Jedes Jahr am Ostersonntag verwandelt sich der Kornhausplatz in Bern in eine Eier-Wettkampfarena. Die Bevölkerung versammelt sich mit einem gekochten Ei in der Hand zum «Eiertütschen». Bei dieser Tradition werden zwei gekochte Eier gegeneinander geschlagen. Das Ziel: die Schale des Gegners oder der Gegnerin zu zerbrechen.
Der Kanton Bern hat diesen Brauch in sein Register der lebendigen Traditionen aufgenommen. Er ist einer von vielen Osterbräuchen, die in der Schweiz fortbestehen.
Diese stammen aus einem doppelten Erbe, einem religiösen und einem heidnischen, das heisst aus polytheistischen Traditionen. Sie reichten bis in die Zeit vor dem jüdisch-christlichen Erbe zurück oder hätten sich parallel dazu entwickelt, so Luc Bulundwe, Assistenzprofessor für Neues Testament an der Universität Genf, im Gespräch mit Keystone-SDA.
«Das christliche Fest konzentriert sich auf das Gedenken an die Auferstehung Jesu Christi, Symbol für ewiges Leben und Hoffnung», sagt er. Die heidnischen Bräuche hingegen feierten den Frühlingsanfang mit der Rückkehr des Lichts und der Erneuerung der Natur.
Eier, das Herzstück von Ostern
Dieses doppelte Erbe spiegelt sich auch in den Symbolen wider. Laut Bulundwe stehen Eier und Hasen für Fruchtbarkeit, Leben und Überfluss. «Es gibt eine Parallele zwischen dem Küken, das aus seiner Schale schlüpft, und Christus, der aus dem Grab aufersteht.»
Das Ei hat sich bereits im Mittelalter als zentrales Symbol für Ostern etabliert. Während der Fastenzeit durften Christen keine Eier essen. Die Hühner legten jedoch weiterhin Eier. «Um sie aufzubewahren, wurden die Eier gekocht und sogar verziert, um sie von den anderen, in der Zwischenzeit gelegten Eiern zu unterscheiden», erklärt Bulundwe.
Auch heute noch werden sie mit verschiedenen Gemüseschalen oder künstlichen Farbstoffen bemalt.
Eine Frage bleibt offen: Wer versteckt die Eier in unseren Gärten? In Deutschland und der Schweiz übernimmt das der Osterhase. In Frankreich sind es eher die fliegenden Glocken, die vor Ostern nach Rom gereist sind, wo sie vom Papst gesegnet wurden.
Regionale Traditionen
Auch in Zürich werden die Eier hervorgeholt. Mitten in der Altstadt versammeln sich am Ostermontag Jung und Alt zum «Zwänzgerle». Ein Erwachsener wirft eine 20-Rappen-Münze auf ein hartgekochtes Ei, das ein Kind in der Hand hält. Gelingt es ihm, die Schale zu durchschlagen, behält er das Ei, andernfalls geht der Gewinn an das Kind.
Neben den Gottesdiensten und den zu diesem Anlass entzündeten Feuern ist die Karwoche von Prozessionen geprägt. Die berühmteste ist nach wie vor die von Mendrisio TI, die auf eine über 400-jährige Tradition zurückblickt. Bei Einbruch der Dunkelheit zieht am Gründonnerstag und Karfreitag ein Zug durch den Ort und stellt die Passion Christi nach. Diese Prozessionen gehören zum immateriellen Kulturerbe der Unesco.
In Romont FR ziehen am Karfreitag die «Pleureuses» (Wehklägerinnen) durch die Strassen: etwa zwanzig schwarz gekleidete Frauen, die, angeführt von einem Kreuzträger, die Leidensinstrumente – Dornenkrone, Nägel, Hammer, Ruten und Peitsche – tragen. Die ersten Spuren der «Pleureuses» von Romont reichen bis ins Jahr 1456 zurück.
Verschwundene Ostertraditionen
Nicht alle Ostertraditionen haben die Zeit überdauert. Bulundwe erwähnt insbesondere die monumentalen Heiligen Gräber, die heute in der Schweiz verschwunden sind. Im Mittelalter wurden in den Kirchen Grabstätten und eine Puppe aufgestellt, die den am Kreuz gestorbenen Leib Christi darstellte. Einwohner und Kinder hielten bis zu seiner Auferstehung, symbolisiert durch das Aufrichten der Jesusfigur, Wache. Dieser Brauch starb ab den 1950er-Jahren allmählich aus.
Auch die Tapolets, riesige Rasseln, die in den Tagen vor Ostern die Stille der Glocken ersetzen, werden immer seltener gespielt. Man hört sie jedoch noch immer in Grimentz VS, Cressier NE, Rue FR und Romont FR.

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