
Valérie Dittli wurde im April 2022 in den Staatsrat gewählt.
Die Mitte
Valérie Dittli hat ihren Willen zur Kandidatur in Interviews mit den Zeitungen «Le Matin Dimanche» und «Le Courrier Lavaux-Oron-Jorat» bekanntgegeben. Sie räumte ein, dass ihre Aufgabe schwierig werden dürfte, da sie isoliert sei und von allen Seiten kritisiert werde. Es werde ein Kampf David gegen Goliath. Aber sie trete an, um zu gewinnen.
Dittli steht aber zuerst ein Auftritt vor der Delegiertenversammlung der kantonalen Mitte bevor. Sie hoffe, gemeinsam mit der Partei in den Wahlkampf zu ziehen. Sollte die Partei die Unterstützung verweigern, bleibe alles möglich. Das heisst, dass sie nicht ausschliesse, als Unabhängige anzutreten.
Am Donnerstag wird der kantonale Parteivorstand mit Dittli zusammentreten. Er will vor der Versammlung vom 2. September eine Stellungnahme abgeben, wie der Präsident der Mitte Waadt, Giancarlo Sergi, am Sonntag zu Keystone-SDA sagte.
Der neunköpfige Präsidialausschuss hatte aber bereits empfohlen, Dittli nicht weiter zu unterstützen . Die Delegierten hätten nun aber «alle Karten in der Hand und müssten eine Entscheidung treffen», so Sergi.
Am 2. September wird der angeschlagenen Staatsrätin keine Gegenkandidatur gegenüberstehen. Sollte es Dittli gelingen, die Delegierten zu überzeugen, werde die Partei sie unterstützen, sagte Sergi. Andernfalls würde die Mitte am 16. September eine neue Versammlung einberufen, um ohne Dittli eine Strategie für die Kantonswahlen 2027 zu vereinbaren.
Bündnispartner geben sich ablehnend
Da die Mitte im Kanton Waadt derzeit kaum Gewicht hat, hofft sie auf Bündnisse. Die potentiellen Bündnispartner sind jedoch nicht zu einer Zusammenarbeit bereit, sollte Dittli erneut als Mitte-Kandidatin für den Staatsrat kandidieren.
In ihren Zeitungsinterviews erklärte Dittli, sie sei sich sehr wohl bewusst, dass es «Meinungsverschiedenheiten» mit ihren Bündnispartnern gegeben habe. Sie bleibe aber offen für jede mögliche Zusammenarbeit, um die Mitte-Rechts-Mehrheit in der Regierung zu erhalten.
Obwohl sie von vielen im Stich gelassen wurde, steht Dittli nicht ganz allein da. In den letzten Monaten hat sich auf Initiative des ehemaligen FDP-Mitglieds und ehemaligen Gemeindepräsidenten von Yvorne VD, Philippe Gex, ein Unterstützerkreis gebildet. Der Winzer, der sich mehrfach in den Medien geäussert hat, gibt an, dass der Verein mehr als 300 Mitglieder zählt.
Die Affäre um die Waadtländer Mitte-Staatsrätin zieht sich seit Frühling hin. Eine Chronologie der Ereignisse von ihrer Wahl im April bis heute:
10. APRIL 2022: Valérie Dittli überrascht mit ihrer Wahl in den Waadtländer Staatsrat. Dank des Bündnisses ihrer Mitte-Partei mit der FDP und der SVP verdrängt sie die bisherige SP-Staatsrätin Cesla Amarelle und liegt vor ihrem SVP-Mitkandidaten Michaël Buffat. Sie ist die erste Vertreterin der Mitte, die in die Regierung einzieht, und wird mit 29 Jahren die jüngste Staatsrätin in der Geschichte des Kantons Waadt.
19. MAI 2022: Eine weitere Überraschung: Valérie Dittli übernimmt trotz ihrer Unerfahrenheit das Finanzdepartement (zusammen mit der Landwirtschaft). Sie tritt die Nachfolge von Pascal Broulis an, der zwei Jahrzehnte lang Finanzdirektor des Kantons war.
MÄRZ 2023: Weniger als ein Jahr nach ihrem Amtsantritt stürzt Dittli in eine erste Affäre. Grund dafür ist ihr Steuerwohnsitz in ihrem Heimatkanton Zug, den sie bis Januar 2022 beibehalten hatte, als sie sich um einen Sitz im Staatsrat bewarb. Die Staatsrätin sieht sich mehrfacher Kritik ausgesetzt. Ein vom Staatsrat beauftragter Steuerexperte kommt jedoch zu dem Schluss, dass sie nicht gegen das Gesetz verstossen hat.
JANUAR 2025: Der Waadtländer Staatsrat beauftragt einen unabhängigen Experten, den ehemaligen Neuenburger Staatsrat Jean Studer, um Missstände innerhalb des von Dittli geleiteten Departements aufzuklären.
21. MÄRZ 2025: Der Bericht von Studer wird an einer Medienkonferenz vorgestellt, bei der Dittli verspätet und mit dunkler Sonnenbrille erscheint. Zu den wichtigsten Vorwürfen gehört, dass die Finanzdirektorin im Zusammenhang mit der Praxis des Steuerdeckels die Aufhebung rechtskräftiger Steuerbescheide wohlhabender Steuerzahler gefordert haben soll. Die Prüfung bringt zudem die Unstimmigkeiten zwischen Dittli und der Leiterin der Generaldirektion für Steuern ans Licht. Der Staatsrat entzieht Dittli die Zuständigkeit für die Finanzen und überträgt sie an Regierungspräsidentin Christelle Luisier.
29. SEPTEMBER 2025: Valérie Dittli gibt bekannt, dass die Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren gegen sie eingeleitet hat. Die Ermittlungen beziehen sich auf Sachverhalte, die möglicherweise einen Amtsmissbrauch darstellen. Die inzwischen ehemalige Finanzdirektorin soll verfügt haben, rechtskräftige Steuerbescheide aufzuheben oder aufheben zu lassen. Die Staatsanwaltschaft, die diese Information einige Tage später bestätigt, stellt hingegen das Verfahren wegen Verletzung des Amtsgeheimnisses ein.
12. JANUAR 2026: Ein Bericht der Delegation der Aufsichtsausschüsse des Grossen Rates (Delsurv), kritisiert Dittli scharf. Er wurde zur Vertiefung der von Jean Studer durchgeführten Untersuchung erstellt und prangert insbesondere die «Führungsmängel» der Staatsrätin sowie ihr «Misstrauen» gegenüber der Verwaltung an, die bei ihren Mitarbeitern grosses Leid verursacht haben sollen. Der Bericht weist zudem auf mehrere problematische externe Mandate hin, bei denen mögliche Interessenkonflikte bestehen.
12. JANUAR 2026: Nach der Vorlage des Delsurv-Berichts leitet der Staatsrat eine Untersuchung zu den beiden Mandaten ein, die dem ehemaligen Präsidenten der Kommission für ländlichen Grundbesitz übertragen wurden. Dieser hatte eine Beschwerde gegen die Staatsrätin kurz nach der Vergabe dieser Mandate zurückgezogen. Der ehemalige Präsident des Kantonsgerichts, Jean-François Meylan, wird mit der Leitung dieser Untersuchung beauftragt.
20. JANUAR 2026: Der Grosse Rat nimmt Dittli nach der Veröffentlichung des Delsurv-Berichts ins Kreuzverhör. Die Staatsrätin drückt ihr Bedauern aus, weigert sich jedoch, bestimmte Fragen zu beantworten.
24. APRIL 2026: Jean-François Meylan legt den Bericht über die Vergabe der verdächtigen Mandate vor, die an den ehemaligen Präsidenten der Kommission für ländlichen Grundbesitz I, Jean-Claude Mathey, vergeben wurden. Es stellt sich heraus, dass die Staatsrätin eine schriftliche Vereinbarung unterzeichnet hat, damit die gegen sie eingereichte Strafanzeige zurückgezogen wird. Die Vereinbarung sah zudem die Gewährung von 10'000 Franken aus öffentlichen Mitteln an den Beschwerdeführer für die Erstellung eines Berichts vor. Der Betrag von 10'000 Franken wird im Verhältnis zur von Mathey erbrachten Gegenleistung als «unverhältnismässig» eingestuft.
28. APRIL 2026: Der Grosse Rat verabschiedet eine Resolution, in der Dittli zum Rücktritt aufgefordert wird – getragen vor allem von den linken Parteien und den Grünliberalen. Auf der rechten Seite fordern die FDP und die SVP zwar nicht direkt den Rücktritt, distanzieren sich jedoch von ihr und sind der Ansicht, dass sie 2027 im Rahmen der «Entente vaudoise» keinen Wahlkampf mit ihr führen wollen.
7. AUGUST 2026: Mehr als drei Monate nach der Veröffentlichung des Meylan-Berichts schlägt Dittli mit der Vorlage eines Rechtsgutachtens zurück. Auf dieser Grundlage macht sie geltend, dass ihr Recht auf Anhörung nicht gewahrt worden sei. Sie fordert die Rücknahme des Meylan-Berichts. Der Staatsrat legt umgehend Widerspruch ein.
13. AUGUST 2026: Der Präsidialausschuss der Mitte Waadt lässt seine Staatsrätin im Stich. Er empfiehlt ihr, nicht erneut für den Staatsrat zu kandidieren, insbesondere um die Bündnisse nicht zu gefährden, welche die Mitte mit anderen Parteien knüpfen will.
15. AUGUST 2026: Dittli gibt bekannt, dass sie beabsichtigt, erneut für den Staatsrat zu kandidieren. Sie erklärt, die Delegierten ihrer Partei an deren Versammlung am 2. September überzeugen zu wollen. Sollte dies scheitern, schliesst sie nicht aus, als Unabhängige zu kandidieren.