Seine Zunge schrumpft. Seine Flanken fallen ein. Und Wasserfurchen durchziehen ihn. In Goms im Kanton Wallis verändert der Rhonegletscher jedes Jahr sein Gesicht. Ausgestattet mit seinen Steigeisen, begab sich Huss, der Direktor von Glamos, des Gletschermessnetzes Schweiz, vor allem im Sommer regelmässig zum Oberwalliser Standort.
Seit er vor zwei Wochen das letzte Mal im Goms gewesen sei, seien 1,4 Meter Eis verloren gegangen. Das entspreche einem Verlust von fast 10 Zentimetern pro Tag. «Das ist wirklich enorm», sagte Huss der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.
Seit Beginn der diesjährigen Messungen Mitte Juni hat der Gletscher-Wissenschaftler vor dem Hintergrund wiederholter Hitzewellen eine Schmelze von fast vier Metern verzeichnet. «Das ist keine gute Nachricht für den Gletscher», so Huss.
Unweit des Referenzpunktes zeigte der Forscher auf eine eingestürzte subglaziale Höhle. Diese Schmelze «von unten» finde zusätzlich zu jener an der Oberfläche statt. «Das ist ein Prozess, den wir immer häufiger beobachten», sagte er weiter.
Messstangen müssen früher ersetzt werden
Normalerweise begeben sich die Glaziologen im April auf die Gletscher, um die Schneeansammlung zu messen, und kehren erst im September zurück, um die jährliche Schmelze zu bestimmen.
Am Rhonegletscher ist der Verlust jedoch so gross, dass die Messstangen früher in der Saison ersetzt und neu gesetzt werden müssen, da sie sonst umfallen würden und unbrauchbar wären. Die langen Metallstangen werden in die Eisschicht geschraubt. Diese sind acht Meter lang, was einer «normalen» jährlichen Schmelze an ihrem Standort entspricht.
«Das Jahr 2026 ist bisher ein extremes Jahr, aber man hat die Rekordverluste von 2022 noch nicht erreicht», erklärte Huss. Man habe einen ziemlich trockenen Winter mit wenig Schnee und Schutz für das Eis gehabt, und die Hitzewellen hätten früh begonnen. «Im Jahr 2022 kam zusätzlich der Effekt des Saharasandes hinzu, der sich auf den Schnee gelegt und die Schmelze beschleunigt hat.»
Seit 2006 einen Kilometer verloren
«Der Gletscher zieht sich schnell zurück, wir haben in den letzten zwanzig Jahren fast einen Kilometer verloren. Er wird in dreissig bis vierzig Jahren vom Belvedere verschwinden, aber ganz oben am Dammastock wird er noch vorhanden sein», sagte Huss. In diesem Massiv, auf fast 3600 Metern Höhe, entspringt der Rhonegletscher.
«Dort ist es kälter und es gibt mehr Schnee», sagte der Professor der ETH Zürich. «Er könnte dort bis zum Ende des Jahrhunderts überleben, aber in einer viel kleineren Form.»
«Mit dem Klimawandel wissen wir, dass Hitzewellen immer häufiger und wahrscheinlicher werden», räumte Huss ein. «Es ist hart, immer wieder dasselbe dokumentieren zu müssen: ein extremes Jahr nach dem anderen. Aber das ist heute unser Leben als Glaziologe.»
