Die Freiburgerin Anja Tschannen studiert Agronomie an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) in Zollikofen. In ihrem Blog berichtet sie über das Studium, aber auch über ihre Arbeit als Freie Mitarbeiterin beim Schweizer Bauer und ihre Hobbies.
Panikartiges Geschnatter mischt sich mit den lauten Stimmen und dem Klirren scharfer Klingen. Die kopflosen Leiber heben sich ruckartig, wild flattern die Flügel durch die Luft und das frische kräftig rote Blut spritzt über das schneeweisse Gefieder. Ich schrecke aus dem Schlaf empor, es war bloss ein Traum.
Wovor ich mich immer gefürchtet habe
Während dem der Morgen langsam erwacht, warte ich bis mein Wecker die stille Morgenruhe durchbricht. Ich trete kräftig in die Pedale und der Fahrtwind weht mir ins Gesicht. Heute wird alles anders sein, heute wird genau, dass eintreffen, wovor ich mich seit dem Schlupf meiner Schützlinge gefürchtet habe. Heute werde ich meine Enten zum Schlachter bringen. Gesunde, kräftige Enten. Enten, die ich während 28 Tagen ausgebrütet habe, bei deren Geburt ich dabei war. Enten, die mich als erstes gehört und gesehen haben, als sie auf die Welt kamen. Enten, die ich während den letzten acht Wochen gehegt, gepflegt, gefüttert, beobachtet und aufwachsen gesehen habe.
Enten, die es geschafft haben, dass ich freiwillig jeden Tag im Morgengrauen aufstehe und mich darauf freue meine lauthalsschnatternde Entenschar auf die Weide zu lassen. Enten, die mir vertrauen und für die ich die Verantwortung trage. Und genau diese Enten soll ich heute zum Schlachter bringen.
Metzger und Blut
Mein Puls rast und das Adrenalin schiesst durch meinen Körper. Kalter Schweiss steht auf meiner Stirn und ein Schaudern fährt mir den Rücken hinunter. Ich möchte meine Enten packen und davon springen, weit weg. Doch ich bleibe wie angewurzelt stehen. Tränen steigen mir in die Augen und ich umklammere meinen Kugelschreiber, notiere zum letzten Mal das Lebendgewicht.
Die Enten werden an den Füssen kopfüber aufgehängt, das Laufband dreht sich unaufhaltsam, dem Elektrobad entgegen, auf der anderen Seite wartet der Metzger, die Klinge des Messers funkelt im einfallenden Sonnenlicht. Monoton rattern die Maschinen im Hintergrund, es ist ruhig. Kein panikartiges Geschnatter. Keine lauten Stimmen. Mit routinierten, ruhigen Bewegungen, durchtrennt der Metzger den Hals. Das rote Blut spritzt über das schneeweisse Gefieder. Dann ist alles vorbei. Die leblosen Körper hängen schlaff herunter.
Schlachthof-Obligation für Fleischesser
Egal wie belastend, emotional oder schwer es auch sein mag, ich werde bis zum Schluss dabei sein. Dies habe ich mir vor dem Projekt gesagt und dies werde ich solange ich Tiere habe auch immer machen. Es heisst oft: „Aus den Augen, aus dem Sinn.“ Aber wenn man Verantwortung für ein Lebewesen hat, dann kann man sich nicht einfach umdrehen und gehen. Man hat die Verantwortung immer zu tragen. Und weil sich der Mensch das Recht genommen hat, sich über die anderen Tiere zu stellen, muss er sich um die Tier kümmern. Er muss Entscheidungen fällen und dazu stehen. Entscheidungen fällt man aber nicht nur, wenn man das Tier tötet. Entscheidungen trifft man auch als Konsument im Laden. Wenn aus dem Tier ein Produkt geworden ist. Jeder der Fleisch isst, muss zuerst einmal einen Tag im Stall und danach im Schlachthof verbringen.
Einen Bezug zum Produkt haben
Jeder soll Fleisch essen dürfen, aber jedem muss bewusst sein, dass dahinter wahrhaftig ein Lebewesen gesteckt hat. Jeder Konsument muss einen Bezug zum Produkt haben. Nur dann wird respektvoll konsumiert. Nur dann, werden die Leute bereit sein einen anständigen Preis für Nahrungsmittel zu zahlen. Nur, dann werden deformierte Fischstäbli und Chicken-Nuggets im Blümchenformat (die mir echt die Haare zu Berge stehen lassen) aus den Regalen verschwinden, die Kinder wieder wissen, woher das Fleisch kommt und die Eltern darauf achten woher das Fleisch stammt, dass sie einkaufen.