
Im Mondkalender dauert ein Monat von Vollmond zu Vollmond. Ein Jahr hat die Länge von 12 Vollmond-Zyklen.
Monika Gerlach
Die zwölf Raunächte (auch Rauhnächte oder Rauchnächte genannt) begleiten uns schon seit dem Wechsel auf den 25. Dezember. Die besonderen Tage werden auch als der Zeitraum «Zwischen den Jahren» bezeichnet. Es ranken sich viele Geschichten – heimliche und unheimliche – um diese Nächte. Im Buchladen in der Rubrik Esoterik füllen sich die Regale. Dabei gibt es eine wissenschaftliche Erklärung für die Zeit zwischen den Jahren, die es ja eigentlich gar nicht gibt.
Unser Jahr endet am 31. Dezember um null Uhr. Das neue Jahr fängt nach Mitternacht an. Es entsteht also gar keine Zeitlücke. Doch unseren Kalender, der 365 Tage für ein Jahr zählt (und alle vier Jahre einen Tag mehr einbaut), den gibt es noch nicht seit Menschengedenken.
Mondkalender und Sonnenkalender
Früher orientierte man sich an Himmelskörpern, entweder am Mond oder an der Sonne. Der Mondkalender bezieht sich auf die Zeit zwischen Vollmond und Vollmond, was einen Monat ergibt. Zwölf Vollmond-Monate ergeben in diesem Kalendarium ein Jahr mit 354 Tagen. Beim Sonnenkalender ist es anders. Hier liegt die Zeit zugrunde, welche die Erde braucht um einmal die Sonne zu umrunden. Eine Umrundung dauert gut 365 Tage und ergibt ein Sonnenjahr.
Ein Kalender ist für Religionen oder für die Landwirtschaft eine wichtige Sache. Man orientiert sich am Kalender für die Aussaat oder die Erntezeit. Mit einem Mondkalender kann das nicht funktionieren. Auch christliche Feiertage wie Weihnachten würden, wenn man nur den Mondkalender als Orientierung hätte, nicht immer in die Winterzeit fallen, sondern im Laufe der Jahre in jeder Jahreszeit gefeiert werden, also auch im Sommer. Der islamische Kalender ist bis heute ein Mondkalender, weshalb sich der Ramadan durch das ganze Jahr bewegt.
Die meisten Kulturen haben einen Lunisolar-Kalender eingeführt. Dieser berücksichtigt sowohl die Mondphasen (Lunar) als auch das Sonnenjahr (Solar). Zu den Mondmonaten wurden regelmässig Schaltmonate eingeführt, um mit dem Sonnenjahr synchron zu bleiben. Bekannte Beispiele sind der jüdische Kalender, der chinesische Kalender und der hinduistische Kalender.
Zeit zwischen den Jahren
Nun aber zurück zu den Raunächten. Zwischen dem Mondkalender mit 354 Tagen und dem Sonnenkalender mit gut 365 Tagen liegen also 11 Tage beziehungsweise 12 Nächte. Das sind Tage, die zwischen den beiden Kalenderjahren liegen. In der mythologischen Vorstellung der Menschen, waren das Tage, an denen die üblichen Gesetze nicht mehr gelten – eine Zeit, in der alles oder vieles möglich war. Man stellte sich vor, dass die Grenzen zwischen dem Reich der Toten und der Lebenden, oder zwischen den Göttern und den Menschen verschwimmen.
Türen und Fenster geschlossen halten
In einem Podcast von Bayern 2 erzählt Astrid Süssmuth aus ihrer Kindheit. Weil in den Raunächten ab Silvester «Die Wilde Jagd» über den Himmel tobt, das Geisterreich offen steht und die Seelen der Verstorbenen Ausgang haben, musste die Wäsche unbedingt abgehängt sein. «Die Wilde Jagd» habe sich nicht darin verfangen dürfen, damit es im nächsten Jahr keine Toten gäbe.
Ausserdem wurde in ihrer Familie auch geräuchert. Alle Räume wurden ausgeräuchert, und auf den Bauernhöfen vor allem die Ställe. Die Haupträuchertage seien neben Weihnachten, Silvester und Dreikönig vor allem der Thomastag am 21. Dezember gewesen.

Jeden Monat durchläuft der Mond seine Phasen vom Neumond über eine zunehmende Sichel, den Halbmond bis hin zum Vollmond und zurück.
Monika Gerlach
Von ihrem Grossvater habe Astrid Süssmut gehört, dass nur wer sich im Haus aufhalte, sicher sei vor «Der Wilden Jagd». Türen und Fenster mussten verschlossen bleiben. Und ihrer Mutter sei immer wichtig gewesen, dass man während der Raunächte reichlich an Speisen und Getränken hatte, damit man im nächsten Jahr nicht hungern müsse.
Vieh im Stall behalten
Im Podcast kommt auch der Volkskundler und Ethnologe Rainer Wehse zu Wort. Er weiss, dass man sich in den Raunächten nicht auf den Tisch setzen durfte, denn dann so war der Glaube, bekäme man Furunkel. Auch gab es Arbeitsverbote. Man habe nicht waschen, nicht spinnen, nicht backen und nicht düngen sollen.
Das Gebäck musste also vor den Raunächten zubereitet werden und auf das Fensterbrett legte man etwas für die armen Seelen. Laut Wehse habe es auch Sprechverbote gegeben. Fuchs, Wolf, Maus oder Ratten habe man nicht beim Namen nennen dürfen, denn sonst hätte man sie beschwört. Ausserdem habe man das Vieh im Stall behalten, damit ihm niemand habe schaden können.
Zeit für Kreativität
Neben der Astrologie und den vielen mythologischen Sitten und Bräuchen, sind die Tage und Nächte zum Jahreswechsel eine Zeit, um runterzufahren und den Stress hinter sich zu lassen. Die Tage sind kurz, auf dem Feld gibt es nichts zu tun – man kann Kraft tanken und die Zeit mit lieben Menschen verbringen. In dieser Zeitspanne ist Platz für Kreativität - das, was uns Menschen ausmacht.