
Michael Lieberherr (l.), Präsident der Genossenschaft Alpsteinmühle und Gabriel Fluri, Müllereitechniker: Sie sind die Hauptverantwortlichen für den Aufbau der Alpsteinmühle.
Alexandra Rozkosny/Schweizer Berghilfe
In der rund 100 Jahre alten Bürgerscheune am Rande von Nesslau standen früher Rinder und Kühe. Zudem wurde im Gebäude Raufutter eingelagert. Doch nun wird die Scheune ganz anders genutzt.
Ein Jahr Bauzeit
Die Genossenschaft «Alpsteinmühle» hat in das historische Gebäude eine neue Kornmühle eingebaut. Möglich gemacht hat dies unter anderem die Gemeinde Nesslau, die das Gebäude im Baurecht günstig an die Genossenschaft abgab. Doch der Umbau war aufwändig. Freiwillige höhlten die Scheune komplett aus und bauten offene Stockwerke ein. Chromstahlglänzende Röhren durchziehen den rund 15 Meter hohen Raum und verbinden verschiedene Maschinen.

Ein Grossauftrag zum Start: Das erste, gemahlene Korn ging zur Migros in die Regale.
Genossenschaft Alpsteinmühle
Mitten darin steht Gabriel Fluri. Der Müllereitechniker ist Hauptverantwortlicher für den Aufbau der komplexen Anlage und gerade etwas aufgeregt. Nach über einem Jahr Bauzeit startete er Mitte November die Maschinen das erste Mal, und dies gleich für einen Grossauftrag: Die Mühle konnte Mitte Januar eine erste Charge des Alpsteiner Ruchmehls an die Migros Ostschweiz liefern. Zu Beginn werden rund 200 Tonnen Getreide pro Jahr von Bauernbetrieben aus der Region vermahlen.
Getreide aus dem Alpstein lokal verarbeiten
Denn im Toggenburg und im Appenzellerland bauen Mitglieder des Vereins «Alpsteinkorn» seit einigen Jahren wieder Berggetreide an. Mit wachsendem Erfolg. Die Frage, wie das Berggetreide auch qualitativ gut weiterverarbeitet werden könne, wurde immer drängender. Im Sommer 2023 gründete ein zehnköpfiges Team die Genossenschaft «Alpsteinmühle». Ihr Ziel ist es, das Korn der lokalen Bauern direkt zu mahlen und so die Wertschöpfung im Berggebiet zu erhöhen. «Der Bau der Mühle liess sich nur finanzieren, weil sehr viele Freiwillige mitbauten und grosszügige Spendenbeiträge eingegangen sind», sagt Michael Lieberherr, Präsident der Genossenschaft.

Ein Puzzelspiel mit vielen Herausforderungen: Die über 60-jährigen Occasionsmaschinen mussten alle komplett demontiert, gereinigt und wieder zusammengebaut werden
Alexandra Rozkosny/Schweizer Berghilfe
Auch die Stiftung Schweizer Berghilfe half mit und unterstützte die Genossenschaft beim Kauf der Maschinen mit insgesamt 50’000 Franken. «Die Mühle ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie Bergbauern und Bergbäuerinnen durch die lokale Verarbeitung ihre Wertschöpfung erhöhen können», sagt Nadine Felix, Leiterin Projekte und Partnerschaften bei der Schweizer Berghilfe. Der Bau der Mühle kostete rund 1,3 Millionen Franken.
Im Auftrag der Bauern und Bäuerinnen
Zur Hauptsache wird die Mühle das Korn jedes einzelnen Bauern separat mahlen. Das nennt sich Kundenmühle. «Eine Kundenmühle dieser Grösse wurde meines Wissens in der Ostschweiz seit mindestens 60 Jahren nicht mehr gebaut», sagt Gabriel Fluri. Die Prozessschritte sind modern wie in den Grossmühlen der Schweiz, aber die Mahlleistung ist viel kleiner. «Das war auch eine der Herausforderungen. Wir brauchten für dieses Projekt geeignete, nicht zu grosse Maschinen. Doch die werden kaum mehr hergestellt», so der 29-jährige Müllereitechniker.

Die Gemeinde Nesslau stellte dem Verein den historischen Bürgerheimstall am Dorfrand günstig im Baurecht zur Verfügung.
Alexandra Rozkosny/Schweizer Berghilfe
In Österreich wurde man fündig. Vier über 60 Jahre alte Walzstühle, wie die Mahlmaschinen heissen, eine Griessputzmaschine und Kleieschleudern konnte die Genossenschaft «Alpsteinmühle» günstig erwerben, allerdings in dürftigem Zustand. Sie mussten komplett demontiert, revidiert und wieder zusammengebaut werden.

Nach über einem Jahr Bauzeit ist die Anlage bereit für das erste Korn.
Genossenschaft Alpsteinmühle
Ziel: Lokal vermarkten
«Ob Weizen oder Roggen und später auch Dinkel und Gerste: Jeder Bergbauer und jede Bergbäuerin kann nun sein Korn individuell und auch in kleinen Mengen vermahlen lassen», sagt Michael Lieberherr. Dazu werde die Genossenschaft die Produzenten unterstützen, das Bergmehl zu vermarkten. «Am schönsten wäre es, das vor Ort produzierte Mehl direkt an die regionalen Bäckereien liefern zu können», führt er aus. Erste Verhandlungen laufen schon.