Junglandwirt Sebastian Hagenbuch vertieft sein landwirtschaftliches Wissen mittels eines Agronomiestudium in Zollikofen. Nach bestandener Lehre mussten die Latzhosen und Arbeitshandschuhe dem (Sennen-)Hemd und Laptop weichen.
Wissenschaftliches Arbeiten ist mühsam. Zunächst, weil man die neuen Spielregeln dieser Disziplin verinnerlichen muss. Literaturrecherche, pingelig genaues zitieren, Quellenangaben, und das alles in meinem Fall für Resultate, die unsere Wissensgrundlage nicht gerade revolutionieren. Ein Zwerg auf der Schulter eines Riesen sei man als Wissenschaftler, sagen die Dozenten. Nicht gerade Dinge, die das Jungbauernherz höher schlagen lassen.
Komplexität des Themas bewusst
Kein Satz darf in diesem Genre in die Weltgeschichte hinausposaunt werden, ohne dass er sich auf wissenschaftliche Fakten abstützen würde. Alles muss begründet, beleget und bewiesen sein. Wo bleibt denn da das spielerische Element, die persönliche Haltung, die Intuition? Nun, sie müssen sich zu einem bestimmten Grad weiterentwickeln, so unbequem das auch sein mag.
Insofern haben die wissenschaftlichen Prinzipien auch ihr Gutes. Man kann eben nicht mehr einfach die Aussage des Grossvaters in den Raum stellen und ein komplexes Problem damit schwarz-weiss beantworten. Je mehr ich mich mit Landwirtschaft befasse, umso klarer wird mir die Komplexität des ganzen Themas bewusst. Da erscheint es fast schon lächerlich, wenn ich als Unwissender und Unerfahrener auf Stammtischniveau Meinungen vertrete, die nur beschränkt kritisch hinterfragt wurden.
Es ist reizvoll, den Sachen auf den Grund zu gehen und zu wissen, wovon genau man spricht. Es zwingt einen, Althergebrachtes zu überdenken und die Dinge in einem neuen Licht zu sehen. Das motiviert, gibt einem das Gefühl von Vorwärtskommen, relativiert und verwässert aber auch manches, und immer weniger tauge ich zu radikalen Ansichten.
Grenzen der Wissenschaft
Und doch ist die wissenschaftliche Optik nur eine Sicht der Dinge. In meiner Freizeit will ich nicht nur mit dieser materiell-versachlichten Brille durch die Gegend latschen. Ich will mich von Schönem und den Wundern des Lebens berühren und verführen lassen, auch oder gerade dann wenn es unverständlich erscheint. Das letzte Warum vermochte bis heute zum Glück auch die Wissenschaft nicht zu beantworten, es bleibt also durchaus Raum zum Staunen über das Leben. Man muss ihn sich allerdings nehmen, diesen Raum, und die Wissenschaftler-Brille ist am Feierabend ebenso schwierig abzulegen wie die Bauern-Brille.
Zum Glück ist mir bewusst, dass ich bei der praktischen Arbeit zu Hause nicht ständig alles hinterfragen kann - ich würde von Morgen bis Abend grübelnd vor dem Stall stehen und am Ende des Tages wäre nichts erledigt. So bin ich denn froh, wenn ich am Wochenende beim Pflügen mich einfach darauf konzentrieren kann, eine saubere Arbeit zu machen, ohne mich jedesmal beim Wenden zu hintersinnen, ob nicht doch die Direktsaat der Weisheit letzter Schluss sei.