Von einer Alpwirtschaft am Rande des Pragelpasses führt ein Wanderweg direkt in das Herz des Bödmerenwaldes. Zu Beginn ist nur wenig vom angeblichen Urwald zu sehen. Nach ein paar Gehminuten erreicht man eine Anhöhe, von der ein erster Blick auf die hohen Fichten des Urwaldes erhascht werden kann. Rundherum erstreckt sich ein Bergpanorama mit der Drusbergkette, der Silberen, den Urner Alpen sowie dem Wasserberg und dem Chaiserstock.
Der Wanderpfad windet sich zwischen Schrattenkalk-Felsen hindurch, und die Vegetation wird, je weiter man in den Wald vordringt, immer dichter. Die Farne links und rechts des Weges ragen einem teilweise bis an den Kragen. Von den Bäumen hängen zentimeterlange Flechten hinunter, die dem Wald eine magische und unberührte Stimmung verleihen.
Geringer menschlicher Einfluss
Gegründet wurde das Urwaldreservat 1974, damals noch mit einer bescheidenen Grösse von fünf Hektaren. Seit 2009 umfasst das Reservat 550 Hektare, davon sind rund 140 Hektare Sonderwaldreservat. Das darin enthaltene Holz darf unter bestimmten Bedingungen genutzt werden.
Ob es sich beim Bödmerenwald um einen Urwald handelt, ist schwierig zu sagen, da es keine wissenschaftliche Definition gibt, wie Felix Lüscher, Mitglied des Stiftungsrates Urwald Bödmeren und ehemaliger Bereichsleiter Wald der Oberallmeindkorporation Schwyz, sagt, der Grundeigentümerin des Waldes. In seiner Erklärung bezieht er sich auf einen Pionier der Urwaldforschung, den Waldbauprofessor Hans Leibundgut, und sagt: «Ein Wald darf als Urwald bezeichnet werden, wenn er so gross ist, dass die wenigen Menschen in ihm kaum Einfluss auf seine Entwicklung haben». Das trifft auf einzelne Teile des Bödmerenwaldes zu.
Auf der Wanderung sind sowohl urwaldartige Teile, als auch mehr vom Menschen beeinflusste Alp- und Wandergebiete zu sehen. «Es gibt Teile, die sind Urwald, und Teile, die sind es nicht», sagt Lüscher. Grund dafür sei die seit dem Mittelalter betriebene Alpwirtschaft, da für die Sömmerung des Viehs diese Alpweiden unerlässlich waren. «Wo es gute Weideflächen gab, hat man den Wald gerodet – wo nicht, hat man ihn belassen und Holz daraus für den Bau und Unterhalt der Alpgebäude und für Brennholz verwendet», so Lüscher.
Von gewissen, sehr abgelegenen Stellen wurde das Holz nicht genutzt, da der Transport mit Ochsen und Pferden sehr schwierig war. Wo Menschen nicht eingreifen, könne von einem Urwald die Rede sein, erklärt Lüscher. Hinweise auf Urwald-Charakter gebe es aufgrund der speziellen Tier- und Pflanzenarten, die im Bödmerenwald beheimatet sind, die auf alte Wälder angewiesen seien. Auch die Waldstrukturen und die Baumalter geben in gewissen Waldteilen Hinweise auf eine urwaldähnliche Entwicklung.
Schulterhohe Farne
Das ist auf der Wanderung gut beobachtbar. Zwischen den Farnen, Gräsern und Fichten liegen immer wieder tote Baumstämme quer in der Landschaft.
Auf ihnen wachsen, wenn sie im Laufe der Jahrzehnte genügend morsch geworden sind, wiederum neue Bäume, die teilweise nur wenige Zentimeter hoch, aber doch schon ein paar Jahre alt sind. Der Grossteil des Bödmerenwaldes liegt auf 1400 bis 1600 Metern Höhe. Die Waldgrenze liegt nicht viel höher, weshalb das Wachstum limitiert ist. Daher stehen hier oben nur wenige sehr dicke Bäume. Alt werden die Bäume laut Lüscher dennoch, der älteste bekannte Baum ist über 500 Jahre alt.
Im Mittelland werden Bäume zwischen 100 und 150 Jahre alt, dann haben sie die richtigen Dimensionen, um gefällt zu werden. Je älter ein Baum wird, desto anfälliger ist er für Schäden oder Faulstellen, daher wird das Holz früh genutzt. Da in der Höhe Bäume langsamer wachsen, werden sie erst nach 150 bis 250 Jahren genutzt, wenn überhaupt.
Umstrittener Urwald-Begriff
So idyllisch der Urwald Bödmeren auch scheint, unumstritten ist er wissenschaftlich nicht. Für Lüscher befindet sich der Bödmerenwald als Ganzes in einer Kulturlandschaft und besteht sowohl aus urwaldartigen als auch aus naturnah extensiv bewirtschafteten Teilen.
Für den Waldökologen und Professor an der ETH Zürich, Harald Bugmann, ist das Gebiet eindeutig kein Urwald. «Wenn ein Urwald impliziert, dass der Wald von Menschen völlig unberührt ist, so gibt es auf diesem Planeten wohl kaum Urwälder», sagt Bugmann, der ebenfalls Mitglied des Stiftungsrates Urwald Bödmeren ist, auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Immer wieder sei Holz des Waldes genutzt worden, das heute als stehendes Totholz und vor allem auch als liegendes Totholz fehle.
Das ganze Reservat verfüge über liegendes Totholz im Bereich von knapp 40 Kubikmetern pro Hektar. «Das ist extrem wenig im Vergleich zu Scatlè, wo der entsprechende Wert knapp 250 Kubikmeter pro Hektar beträgt», sagt Bugmann. Der Wald von Scatlè im Kanton Graubünden und der Wald von Derborence im Wallis gelten als weitere Urwälder in der Schweiz. Aufgrund weidender Tiere in der Vergangenheit und deutlicher Nutzungsspuren, sind sie gemäss dem Waldökologen, aber auch keine Urwälder, auch wenn sie «urtümlich» wirken.
Menschen dürfen den Wald erkunden
Ob die drei Wälder auch Urwälder sind, mag umstritten sein. Dennoch bilden sie wichtige Gegenpole zu bewirtschafteten Wäldern. Anders als vielleicht erwartet, ist der Bödmerenwald zugänglich für Menschen. Grundsätzlich darf durch den Wald spaziert werden. Verboten ist aber das Verlassen der markierten Wege, Campieren sowie das Sammeln von Flechten und Pflanzen. Ausserdem müssen Hunde an der Leine geführt werden.
So bleibt der Wald dennoch grösstenteils «unberührt». Das liegt auch daran, dass der Wald in schneefreien Zeiten abseits der Wanderwege für Menschen nicht leicht zugänglich ist. Im Winter liegt der Schnee bis zu drei Meter hoch. Dann gibt es vorbestimmte Schneeschuh- und Skitouren-Routen, um die nötigen Ruhezonen für Tiere zu gewährleisten. Lüscher befürwortet diese Zugänglichkeit. «Was die Leute nicht kennen, sind sie auch nicht bereit zu schützen», so das Stiftungsratsmitglied.
