Das Pilotprojekt Coastwise, das vom Bezirksrat von North Norfolk umgesetzt wird, hat mehr als 15 Millionen Pfund (rund 15,7 Millionen Franken) an staatlicher Unterstützung erhalten. Ziel ist es, die Küste an die durch den Klimawandel beschleunigte Erosion anzupassen.
Allerdings mit einer Einschränkung: Die Mittel dürfen nicht für klassische Küstenschutzanlagen wie Deiche oder Gabionen – mit Steinen gefüllte Drahtkörbe – verwendet werden.
Stattdessen prüft das Team, wie mit bedrohten Häusern umzugehen ist. Diskutiert wird etwa, ob Behörden gefährdete Grundstücke aufkaufen sollen oder ob feste Häuser durch Mobilheime ersetzt werden könnten, die mit Frühwarnsystemen ausgestattet sind, falls eine Evakuierung nötig wird.
«Land verlieren»
«Das ist ziemlich revolutionär», sagte Robert Goodliffe vom Projekt Coastwise der Nachrichtenagentur AFP. Andere Länder testeten zwar verschiedene Ansätze, doch ein vergleichbares Projekt gebe es bislang nicht. «Es erfordert ein Umdenken.»
Über Jahrzehnte bestand die Antwort im Vereinigten Königreich und anderswo darin, die Küstenlinie mit Schutzbauten gegen die Erosion zu «halten».
Doch da einige dieser Anlagen das Ende ihrer Lebensdauer erreicht haben und der Meeresspiegel steigt, warnen die britische Regierung und Fachleute, dass es unmöglich sein wird, die Küste überall zu schützen.
Statt teure Schutzanlagen zu finanzieren, geht die britische Umweltbehörde davon aus, dass sich einige Gemeinden an der Ostküste Englands – deren sandige und lehmige Küsten zu den am stärksten erodierenden Europas gehören – künftig geordnet vom Meer zurückziehen müssen.
Das hat die Regierung dazu veranlasst, Pilotprojekte wie Coastwise zu finanzieren, die bestimmte Küstenabschnitte auf diesen Rückzug vorbereiten sollen.
«Wenn es darum geht, eine Schutzanlage zu bauen, gibt es etablierte Verfahren und Möglichkeiten zur Finanzierung», sagte Sophie Day, Expertin für Küstenanpassung im Projekt. «Aber wenn es darum geht, Land zu verlieren, ist das nicht der Fall.»
Konkret befassen sich die Forschenden etwa mit den logistischen und rechtlichen Schwierigkeiten, die entstehen, wenn Leichen exhumiert werden müssen, um einen Friedhof zu verlegen. Die Ergebnisse könnten später auch in anderen Regionen des Landes angewendet werden.
Einige Einwohner halten die Rückzugsstrategie jedoch für unzureichend angesichts der unmittelbaren Gefahren.
«Visionär»
Das Haus, in dem Shelley Cowlin 50 Jahre lang am Rand einer Klippe gelebt hatte, musste im Januar abgerissen werden, nachdem es bei Winterstürmen an der Küste von Suffolk schwer beschädigt worden war. Neun weitere Häuser im Küstendorf Thorpeness ereilte dasselbe Schicksal.
Es sei «ein schönes, grosses weisses Haus (...) mit fantastischer Aussicht» gewesen, sagte die 89-Jährige der AFP sichtlich bewegt. Sie kritisierte zugleich, dass es keine Entschädigung durch die Regierung gebe.
Während sie spricht, zerstört ein Bulldozer ein weiteres gefährdetes Haus in dem Dorf mit rund 130 Einwohnern. Die Regierung hat der Gemeinde empfohlen, sich von der Küste zurückzuziehen, statt in neue Schutzanlagen zu investieren.
«Die bestehenden Schutzmassnahmen können die Erosion nur verlangsamen, aber nicht stoppen», sagte die Lokalpolitikerin Katie Graham. 2Wir brauchen mehr Geld und mehr Unterstützung von der Regierung. Die Situation ist sehr dringend.»
Auch in Frankreich wird über Anpassungsstrategien diskutiert. Die Präsidentin des nationalen Küstenrats, die Abgeordnete Sophie Panonacle, fordert seit mehreren Jahren einen Fonds für Küstenerosion und betont die Bedeutung einer «klimatischen Anpassungsstrategie für Küstenregionen».
«Im Vereinigten Königreich scheint man zu sagen: Wir lassen das Meer nehmen, was es will», kritisierte Craig Block, der auf dem See von Thorpeness Boote vermietet.
Der Klimaanpassungsforscher Robert Nicholls hingegen lobt die «experimentelle» Strategie der britischen Regierung. «Sie versuchen herauszufinden, was möglich ist und was nicht. Sie versuchen zu innovieren», sagte der Professor der University of East Anglia und bezeichnete den Ansatz als «klug und visionär».
