt und bereit ist, ihre Produktionsweisen kontinuierlich weiterzuentwickeln und klimafreundlicher zu gestalten.
Das System des Kantons Graubünden geht aus unserer Sicht klar in die richtige Richtung.
Welche Tipps würden Sie Betrieben mitgeben, die sich auf den Weg Richtung klimafreundliche Landwirtschaft machen wollen?
Sobald man sich vertieft mit dem Thema auseinandersetzt, bildet man sich automatisch weiter und wird schrittweise selbst zum Experten für den eigenen Betrieb. Dieses Wissen ermöglicht es, gezielt jene Massnahmen zu identifizieren und umzusetzen, die wirklich zum Betrieb passen.
Welche politischen oder wirtschaftlichen Rahmenbedingungen müssten sich aus Ihrer Sicht ändern, damit klimaneutrale Landwirtschaft breiter umgesetzt werden kann?
Das System des Kantons Graubünden geht aus unserer Sicht klar in die richtige Richtung. Der Ansatz, über alle Betriebe hinweg unterschiedliche klimafreundliche Massnahmen zu ermöglichen und zu fördern, schafft die notwendige Flexibilität und Akzeptanz. Wichtig ist, dass diese Unterstützung langfristig gesichert und weiterentwickelt wird.

Der Betrieb von Christian Obrecht.
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Gibt es Zielkonflikte zwischen Klimaschutz, Biodiversität und Wirtschaftlichkeit – falls Ja wie gehen Sie damit um?
Zielkonflikte gibt es praktisch immer. Entscheidend ist, diese sorgfältig abzuwägen. Am Ende muss sich der zusätzliche Aufwand lohnen, damit eine Weiterentwicklung überhaupt möglich ist. Zentral ist eine ehrliche Analyse der eigenen betrieblichen Voraussetzungen. Auf dieser Basis sollten jene Massnahmen gewählt werden, die sowohl fachlich sinnvoll als auch wirtschaftlich tragbar sind. Auch die zeitlichen Ressourcen dürfen dabei nicht ausser Acht gelassen werden.
Sehen Sie die Gefahr, dass Klimaneutralität zu einem Marketingbegriff wird, ohne dass sich in der Praxis wirklich etwas ändert?
Das ist weniger eine Gefahr als bereits Realität. Es gab bereits Fälle von irreführender Werbung mit klimaneutralen Produkten, insbesondere über die Landesgrenzen hinaus. In der Schweiz befassen sich viele Akteure mit klimafreundlicher Produktion, um die Mehrwerte gegenüber Grossabnehmern besser kommunizieren zu können. Labelorganisationen sind gefordert, hier klare Regeln zu schaffen. Gleichzeitig bedeutet dies, dass auch von den produzierenden Landwirten reale Anpassungen erwartet werden.
Wie gross schätzen Sie das Potenzial ein, dass auch andere Bündner Landwirtschaftsbetriebe klimaneutral wirtschaften können?
Ich bin überzeugt, dass es noch viele Betriebe gibt, die dafür gute Voraussetzungen mitbringen – insbesondere dann, wenn Elemente wie Photovoltaikanlagen oder Waldflächen angerechnet werden. Gerade im Kanton Graubünden verfügen sehr viele Betriebe über Wald. Zudem gibt es bereits heute Betriebe, die Agroforstsysteme umsetzen. Hier sind wir gefordert, selbst kreativ zu sein und aufzuzeigen, wo weiteres Potenzial liegt.
Jeder andere Beruf verbraucht Sauerstoff und produziert CO2 .
Zudem gibt es mehrere Fakten, dass für die momentane Erwärmung NICHT primär das CO2 verantwortlich ist.