
Die Gummimaterialien können im Laufe der Zeit geringe Mengen der in ihnen enthaltenen chemischen Stoffe freisetzen.
Samuel Krähenbühl
Jedes Jahr gelangen durch den Verschleiss von Reifen und Strassen etwa sechs Millionen Tonnen Gummipartikel in die Umwelt, von denen einige über die Luft, durch Oberflächenabfluss und über Düngemittel schliesslich auf landwirtschaftliche Flächen gelangen. «Da Milchviehbetriebe oft in der Nähe von Strassen liegen, können chemische Verbindungen aus Gummi in die Milch gelangen und somit Konsumentinnen und Konsumenten potenziell diesen Substanzen aussetzen», heisst in der Mitteilung der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) .
Auswirkungen auf Mensch unklar
Ein Forschungsteam analysierte für die Studie Milchproben von 17 Schweizer Bauernhöfen. In sieben der 17 Proben sei mindestens eine von vier gesuchten Gummichemikalien nachgewiesen worden. «Allerdings ist die Stichprobe zu klein, um einen eindeutigen Zusammenhang zwischen den Schadstoffkonzentrationen und dem Strassenverkehr in der Nähe der Betriebe herzustellen», machen die Forscher deutlich. In drei Proben von Alpbetrieben, die sich fernab von stark befahrenen Strassen befanden, fanden die Forschenden keine der Substanzen.
Quelle im Stall
Als besonders überraschend bewerteten die Forschenden eine mögliche Quelle der Verunreinigung: die Melkanlagen selbst. Bei der Untersuchung von Schläuchen, Dichtungen und anderen Gummiteilen aus der Milchproduktion identifizierten sie 14 verschiedene Chemikalien. Laut Studienleiter Florian Breider ist es erstaunlich, dass diese Verbindungen aus Materialien stammten, die für den Kontakt mit Lebensmitteln gesetzlich zugelassen sind.
In den untersuchten Materialien der Melkanlagen fanden die Forschenden unter anderem die Verbindung 6PPD-Chinon, die als schädlich für bestimmte Fischarten bekannt ist. Diese Substanz wird Gummi nicht absichtlich beigefügt, sondern entsteht durch Oxidation von Kautschukadditiven, wenn das Material altert.
Konzentrationen gering
Diese Zusatzstoffe machen die Materialien geschmeidiger, hitze- und verschleissfester und sorgen dafür, dass sie wiederholten Belastungen standhalten. «Dennoch können diese Materialien im Laufe der Zeit geringe Mengen der in ihnen enthaltenen chemischen Stoffe freisetzen», heisst es in der Studie. Diese Prozess nennt man Migration. Über diesen Weg können chemische Stoffe aus Kautschuk in die Nahrungskette gelangen.
Wichtig zum Einordnen: Die gemessenen Konzentrationen waren gering. Welche Auswirkungen die gefundenen Substanzen auf die menschliche Gesundheit haben, ist noch unbekannt. Es sei jedoch notwendig, den Weg dieser chemischen Substanzen bis zu ihrem Eindringen in die Milch besser zu verstehen, um Risiken für die Öffentliche Gesundheit zu bewerten. «Diese Arbeit war eine Vorstudie, und wir müssen die tatsächlichen Risiken, die mit diesen Ergebnissen verbunden sind, bewerten», sagt Breider. Künftige Studien sollen dies untersuchen.
Weitere Studien
Weitere Untersuchungen sollen nun zeigen, wie die Konzentrationen über die Jahreszeiten schwanken. Zudem sollen die genauen Wege der Chemikalien in die Milch erforscht werden, um die Entwicklung sichererer Materialien für den Kontakt mit Lebensmitteln zu unterstützen. «,Bevor wir gesetzliche Regelungen erlassen, sollten wir weitere Studien durchführen, um zu beurteilen, inwieweit dies auch andere Industriezweige betrifft», hält Breidler fest.
An der Untersuchung waren neben der EPFL auch das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) und die Forschungsanstalt Agroscope beteiligt. Die Resultate der Studie wurden im Fachmagazin «Food Chemistry X» publiziert.