
Nicolas Jotterand, neuer Präsident von Holstein Switzerland, bei seinen Kühen vor dem Melken.
Adrian Haldimann
Die Reise zum neuen Präsidenten von Holstein Switzerland führt den Schreibenden dem Genfersee entlang durch eine besonders malerische Landschaft – blühende Felder, eingebettet in eine beeindruckende Kulisse aus Alpen und Weinbergen.
50 Hektaren, 50 Kühe
Deutlich rauer wird das Klima nur 15 Minuten vom See entfernt im Waadtländer Jura, in Bière. Dort führt Nicolas Jotterand mit seiner Familie einen 50 Hektaren grossen Milchwirtschaftsbetrieb – ideale Bedingungen für die Weidehaltung. Rund 50 Holsteinkühe nutzen die grosszügigen Flächen in Stallnähe. Vor 15 Jahren konnte die Familie das Ökonomiegebäude ausserhalb des Dorfes erstellen; gewohnt wird weiterhin im Dorf.
Der Meisterlandwirt zeigt auf der Weide mehrere attraktive und vielversprechende Jungkühe, darunter einige Blakely- und Maroon-PP-Töchter. Sohn Louis, der auf dem Heimbetrieb im dritten Lehrjahr ist, und die Schnupperlernende Christine Kestenholz aus dem bernischen Aeschlen bei Oberdiessbach treiben die Kühe in den Stall, während sich der 51-Jährige und der Schreibende für das Gespräch ins Züchterstübli zurückziehen.
Heute andere Prioritäten
«Ich habe das Glück, dass mich meine beiden Söhne Louis und Tristan künftig etwas entlasten können», sagt Jotterand. Auf ihn wartet als Nachfolger von Hans Aebischer ein beträchtliches Arbeitspensum. Hinzu kommt die Distanz: Vom Wohnort aus benötigt er über eine Stunde bis zum Sitz von Holstein Switzerland in Posieux FR. Er rechnet mit 50 bis 60 Einsatztagen pro Jahr. Der neuen Aufgabe blickt er dennoch zuversichtlich entgegen – auch weil die zusätzliche Präsenz ausser Haus seinen Söhnen ermöglicht, mehr Verantwortung auf dem Betrieb zu übernehmen.
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Nicolas Jotterand (l.) ist Nachfolger von Präsident Hans Aebischer bei Holstein Switzerland. Alain Jungo ist neu im Vorstand. Links neben ihm steht Direktor Michel Geinoz.
Adrian Haldimann
Das Züchterstübli ist mit zahlreichen Schaupreisen geschmückt und zeugt eindrücklich vom züchterischen Erfolg. Die zweimalige Auszeichnung als Holstein-Meisterzüchter (2010 und 2026) unterstreicht, dass bei Du Prieuré Holsteins seit Generationen mit Leidenschaft und Erfolg gezüchtet wird. Bis heue hat Du Prieuré 79 exzellent eingestufte Kühe gezüchtet. Kühe wie Du Prieuré Astre Noëlle, die mit ihrem Schöneutersieg an der Swiss Expo für internationale Aufmerksamkeit sorgte, prägten diesen Ruf schon vor über 20 Jahren. Heute ist Familie Jotterand weniger an Ausstellungen präsent. Für die Teilnahme an regionalen Schauen verzichtet sie aber nicht. Nicolas Jotterand hat heute andere Prioritäten. Trotzdem: «Die Viehzucht motiviert mich immer noch zu 200 Prozent.»
«Es ist wie ein Puzzle mit vielen Teilen»
Die erneute Auszeichnung als Meisterzüchter erfüllt ihn mit grossem Stolz. Ein Foto der ersten Ehrung von 2010 hängt noch immer im Züchterstübli – als Erinnerung an eine Zeit, in der sein Vater Jean-Luc noch mit dabei war, vier Jahre vor seinem Tod. Ein einzelnes Erfolgsrezept gebe es jedoch nicht. «Es ist wie ein Puzzle mit vielen Teilen», sagt Jotterand. Entscheidend seien Leidenschaft für die Viehzucht, die passende Genetik, durchdachte Anpaarungen, konsequentes Management – und auch ein Quäntchen Glück.
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Er ist überzeugt, dass die Holsteinkuh sehr gut in grasbasierte Fütterungssysteme passt. Die Tiere werden konsequent geweidet, nur ausnahmsweise wird eingegrast. Morgens und abends erhalten sie Heu, dazu täglich vier Kilogramm Maiswürfel, etwas Eiweisskonzentrat sowie Leistungsfutter im Melkstand. Eine Futterstation gibt es nicht. Der offizielle Stalldurchschnitt liegt bei rund 10’500 Kilogramm Milch, in einzelnen Jahren wurde auch die Marke von 11’000 Kilogramm überschritten.
«Man muss offen bleiben»
Wertvolle Erfahrungen sammelte Jotterand auch ausserhalb des eigenen Betriebs. Seine Lehrjahre absolvierte er in der Deutschschweiz. Als Jungzüchter arbeitete er zudem ein halbes Jahr als Jungzüchter in Neuseeland auf einem Betrieb mit 600 Kühen – eine intensive und prägende Zeit. Später war er sechs Jahre lang als Linearbeschreiber tätig und beurteilte in der ganzen Schweiz mehrere Tausend Kühe. Diese Tätigkeit sei enorm lehrreich gewesen: Wer so viele Betriebe, Stallsysteme und Tiere sehe, entwickle ein feines Gespür dafür, was funktioniere – und was nicht.

Nicolas Jotterand gewichtet die Fruchtbarkeit bei der Zucht hoch.
Adrian Haldimann
Gute Lösungen habe er übernommen, Fehler konsequent zu vermeiden versucht. Heute präsidiert er die Holstein-Schemakommission der Linear AG. Auch der Austausch mit anderen Züchtern ist ihm wichtig. Regelmässig trifft er sich mit den Kollegen Pascal Henchoz und Cédric Pradervand. Solche Kontakte seien sehr wertvoll: «Man muss offen bleiben», sagt Jotterand. Wer glaube, bereits alles zu wissen, komme nicht weiter.
Fruchtbarkeit stark gewichtet
Züchterisch verfolgt er eine klare Linie und setzt fast ausschliesslich auf Jungstiere. Aktuell überzeugen ihn Stiere wie Fagaro, Contigo, Hi-Power, Vagor P, Blakely, Brandy P, Dropbox, Poprock, Irwin und Imagine. Als grösste Herausforderung auf seinem Betrieb nennt er die Fruchtbarkeit – entsprechend stark gewichtet er dieses Merkmal. «Ein Stier mit negativer Fruchtbarkeit kommt hier nicht zum Einsatz», stellt er klar, selbst wenn er sonst züchterisch noch so attraktiv wäre. An der Holsteinrasse schätzt er besonders ihre Breite: Innerhalb der Population könne jeder Züchter eigene Schwerpunkte setzen.
Und welches Thema steht für ihn als neuer Präsident im Zentrum? Jotterand muss nicht lange überlegen: «Das Projekt Alliance.» Die deutliche Zustimmung der Delegierten Anfang April wertet er als klares Signal der Basis für ein Zusammenrücken der Zuchtverbände. «Die Basis hat Vertrauen», sagt er. Nun beginne jedoch die eigentliche Arbeit.
Keine halbfertige Lösung
Es gehe um juristische und finanzielle Fragen, um Steuern, Kapital und um ein Modell, das für alle fair sei. Genau darin liege die grösste Herausforderung. Entscheidend sei für ihn, dass am Ende eine breit abgestützte Lösung stehe. Deshalb dürfe man zwar vorwärtsgehen, aber nichts überstürzen. Lieber mehr Zeit investieren und ein tragfähiges Gesamtpaket schnüren, als eine halbfertige Lösung durchdrücken.
Darin sieht Nicolas Jotterand seine zentrale Aufgabe als neuer Präsident: mit Ruhe, Erfahrung und Augenmass an der Zukunft der Holsteinzucht in der Schweiz zu arbeiten. Besonders freut er sich zudem auf einen Anlass in diesem Jahr: An den Holstein Awards vom 4. Juli, an denen die Mitglieder von Holstein Switzerland teilnehmen, ist die Familie Jotterand Gastgeber.