
Eine der Arbeiten, die von Freiwilligen gut gemacht werden können, ist das Aufstellen von Zäunen zum Schutz der Schaf- und Ziegenherden.
zvg
Die Arbeit auf den Alpen hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Mit der Rückkehr von Grossraubtieren wie Wolf und Luchs ist der Aufwand für viele Betriebe deutlich gestiegen. Schafe und Ziegen können nicht mehr unbeaufsichtigt auf die Weiden geschickt werden, Zäune müssen regelmässig kontrolliert und Tiere ständig zusammengetrieben werden.
Für viele kleine Landwirtschaftsbetriebe ist diese Entwicklung kaum mehr allein zu bewältigen. Gleichzeitig fehlt es an Fachkräften, und zusätzliche Arbeitskräfte sind finanziell oft nicht tragbar. Genau hier setzt das Projekt Pasturs Voluntaris an: Es organisiert freiwillige Helferinnen und Helfer, die Betriebe im Alltag gezielt entlasten.
Hunderte von Freiwilligen auf über 40 Alpen
Die Initiative ist 2021 im Bündner Oberland als Pilotversuch entstanden. Nach einem erfolgreichen ersten Jahr wurde sie auf den gesamten Kanton Graubünden ausgeweitet, später kamen Glarus und das Tessin hinzu. Dort werden inzwischen auch Ausbildungskurse auf Italienisch angeboten. Heute engagieren sich jeden Sommer Hunderte Freiwillige auf rund 40 Alpen in der Schweiz. Viele kommen aus verschiedenen Regionen oder sogar aus dem Ausland. Die Motivation ist vielfältig: das Naturerlebnis, die körperliche Arbeit oder der Wunsch, einen Beitrag zum Zusammenleben von Landwirtschaft und Grossraubtieren zu leisten.
«Ich wollte wieder zurück in die Landwirtschaft, aber in einer Form, die für mich möglich ist»
Vor dem ersten Einsatz absolvieren die Freiwilligen einen Einführungskurs. In diesem werden ihnen Grundlagen zum Herdenschutz, zur Tierhaltung sowie zum Verhalten gegenüber Grossraubtieren und Herdenschutzhunden vermittelt. Sie lernen unter anderem, wie Zäune korrekt aufgebaut werden und welche Arbeiten im Gelände notwendig sind. Die Inhalte sind an allen Standorten identisch, um eine einheitliche Ausbildung zu gewährleisten. Ziel ist nicht die Ausbildung von Fachpersonal, sondern die Vorbereitung auf einfache, aber essenzielle Aufgaben im Betriebsalltag.
Einsätze häufig an Wochenenden
Die Einsätze werden je nach Gelände und Anforderungen in verschiedene Schwierigkeitsstufen eingeteilt. Auch die Freiwilligen werden entsprechend eingeschätzt und dürfen nur Aufgaben übernehmen, die ihrem Niveau entsprechen. So soll Überforderung vermieden werden, während die Betriebe passende Unterstützung erhalten. Die Einsätze finden häufig an Wochenenden statt, damit auch Berufstätige teilnehmen können. Gleichzeitig engagieren sich viele Pensionierte, die unter der Woche verfügbar sind. Die Freiwilligen von Pasturs Voluntaris sind nicht nur auf den Alpen im Einsatz, wo der Bedarf besonders hoch ist, sondern auch im Tal gefragt, wo Grossraubtiere ebenfalls aktiv sind und der Herdenschutz zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Silvio Maspoli steht als freiwilliger Helfer auf der «Fattoria della Prisca» in Claro TI im Einsatz.
Sophie Blonk
Wie die Unterstützung konkret aussieht, zeigt das Beispiel von Silvio Maspoli. Der ehemalige Käser arbeitete über 25 Jahre in der Schweiz sowie im Ausland, unter anderem in Mexiko und Costa Rica. Für ihn war der Beruf stets eine Leidenschaft, bis gesundheitliche Probleme ihn zur Aufgabe zwangen.
Seit seiner Frühpensionierung engagiert er sich bei Pasturs Voluntaris. «Ich wollte wieder zurück in die Landwirtschaft, aber in einer Form, die für mich möglich ist», erklärt er. Heute arbeitet er auf dem Hof «Fattoria della Prisca» in Claro TI. Der Tag startet meist um 8.30 Uhr mit einem Kaffee und einer kurzen Besprechung mit der Betriebsleiterin. Danach bereitet er Material vor, transportiert Werkzeuge mit der Schubkarre und beginnt mit der Arbeit: Zäune aufstellen, versetzen oder abbauen, Gras entlang der Zaunlinien mähen.
Maspoli hat unter anderem bei der Aufzucht von rund fünfzig Zicklein geholfen, eine intensive, aber bereichernde Erfahrung. Trotz der körperlichen Anstrengung beschreibt er die Arbeit als positiv. Auch der Kontakt mit den Tieren spiele für ihn eine wichtige Rolle: «Das ist fast wie eine Therapie.»
Beitrag zur Pflegeder Kulturlandschaft
Für die Landwirtschaft bedeutet das Projekt vor allem Entlastung. Freiwillige übernehmen einfache, aber zeitintensive Arbeiten und schaffen so Freiräume für die Bauernfamilien. Darüber hinaus trägt das Projekt zum Erhalt der Alpwirtschaft bei. Ohne ausreichenden Herdenschutz könnten manche Betriebe ihre Tätigkeit nicht fortführen.
Pasturs Voluntaris leistet damit nicht nur praktische Hilfe, sondern auch einen Beitrag zur Pflege der Kulturlandschaft. Die Teilnahme ist freiwillig und unbezahlt. Unterkunft und Verpflegung werden von den Betrieben gestellt, während die Ausbildung 100 Franken für die Freiwilligen kostet. Finanziert wird das Projekt unter anderem von den Naturschutzorganisationen WWF und Pro Natura.
=> Weitere Informationen zu den Einsätzen von «Pasturs Voluntaris» finden Sie hier.