Zwei Hochhäuser für 1,2 Millionen Schweine

In der chinesischen Provinz Hubei steht eine Megafarm für den radikalen Umbau von Chinas Landwirtschaft. In zwei Hochhäusern mit je 26 Etagen werden jährlich 1,2 Millionen Schweine gemästet. Kleine Bauernhöfe verschwinden immer mehr  und machen industriellen Schweinefabriken Platz, im Namen von Versorgungssicherheit und nationaler Stärke.

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In der Volksrepublik China wird die Hälfte der weltweiten Jahresproduktion an Schweinefleisch verzehrt. Nirgendwo sonst essen die Menschen so viel Schweinefleisch. Das Schwein symbolisiert für die chinesische Bevölkerung Reichtum und ist für viele ein Grundnahrungsmittel oder sogar ein wertvolles Kulturgut.

Kleine müssen weichen

Entsprechend wird die Schweineproduktion auch auf staatlicher Ebene stark gefördert. «Bevor ein Land eine Grossmacht werden kann, muss es seine Landwirtschaft stärken», wird Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping in einem Artikel der «NZZ» zitiert.

Das Nachsehen haben die Kleinbauern. Die Zahl der Bauern, die Höfe mit weniger als 500 Schweinen betreiben, sei in den vergangenen Jahren, auch auf Drängen der Regierung, um mehr als 75 Prozent gesunken, heisst es weiter. Immer mehr Hochhausfarmen ersetzen die traditionell bäuerlichen Strukturen. Die Landwirtschaft wandelt sich vom kleinbäuerlichen Modell, hin zur vertikalen Massenproduktion.

Jedes Stockwerk funktioniert als Einheit

Am Rande einer Nationalstrasse in der zentralchinesischen Provinz Hubei ragen zwei graue Betonblöcke in den Himmel. Was auf den ersten Blick wie gewöhnliche Wohnhochhäuser wirkt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Symbol für Chinas radikalen Umbau der Landwirtschaft. In einem Vorort von Ezhou betreibt das Unternehmen Zhongxin Kaiwei eine der grössten Schweinefarmen der Welt. Die beiden 26-geschossigen Hochhäuser mit einer Gesamtfläche von rund 80 Hektar bieten jährlich Platz für 1,2 Millionen Mastschweine.  

Die Fenster sind abgedunkelt und vergittert, der Zugang wird streng kontrolliert. Die Tiere sind nach Produktionsphase getrennt untergebracht. Ein Stockwerk ist für trächtige Sauen reserviert, eines für Ferkel und mehrere für Mastschweine. Jede Etage funktioniert wie eine eigenständige Einheit innerhalb einer durchgetakteten Hightech-Anlage.

500 Tonnen Futter täglich

In den Anlagen läuft die Produktion wie in einer Fabrik ab. Täglich werden mehr als 500 Tonnen Futter per Fliessband auf die oberste Etage transportiert und in Tanks gelagert. Von dort gelangt es über spezielle Tröge nach unten. Jedes Tier erhält eine exakt berechnete Ration, die auf sein Gewicht und seine Wachstumsphase abgestimmt ist. Laut ehemaligen Mitarbeitern erhalten die Schweine Proteinpulver und es werden ihnen Aminosäuren verabreicht, um das Wachstum zu optimieren. Jede Bewegung wird per Kamera überwacht, Luft und Wasser werden gefiltert und gereinigt und Temperatur und Luftfeuchtigkeit präzise reguliert.

Der Firmengründer Zhuge Wenda investierte rund 600 Millionen Dollar in die beiden 26-stöckigen Türme sowie weitere 900 Millionen Dollar in eine angeschlossene Fleischverarbeitung. Das Projekt wurde erst möglich, nachdem die Regierung mehrstöckige Schweinefarmen gesetzlich erlaubt und finanziell gefördert hatte.

«Robuste Landwirtschaft für eine starkes Land»

China importiert derzeit enorme Mengen an Getreide und Sojabohnen als Tierfutter sowie Fleisch. Geopolitische Spannungen und Handelskonflikte erhöhen den Druck, unabhängiger zu werden, ist im Artikel der «NZZ» zu lesen. Autarkie ist das strategische Ziel. Dabei gilt die Industrialisierung der Schweineproduktion als Schlüsselprojekt. Für die Führung in Peking hat die Ernährungssicherheit hohe Priorität. Der Wandel ist tiefgreifend und hat nachhaltige Auswirkungen auf die traditionellen bäuerlichen Strukturen. Kleine Betriebe sollen grossen, kapitalintensiven Produktionsfirmen weichen.

Kritiker warnen vor systemischen Risiken. Wenn Hunderttausende Tiere dicht gedrängt in Miniboxen leben, können sich Krankheiten wie die Afrikanische Schweinepest rasend schnell ausbreiten. Das Unternehmen verweist auf strenge Biosicherheitsprotokolle. So dürfen Mitarbeitende das Gelände nur alle zwei Monate verlassen und müssen vor der Rückkehr eine fünftägige Quarantäne absolvieren. Ob dieses Modell langfristig ökologisch, ökonomisch und epidemiologisch tragfähig ist, bleibt jedoch umstritten. Für Chinas Führung sei der Kurs jedoch gesetzt: «Nur eine robuste Landwirtschaft kann ein Land stark machen», wird Xi von der «NZZ» zitiert.

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