
Steinhummeln können Wirte für ein gefährliches Bienenvirus sein.
Monika Gerlach
Honigbienen, Wildbienen und andere Insektenarten sind durch ihre gemeinsamen Blütenbesuche miteinander verbunden. «Eine blühende Sommerwiese ist also zugleich Nahrungsquelle und ein möglicher Übertragungsort für virale Infektionen. Denn dort kommen die Insekten auf der Suche nach Nahrung mit eventuell virenbelastetem Material in Kontakt, zum Beispiel Pollen und Nektar», sagt Professor Robert Paxton von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU).
Virus-Screenings bei 1725 Insekten
Bislang sei man in der Forschung davon ausgegangen, dass nur Honigbienen als Wirte für verschiedene Viren dienen und so Hummeln und andere Wildbienen damit anstecken können. Die neue Studie zeichnet jedoch ein anderes Bild: Demnach können auch Wildbienen Wirte für Viren sein und damit theoretisch zur Infektion von Honigbienen beitragen. Dieses Ergebnis basiert auf Daten, die das Team bei Feldversuchen an 32 Standorten in den Bundesländern Niedersachsen und Hessen gesammelt und ausgewertet hat.
Die Forschenden beobachteten zunächst, ob verschiedene Bienenarten die gleichen Blumen besuchten. Ausserdem analysierten sie mithilfe eines Virus-Screenings bei 1725 Insekten für verschiedene Bienenarten, wie stark jede Art zur Verbreitung verschiedener Viren beiträgt. «Um herauszufinden, welche Bienenart am meisten zur Verbreitung eines Virus beiträgt, haben wir die sogenannte artspezifische Basisreproduktionszahl R? genutzt. Damit können wir berechnen, wie viele Insekten ein Insekt der gleichen Art anstecken kann», erklärt Patrycja Pluta von der MLU und Erstautorin der Studie. So berechnete das Team für jede Kombination aus Virus und Bienenart punktgenau, wie leicht sich das Virus ausbreiten kann und wie stark jede Bienenart potenziell zur Verbreitung der Viren beiträgt.
Bienen können nicht mehr fliegen
Für drei bekannte Bienenviren identifizierten die Forschenden die wichtigsten Wirtsinsekten. Es zeigte sich, dass an den untersuchten Standorten Honigbienen zwar die Hauptträger für das Flügeldeformationsvirus (DWV) und das sogenannte Black Queen Cell Virus (BQCV) sind. «Beim Akuten Bienenlähmungs-Virus ist das hauptsächliche Wirtsinsekt aber eine Wildbiene: die Steinhummel Bombus lapidarius», sagt Patrycja Pluta. Infizieren sich Honigbienen mit dem Virus, können sie nach kurzer Zeit nicht mehr fliegen, zittern und sterben innerhalb weniger Tage. Das kann zu einem raschen Zusammenbruch eines ganzen Volkes führen.
Ein weiteres Ergebnis: Die Zusammensetzung der Bienenarten an einem Standort beeinflusst die Verbreitung von Viren weniger als bisher angenommen. Dagegen spielt der direkte Kontakt zu Bienen, die viele Viren übertragen, eine entscheidende Rolle. Und der geschieht bei Blütenbesuchen. Laut Robert Paxton sind diese Erkenntnisse wichtig, um zu verstehen, wie sich Krankheiten in der Natur ausbreiten und wie man dem womöglich entgegenwirken kann.
«Je mehr Platz und Nahrungsangebot Bienen haben, desto unwahrscheinlicher werden Infektionen. Um das Risiko zur weiteren Ausbreitung der Krankheiten zu minimieren, wären also zum Beispiel mehr Blühstreifen mit vielen unterschiedlichen Pflanzenarten sehr hilfreich», sagt Paxton.