Die Zukunft der Weidewirtschaft: Zwei Länder, eine Herausforderung

Ob Milchkühe auf Schweizer Alpweiden oder Yaks im kirgisischen Hochgebirge:

Renate Hodel, lid |

Der Yakhalter Baatyrbek Akmatov aus Kirgistan war beeindruckt davon, wie intensiv und sorgfältig die Schweizer Berglandschaft bewirtschaftet wird. «Bis zum letzten Stein», sagte er, als er organisiert durch die Helvetas anlässlich des Internationalen Jahres der Weiden und Hirten und Ende September die Schweiz besuchte.

Es war eine von zahlreichen Beobachtungen, die Baatyrbek Akmatov von seiner Reise mitnahm. Zuvor hatte er unter anderem Jessica und Roger Yersin auf ihrem Bergbetrieb in Rougement in den Waadtländer Alpen besucht. Dort tauschten sie sich über ihre Tiere, die Bewirtschaftung der Weiden, die Vermarktung ihrer Produkte und die Schwierigkeiten des landwirtschaftlichen Alltags aus.

L’Etivaz AOP aus den Waadtländer Alp

Jessica und Roger Yersin haben ihren Betrieb 2019 von Rogers Eltern übernommen. Gemeinsam mit ihrer Familie halten sie rund 50 Milchkühe und bewirtschaften fünf über das Vallée de la Manche verteilte Alphütten. Während der Sommersaison verarbeiten sie ihre Milch zu L’Etivaz AOP, einem traditionellen Alpkäse aus dem Pays-d’Enhaut.

Dieser darf ausschliesslich während der Sömmerungsperiode zwischen dem 10. Mai und dem 10. Oktober hergestellt werden. Die Rohmilch wird direkt auf der Alp in Kupferkesseln über dem Holzfeuer verkäst. Anschliessend gelangen die Käselaibe in die Keller der Produzentengenossenschaft in L’Etivaz, wo sie gepflegt und gereift werden.

Rund 7’500 Kilogramm Käse produziert die Familie Yersin nach eigenen Angaben während einer Alpsaison. Im Winter hingegen liefert sie ihre Milch an industrielle Verarbeiter. Die Familie bewirtschaftet neben den Alpweiden auch Flächen zur Heuproduktion, um die Futterversorgung während der kalten Jahreszeit sicherzustellen.

Yak-Fleisch aus dem kirgisischen Hochgebirge

Bei Baatyrbek Akmatov sieht der Betrieb auf den ersten Blick ganz anders aus. Er lebt mit seiner Familie im Dorf Kök-Sai in der Region Naryn in Kirgistan. Dort betreibt er eine Tierhaltung, zu der rund 400 Merinoschafe und 200 Yaks sowie 40 Pferde einer traditionellen kirgisischen Rasse gehören. Besonders stolz ist Baatyrbek Akmatov auf seine weissen Yaks. Diese sind auch in Kirgistan eine Besonderheit.

Während seine Merinoschafe hauptsächlich Wolle und Fleisch liefern, hält er die Yaks vor allem für die Fleischproduktion. Mit der Zucht der traditionellen Pferderasse möchte er zudem einen Teil des kulturellen Erbes seiner Heimat bewahren.

Unterschiedliche Tiere, unterschiedliche Weidesysteme

Nicht nur die Tierarten unterscheiden sich, sondern auch die Form der Haltung. In den Schweizer Alpen ist die Sömmerung eng mit dem Jahresrhythmus der Landwirtschaft verbunden. Im Sommer nutzen die Tiere die höher gelegenen Weideflächen, während sie den Winter auf den Talbetrieben verbringen.

Bei Baatyrbek Akmatov gilt dies nur teilweise. Seine Merinoschafe verbringen den Sommer ebenfalls auf den Hochweiden und kehren für den Winter ins Tal zurück. Dort müssen sie mit Heu und anderem Futter versorgt werden. Die Yaks und Pferde hingegen bleiben das ganze Jahr über in den Bergen.

Sie kommen weitgehend ohne Stallungen und Zufütterung aus und suchen ihre Nahrung auch während der kalten Monate selbst. Die weitläufigen Weidegebiete erstrecken sich über mehr als tausend Hektaren und gehören grösstenteils der Gemeinde, von der Akmatov die Nutzungsrechte pachtet.

Zwischen Übernutzung und fehlenden Weidetieren

Um eine Übernutzung der Weiden zu verhindern, gibt es in Kirgistan lokale Weidekomitees. Sie koordinieren die Nutzung der gemeinschaftlichen Flächen und sollen dafür sorgen, dass die Zahl der Tiere den natürlichen Bedingungen angepasst wird. Baatyrbek Akmatov engagiert sich selbst für den Schutz der Weidelandschaften. Gemeinsam mit anderen Viehhaltern initiierte er 2019 sogenannte «Micro Nature Reserves». In diesen kleinräumigen Schutzgebieten sollen sich besonders empfindliche oder bereits übernutzte Weideflächen regenerieren können.

In der Schweiz stellt sich die Situation teilweise anders dar. Zwar müssen auch hier die Bestände auf das Futterangebot abgestimmt werden. Gleichzeitig berichtete Misael Peter, dass es in seiner Arbeit schwieriger geworden sei, genügend Schafe für die Sömmerung zu finden.

Damit zeigt sich ein grundlegender Unterschied: Während in Teilen Kirgistans der Druck durch hohe Tierbestände ein Problem ist, kann in Schweizer Berggebieten auch eine zu geringe Nutzung der Weiden Herausforderungen mit sich bringen. Werden Flächen nicht mehr regelmässig beweidet und gepflegt, können sie zunehmend verbuschen und langfristig verwalden.

Wenn die Zwischenhändler mehr verdienen als die Bauern

Neben der Bewirtschaftung der Weiden beschäftigte Jessica Yersin und Baatyrbek Akmatov insbesondere eine wirtschaftliche Frage: Wie lässt sich mit den Produkten aus der Tierhaltung ein angemessenes Einkommen erzielen?

Baatyrbek Akmatov schilderte beim Betriebsbesuch, dass in Kirgistan zahlreiche Bauern ihre Tiere auf lokalen Viehmärkten verkaufen. Dort kaufen Zwischenhändler die Tiere auf und verkaufen sie mit einem Preisaufschlag weiter. Für die Produzenten bleibt entsprechend häufig nur ein bescheidener Teil des Verkaufserlöses. Baatyrbek Akmatov versucht deshalb, einen Teil seiner Tiere direkt zu vermarkten.

Familie Yersin setzt mit der Produktion von L’Etivaz AOP auf eine andere Form der Wertschöpfung. Die geschützte Ursprungsbezeichnung und die gemeinsame Vermarktung über die Genossenschaft ermöglichen es den Produzentinnen und Produzenten, ihre Milch zu einem hochwertigen regionalen Produkt zu verarbeiten.

Allerdings zeigt sich gerade bei der Familie Yersin, dass nicht alle Absatzkanäle gleich attraktiv sind. Während der Alpsaison kann die Milch zu Käse verarbeitet werden. Im Winter ist die Familie hingegen auf industrielle Milchabnehmer angewiesen. Jessica Yersin berichtete, dass sie im vergangenen Winter für diese Milch lediglich zwischen 45 und 50 Rappen pro Liter erhalten habe. 

Staatliche Unterstützung als wesentlicher Unterschied

Ein weiterer grosser Unterschied zwischen beiden Ländern liegt in den agrarpolitischen Rahmenbedingungen.

In der Schweiz unterstützt der Bund die Landwirtschaft mit Direktzahlungen. Auch für die Bewirtschaftung der Alpweiden werden Beiträge ausgerichtet. An diese Zahlungen sind allerdings verschiedene Auflagen und Kontrollen geknüpft. Die Betriebe müssen zahlreiche gesetzliche und ökologische Anforderungen erfüllen.

In Kirgistan existiert dagegen kein vergleichbar umfassendes Direktzahlungssystem. Die Hirten müssen ihre wirtschaftliche Existenz weitgehend über die Vermarktung ihrer Tiere und Produkte sowie zusätzliche Einkommensmöglichkeiten sichern.

Tourismus als zusätzliche Einnahmequelle

Baatyrbek Akmatov hat sich deshalb schon früh weitere wirtschaftliche Standbeine aufgebaut. Neben der Tierhaltung engagiert er sich für die Verarbeitung von Merinowolle und für einen nachhaltigen Tourismus in seiner Heimatregion.

Bereits 2001 beteiligte er sich am Aufbau eines gemeinschaftsbasierten Tourismusmodells in Kirgistan. Heute bieten seine Familie und weitere Familien in der Region Übernachtungen in traditionellen Jurten an. Seit 2019 organisiert Baatyrbek Akmatov gemeinsam mit anderen zudem ein Landwirtschafts- und Kulturfestival, das traditionelle Handwerkskünste und die kirgisische Lebensweise vermittelt.

Diese zusätzlichen Einnahmen sind nicht nur wirtschaftlich interessant. Sie können auch dazu beitragen, den Druck auf die Weideflächen zu verringern: Wenn die Familien nicht ausschliesslich von der Tierhaltung abhängig sind, müssen sie ihren Tierbestand nicht um jeden Preis vergrössern.

Die Zukunft liegt bei den Menschen

So unterschiedlich die beiden Länder und ihre Weidesysteme auch sind, beim Talk in Naters wurde deutlich, dass die Zukunft der Weidewirtschaft letztlich von den Menschen abhängt, die diese Arbeit leisten.

Was braucht es, damit auch in 20 Jahren noch junge Familien bereit sind, Tiere auf den Weiden zu halten und die Landschaften zu bewirtschaften? Für Misael Peter spielen die politischen Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle. Er betonte, dass die Weidewirtschaft Unterstützung brauche, damit sie wirtschaftlich tragfähig bleibe. Gleichzeitig sei die nächste Generation entscheidend. Trotz der zahlreichen Herausforderungen blickt Misael Peter optimistisch in die Zukunft. In seinem Umfeld beobachte er junge Menschen, die motiviert seien und sich für die Arbeit mit Schafen und auf den Alpen begeisterten.

Auch Baatyrbek Akmatov sieht in der Jugend einen entscheidenden Faktor. Gleichzeitig brauche es wirtschaftliche Perspektiven und die Bereitschaft, von anderen zu lernen. Besonders wichtig sei ihm deshalb der internationale Erfahrungsaustausch zwischen den Bäuerinnen und Bauern. Gute Ideen und erfolgreiche Bewirtschaftungsformen könnten über Ländergrenzen hinweg weitergegeben werden.

-> Die Weidewirtschaft im Berggebiet braucht Hilfe

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