«Uns Bauern würde es als Letztes treffen»

Was bedeutet die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» für die Schweizer Landwirtschaft? Die kantonalen Bauernverbände sind sich uneinig – mittendrin der Schweizer Bauernverband (SBV). Ein Besuch beim Spargelbauer Ronny Köhli in Kallnach BE gibt Aufschluss.

clu |

Von über 50’000 familienfremden Arbeitskräften stammen laut Schweizer Bauernverband (SBV) rund 35’000 Personen oder 70 Prozent aus dem EU-Raum. Wie stark diese Abhängigkeit ist, zeigt sich beim Besuch des «Bieler Tagblatt» in Kallnach BE auf dem Spargelhof Köhli.

Der Betrieb bewirtschaftet rund zehn Hektaren und produziert jährlich rund sieben Tonnen Spargel. Während der Hochsaison arbeiten dort acht bis zwölf Saisonkräfte, vor allem aus Polen. Die Erntehelfer – alles Männer – sind jeweils ab März vor Ort und bleiben bis zum Ende der Spargelsaison im Juni. Den Rest des Jahres führt er den Betrieb zu zweit mit seiner Frau.

Offene Stellen melden

Köhli macht im Artikel deutlich: «Ohne ausländische Erntehelfer würde das System Landwirtschaft zusammenbrechen.» Denn auch er ist verpflichtet, freie Stellen auszuschreiben. Seit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative im Jahr 2014 muss Köhli offene Stellen jedes Jahr melden. Meldet sich auf eine Ausschreibung eine geeignete Person aus der Schweiz, muss Köhli diese anstellen.

Aber, so sagt Köhli zum «Bieler Tagblatt»: «Das Risiko mit Einheimischen gehen wir bei der Ernte gar nicht mehr ein.» Er verweist dabei auf frühere Erfahrungen, wonach die Arbeit unter hohem Zeitdruck und bei schwierigen Wetterbedingungen schwer zu besetzen sei. «Zu Beginn hatten wir noch Bewerbungen, aber heute kommt niemand mehr zu diesen Bedingungen arbeiten», wird der Bauer zitiert. «Auch Versuche mit Asylsuchenden und ukrainischen Geflüchteten sind gescheitert», so Köhli.

Bei Regen, bei Wind

Die Arbeitsbedingungen auf dem Spargelhof Köhli sind klar geregelt: Die Saisonkräfte arbeiten rund 52,5 Stunden pro Woche bei einem Bruttolohn von etwa 3460 Franken monatlich. Dieser entspricht laut Bericht dem Mindestlohn gemäss Vorgaben des Schweizer Bauernverbandes.

Die Organisation sei effizient, aber streng getaktet. «Bei Regen, bei Wind, an Sonn- und Feiertagen» werde gearbeitet. Diese Zuverlässigkeit sei für ihn entscheidend, so Köhli. Sein Betrieb lebe vom Spargel. Deshalb sei es entscheidend, dass während der Hauptsaison mit Hochdruck geerntet werde. Und das würden die Polen nun mal am zuverlässigsten erledigen. Und wer gut arbeite oder schon mehrere Jahre auf dem Betrieb sei, erhalte zusätzlich einen Bonus.

Sind die Erntehelfer von der Initiative betroffen?

Wie aber würde es für Betriebe wie den Spargelhof Köhli nach der Annahme der Initiative weitergehen? Gaby Mumenthaler, Leiterin Kommunikation und Mitglied der Geschäftsführung des Berner Bauernverbandes, erklärte dem «Schweizer Bauer», dass die Initiative «in einem ersten Schritt» keine Massnahmen vorsieht, die ausländische Arbeitskräfte betreffen würden.

Tatsächlich würde die Initiative zunächst nur im Asylbereich, beim Familiennachzug und bei vorläufig Aufgenommenen greifen. Die landwirtschaftlichen Arbeitskräfte aus dem Ausland fallen grundsätzlich nicht in diese Kategorien.

Sofern jedoch der Schwellenwert von 10 Millionen während zwei Jahren überschritten wird, verlangt die Initiative explizit die Kündigung des Personenfreizügigkeitsabkommens mit der EU. Dies hätte laut dem «Bieler Tagblatt» unmittelbare Folgen für die Schweizer Landwirtschaft. So ermöglicht das Abkommen heute die einfache Einreise von ausländischen Saisonarbeitskräften in die Schweiz.

«Uns Bauern würde es als Letztes treffen»

Köhli sieht es entspannt. Er fürchtet keine Konsequenzen bei einer Annahme der Initiative: «Die Schweizer Politik kann es sich gar nicht leisten, den ausländischen Erntehelfern die Einreise zu verweigern, weil ohne sie das System Landwirtschaft zusammenbrechen würde.» Und Lebensmittel würden nun mal alle benötigen. «Uns Bauern würde es als Letztes treffen», ist Köhli überzeugt.

Der SVP-Wähler ist sich darum auch noch nicht klar, wie er abstimmen wird: «Einerseits können wir nicht unbegrenzt wachsen», sagt er. «Andererseits weiss der Unternehmer in mir, dass Wachstum auch mehr Umsatz bedeutet», so sagte der Spargelbauer zum «Bieler Tagblatt».

Kommentare (10)

Sortieren nach: Likes | Datum
  • Kollege | 28.05.2026
    Housi gratuliere, damit erhält deine Mitarbeiteterin einen Bruttojahreslohn von ca. 81'000 Franken. Damit liegt sie ca. 15'000 Franken über dem durchschnittlichen landwirtschaftlichen Einkommen eines Betriebs pro Arbeitskraft.
    Solche Löhne sind meist nicht erwirtschaftbar, ausser bei Spezialbetrieben mit extrem guter Effizienz.
    • Erich | 28.05.2026
      Doch Housi, mein Mitarbeiter verdient fast 100K.
      Mit Milchproduktion
  • Senatore Antonio | 27.05.2026
    Und auch bei einer Kündigung der Personenfreizügigkeit würde sich nichts ändern. Denn schon damals bevor es die Personen Freizügikeit gab konnte man Saisoniers einstellen klar dauerte dies damals länger aber mit der heutigen Digitalisierung ist dies alles machbar. Also hört auf mit dieser Panik mache oder ist es ihm lieber wen man von seiner Fläche Land umzont und verbaut?
  • Max Ehrsam | 27.05.2026
    Interessanterweise kaufen wir bei genau diesem Bauern im Seeland oft unsere Spargeln ein. Bisher haben wir explizit darauf geachtet, lokale Bauern durch unser Kaufverhalten zu unterstützen. Dieses Interview und die daraus sprechende Haltung gibt mir in mehrfacher Hinsicht zu denken. Da ist einerseits die unversätnlcihe Haltung, dass es ihn zuletzt treffen könnte. Falsch, die Landwirtschaft in der Schweiz überlebt primär durch eine gesunde und starke allgemeine Wirtschaft, welche es sich erlauben kann a) Direktzahlungen und Subventionen überhaupt zu finanzieren und b) die hohen Produktpreise im internationalen Vergleich zahlen zu können. Die Begrenzungsinitiative wird einen massiven Impakt genau auf diese Wirtschaft und das Einkommen bzw. Wohlstand haben,welche die Landwirtschaft finanziert. Dieser Bauer denkt nur bis zu seiner Nasenspitze und nicht umfassend.
    Und dann sind da noch die Löhne der Polen. Nein, das sind keine gerechten Löhne. Ob ich weiterhin dort kaufen soll ist fraglich
    • Alois Habertür | 27.05.2026
      Hallo Max,

      wen wir einen solchen Grenzschutz wie bei den Löhnen (flankierende Massnahmen) hätten in der Landwirtschaft brauchten wir keine Direktzahlungen.
      Es gibt übrigens viele Schweizer die in der Industrie und Verkauf auch zu diesem Lohn arbeiten.
      Die Spargel vom Ausland werden einen Monat früher zu Dumpingpreisen verkauft.
      Bitte ein wenig weiter denken.
      Mfg Alois
    • Senatore Antonio | 27.05.2026
      Das Argument mit lohn kann ich nachvollziehen. Aber denken wir mal zurück an die Zeit vor der Personenfreizügkeit ist ihre aussage nichtig, denn auch davor hatten wir genügend Gastarbeiter oder haben sie das vergessen ?
    • Kollege | 28.05.2026
      Herr Ehrsam, Saisonarbeiter kommen freiwillig in die Schweiz und sind bereit zu diesem Lohn zu arbeiten. Sie vergleichen ihren Lohn nicht mit einem durchschnittlichen Schweizer Lohn, sondern mit einem markant tieferen polnischen Lohn. In Deutschland bekämen sie nur die Hälfte für diese Arbeit.
      Herr Ehrsam, Sie bezahlen für diese Spargeln einen Preis, der nicht dem Schweizer Lohnniveau entspricht. Sie profitieren, aber auch der Saisonarbeiter profitiert.
      Kaufen Sie weiter bei Köhlis ein, die polnischen Arbeiter danken es Ihnen.
  • Enrico Battaglia | 26.05.2026
    Bei diesem Lohn ist auch klar, weshalb sich kein Schweizer mehr meldet. Es reicht bei Weitem nicht, um hier davon zu leben. Es zeigt auch, wie kaputt das System mittlerweile ist. Ohne Zuwanderungsbremse dreht sich das Rad immer schneller. Wir finden überall noch billigere Arbeitskräfte, die aus der Not heraus zu uns kommen, damit wir uns hier im Schlaraffenland suhlen können. Das ist doch daneben. Ich stimme überzeugt JA.
    • Housi | 26.05.2026

      Auch in der Landwirtschaft müssen rechte Löhne bezahlt werden, sonnst kannst du niemanden mehr anstellen. Meine Mitarbeiterin hat einen netto Lohn von Fr. 5300.- plus 13 Monatslohn.


      Ungelernte starten mit dem Mindestlohn und können sich bei guter Leistung sofort hocharbeiten.


      Fachkräfte Braucht das Land, nicht Sozialhilfe Bezüger.

    • Kollege | 28.05.2026
      Herr Battaglia, bei importierte Spargeln sind die Löhne noch tiefer.
      Kaum jemand würde für Schweizer Spargeln Preise bezahlen, welche.mit Schweizer Durchschnittslöhnen kalkuliert werden.
×

Schreibe einen Kommentar

Kommentar ist erforderlich!

Google Captcha ist erforderlich!

You have reached the limit for comments!

Das Wetter heute in

Lesershop

Hier gehts zum Lesershop

Umfrage

Keine 10-Millionen-Schweiz: Ja oder Nein?

76.1 % Ich bin für die Initiative
22.1 % Ich bin gegen die Initiative
1.7 % Ist mir egal

Teilnehmer insgesamt 289

Zur aktuellen Umfrage

Bekanntschaften

Suchen Sie Kollegen und Kolleginnen für Freizeit und Hobbies? Oder eine Lebenspartnerin oder einen Lebenspartner?