Geburt ist wohl weniger einzigartig als gedacht

Die menschliche Geburt ist nicht so speziell wie gedacht. Sie ist schwierig, riskant, oft schmerzhaft – aber kein evolutionärer Sonderfall. Eine neue Studie zeigt: Auch andere Primaten haben schwere Geburten.

sda |

Manche Affenarten stehen sogar vor noch grösseren anatomischen Herausforderungen, wie ein internationales Forschungsteam mit Schweizer Beteiligung in der am Montag im Fachjournal «Nature Ecology & Evolution» veröffentlichten Studie schreibt.

Seit den 1940-er-Jahren prägte eine berühmte Vergleichsgrafik das Bild der menschlichen Geburt. Sie zeigte: Beim Menschen passt der Kopf des Babys gerade noch durch den Geburtskanal, während bei Schimpansen, Gorillas oder Orang-Utans viel Platz bleibt.

Auf dieser Vorstellung bauten zahlreiche evolutionäre Theorien auf. «Dieser Eindruck könnte jedoch ein Artefakt früherer, auf den Menschen zugeschnittener Messmethoden sein, die die Geburtsherausforderungen bei nichtmenschlichen Primaten unterschätzen», schrieben die Forscherinnen und Forscher in der Studie.

Für ihre neue Studie verwendeten sie daher dreidimensionale Scans von Becken sowie artspezifische Messungen der Kopfgrösse von Neugeborenen aus insgesamt 29 Primatenarten

Warum die alte Theorie wackelt

«Unsere Ergebnisse stellen die bisherige anthropozentrische Sichtweise infrage», heisst es in der Studie: Innerhalb der Menschenaffen bleibt der Mensch zwar jene Art, bei der der Kopf des Neugeborenen den Beckeneingang am stärksten ausfüllt. Über alle Primaten hinweg gibt es jedoch mehrere Arten mit einem noch ungünstigeren Verhältnis – darunter Totenkopfaffen, Galagos und Husarenaffen. Bei einigen ist der Kopf des Jungtiers rechnerisch sogar grösser als der verfügbare Beckeneingang.

Dass Geburten trotz dieser engen Verhältnisse gelingen, liegt an verschiedenen Anpassungsmechanismen. So haben verschiedene Primatenarten offenbar unterschiedliche Wege gefunden, dasselbe Problem zu lösen: ein möglichst grosses Jungtier durch ein begrenztes Becken zu bringen. Bei vielen Affen erleichtert etwa die Gesichtslage des Jungtiers die Geburt, bei anderen Arten erweitern gelockerte Beckenbänder den Geburtskanal vorübergehend.

An der Studie unter Leitung des University College London (GB) war auch eine Forscherin der Universität Zürich beteiligt.

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