Hängt im Wohnzimmer eines Schweizer Bauern das Bildnis einer Kuh, wurde sie wahrscheinlich von Antonio Molina gemalt. Ein Blick ins Atelier des Schweizer Kuhmalers schlechthin – der eigentlich Spanier ist.
Eine Kuh ist eine Kuh, jede gleich? Antonio Molina konnte einst auch nur die gefleckten von den braunen unterscheiden, Braunvieh von Fleckvieh und Stier von Kuh. Doch in den vergangenen Jahren hat er sich zu einem Hausrindkenner sondergleichen gemalt. Denn Antonio Molina, die Mutter Spanierin, der Vater Argentinier, malt Kühe. Und Stiere. Rinder eben. Mit einer Präzision, Hingabe und Erfolg, die ihresgleichen suchen.
Könnte Turnhalle füllen
Wer wenig Einblick in die Landwirtschaft hat, kann sich nur schwerlich vorstellen, welch immensen Stellenwert ein Bauer seinen Milchkühen beimisst; die Beziehungen sind mitunter innig, die Kühe quasi Familienmitglieder. Darum sparen die Landwirte gern woanders, aber nicht, wenn es um die Verewigung ihrer leistungsfähigsten Kuh, ihres potentesten Stiers in Öl geht. Darum hat Antonio Molina schon Tausende von ihnen gemalt. Eine Turnhalle, sagt er schmunzelnd, könnte er problemlos füllen.
Imposante Stiere und stolze Kühe
Auf Leinwänden, Tellern, Glocken und Holzbrettern prangen sie und hängen in den Stuben, Küchen und Schlafzimmern ihrer Halter und Züchter, imposante Stiere und stolze Kühe mit gereckten Rücken und prallen Eutern, bei denen alles stimmen muss: Körperhaltung, Beinstellung, die Ausprägung des Adernetzes auf dem Euter, jeder Flecken im Fell, die gespitzten Ohren, der sanftmütige Blick. Schliesslich geht es nicht nur um die Darstellung des Lieblingstiers im allerbesten Licht; das Porträt der Kuh eines Landwirts ist das Abbild seiner Leistung als Züchter.
Darum wird jede gemalte Kuh mit Argusaugen begutachtet. Da kam es schon vor, dass eine Halterin im Appenzellischen gar nicht zufrieden war mit dem fertigen Bild ihrer Milchkuh. Das Auge sei zu klein, bemängelte sie, ansonsten: perfekt, aber so gehe das doch nicht. Also packte Antonio Molina Pinsel und Farbe und fuhr durch die halbe Schweiz, um das Kuhauge zu vergrössern. «Man muss diese Anforderungen verstehen, denn das sind alles an Viehschauen prämierte Missen, die besten Tiere ihrer Zuchten.»
Vom Berner Oberland bis ins Tessin
In der ganzen Schweiz ist Antonio Molina unterwegs, und das seit über 20 Jahren, seine Bilder haben sich zu beliebten Geschenken gemausert – an Hochzeiten, Züchterjubiläen, runden Geburtstagen. Bekannt wurde er mit seinen Ständen an den grossen Zuchtschauen des Landes. Wenn er vom Entstehungsprozess eines Bildes erzählt und vom Aufwand, den er betreibt, von den Besuchen auf den Höfen vom Berner Oberland bis ins Tessin, von der Erwartung, die er an sich selbst hat, dieses unbedingte Streben nach Perfektion; dann sprüht die Leidenschaft aus ihm, dass man denkt: Da ist einer auf die Kuh gekommen.
Ihn zieht es auf die Alp
Nicht viele haben so viele Landwirtschaftsbetriebe von innen gesehen wie Antonio Molina. Freud und Leid der Bauern spüre er hautnah, erzählt er. Man leide und freue sich mit, sei am Puls – «und wenn ich zu lange im Atelier bin, zieht es mich wieder auf die Alp», sagt er. Hineingeraten in diese Schnittstelle zwischen Kunst und Landwirtschaft ist er eher zufällig. Die Idee hatte ein befreundeter Braunviehzüchter.
Einmal losgelegt, brachte er dem Maler die Kniffe bei, die Details, kurz: alles, worauf es ankommt. Nicht malerisch, aber landwirtschaftlich. Mit 22 Jahren – der Absolvent der Schule für Gestaltung Basel war dannzumal bereits seit vier Jahren verheiratet und zweifacher Vater – begann er schliesslich vollberuflich durch die Schweiz zu touren, von Hof zu Alp zu Atelier und wieder von vorne. Heute hat er sechs Kinder – und lebt als einer der ganz wenigen Maler in der Schweiz allein vom Malen.
www.art-molina.ch