Alphirten: Neue Kurse im Zeichen des Wandels

Die Tätigkeit als Schaf- und Ziegenhirte wird im Kanton Graubünden durch eine neue Ausbildung am Landwirtschaftszentrum Plantahof in Landquart GR gestärkt. Damit reagiert der Kanton auf ein sich ständig wandelndes Umfeld.

sda |

Oftmals hat man eine romantische Vorstellung von der Arbeit der Hirtinnen und Hirten. Eine Tätigkeit in der Natur, im Kontakt mit den Tieren, fernab vom hektischen Stadtleben. Jan Boner, Berater für Herdenschutz am Plantahof, holt die Romantiker auf den Boden der Tatsachen zurück: «Schafhirten müssen Mitte Juni bereit sein, eine Herde von 600 bis 800 Tieren auf die Alp zu führen. Oft nur mit Hilfe von ihren Hunden», erklärt er gegenüber Keystone-SDA.

Herausforderung durch Grossraubtiere

Vor dem Aufbruch können die Hirten eine freiwillige Ausbildung absolvieren. Seit 2009 werden die Kurse von Agridea, dem Beratungszentrum für Landwirtschaft und Ernährung in der Schweiz, koordiniert. Die nationale Ausbildung für Hirten wird in Visp im Wallis und auf dem Plantahof in Landquart GR angeboten. «Die Anforderungen an ihre Arbeit haben sich grundlegend geändert, während der Inhalt der Kurse mehr oder weniger derselbe geblieben ist», erklärt Martina Schäfli, Beraterin für Kleinviehhaltung am Zentrum in Landquart.

«Früher weideten die Tiere auf den meisten Alpwiesen frei. Es gab weder Zäune noch Herdenschutzhunde», sagt Schäfli und verweist auf die Herausforderungen durch Grossraubtiere. Aber auch der Mensch sei in den Höhenlagen präsenter. «Auf der Alp trifft man heute viel mehr Menschen» pflichtet Jan Boner bei. Immer mehr Wanderer oder Radfahrerinnen wollten die Gegend erkunden. «Man muss aufmerksamer sein und mehr kommunizieren», sagt er.

Drei Säulen

Zu den sich verändernden Bedingungen kommen zudem fehlende finanzielle Mittel. «Aufgrund von Personalwechseln und Budgetkürzungen für Herdenschutzmassnahmen verfügt Agridea nicht mehr über genügend Mittel für die Koordination», so Schäfli. Als Reaktion darauf startet der Plantahof ab September eine neue Ausbildung für Schaf- und Ziegenhirten in deutscher Sprache. Einige Module, die zuvor an verschiedenen Schulen unterrichtet wurden, finden nun in Landquart statt.

Der Kurs basiert auf drei Säulen: Grundkenntnisse, Praktika auf den Alpen und Unterricht mit Hütehunden. Am Ende der Ausbildung müssen die Teilnehmenden eine Prüfung ablegen. Bei erfolgreichem Abschluss erhalten sie ein Zertifikat, das sie zukünftigen Arbeitgebern vorlegen können. «Mit dem neuen, vom Kanton Graubünden finanzierten System haben wir die Möglichkeit, sowohl die Alpbewohner als auch die Auszubildenden über die kantonalen Mittel für den Herdenschutz zu entschädigen. Das war zuvor nicht möglich», erklärt Schäfli und fügt hinzu, dass ein ähnliches Modell auch von anderen Kantonen übernommen werden könnte.

Interesse gross

Die Kurse müssen innerhalb von zwei Jahren absolviert werden. Neben dem Wissen über Schafe, ihre Haltung und Pflege, widmet sich ein Teil des Kurses der Arbeit mit Hütehunden. Eine Ausbildung, die es in Landquart seit 25 Jahren gibt und die vergangene Woche mit praktischen Vorführungen gefeiert wurde.

«Oft ist es eher eine Ausbildung für Menschen, um ihnen zu helfen, das Verhalten der Hunde zu verstehen», erklärt Schäfli. Das Interesse an dem dreitägigen Kurs sei stets sehr gross. «Die 24 Plätze, die wir zur Verfügung haben, sind fast immer ausgebucht.» Vorrang haben zunächst diejenigen, die bereits einen Vertrag mit einer Alp für die bevorstehende Saison haben.

Team aus Hirten und ihren Hunden

Wie das Umfeld auf der Alp hat sich laut Jan Boner im letzten Vierteljahrhundert auch die Ausbildung der Hunde verändert: von einem eher auf Bestrafung basierenden Ansatz hin zu einem, der versucht, ein Team zwischen Mensch und Hund zu bilden. «Die Verlässlichkeit der Arbeit ist auf einer breiteren Basis verankert, wenn man mit einer positiven Einstellung arbeitet, als wenn man sie auf Strafe aufbaut.»

Die drei Tage seien notwendig, um am Ende der Ausbildung eine Zusatzqualifikation als Hirte zu erhalten, so Boner weiter. «Wir wollen Mut machen, wenn sich jemand entscheidet, im Sommer aufzubrechen, und auch ein bisschen Stolz vermitteln, wenn es jemand schafft, mit seinen Hunden Herden von Hunderten von Tieren zu bewirtschaften.»

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