Wanda Segginger und Marco Stettler aus Thurgau sind die grössten Spiegelschafzüchter der Schweiz. Für die Sömmerung ihrer 1'200 Schafen reisen sie auf die Bündner Alp Stabi-Rodond. Mit diesem Entscheid verleihen sie dem neuen, kleinsten Schweizer Naturpark in Südbünden neue Impulse und neuen Mut.
Es sei bereits das zweite Mal, dass die beiden Thurgauer die Alp auf dem Gemeindegebiet Mesocco/ Rossa bestossen, schreibt die «Südostschweiz» in einem Bericht. 650 Mutterschafe und rund 550 Frühjahrslämmer der Rassen Spiegelschaf und Braunköpfiges Fleischschaf werden die Alp Stabi-Rodond im Sommer besiedeln. Beschützt werden die Schafe auch von fünf Pyrenäenberghunde und zwei Maremmanos.
Einheimische freuen sich
Insgesamt umfasst das Gebiet mehr als 600 Hektar Weidefläche. Dieses Jahr werden Marco und Wanda als zusätzliche Massnahme zu den Schutzhunden das Gebiet zäunen und mit Drohnen überwachen. Diese Massnahmen sollen vor dem Moesano-Wolfsrudel schützen, das vergangenen Sommer trotz der Hunde fünf Tiere riss.
Für Stettler gibt es eine einfache Erklärung, wieso das Paar in einer so entlegenen Gegend sömmert «Die Alp ist gross genug für die grosse Herde», erklärt Stettler. Genug Futter für den ganzen Sommer, und auch an Wasser mangelt es hier nicht.
Mit seiner Partnerin haucht er dadurch der hintersten Ecke des neuen Naturparks Val Calanca neues Leben ein. Dass sich die Einheimischen darüber freuen, haben sie vergangenes Jahr deutlich zum Ausdruck gebracht.
Zur Karte: Der Parco Val Calanca in Südbünden ist mit rund 120 km2 der kleinste Naturpark des Landes und der erste in der italienischsprachigen Schweiz.
Schafwolle vor Ort verarbeiten
Auch Daniel Buschauer, Leiter des Amts für Landwirtschaft und Geoinformation Graubünden, freut sich, dass das Thurgauer Schafhirtenpaar sich diese Gegend für die Sömmerung ausgesucht hat. Auch der Idee, die Wolle der gesömmerten Schafe im Tal weiterzuverarbeiten, zum Beispiel zu Yogamatten, kann Buschauer etwas abgewinnen.
Doch er relativiert auch: «Einer der kritischen Faktoren ist die Wirtschaftlichkeit.» 2014 sei ein Projekt zur regionalen Entwicklung (PRE) mangels Erfolgs eingestellt worden. Personen und Institutionen zu finden, die eine solche riskante Finanzierung übernehmen wollen, seien schwer zu finden.
Park Beverin als Vorbild
Buschauer sähe die Chance im jetzigen Naturpark Val Calanca darin, dass die Einheimischen merken, dass sie etwas bewegen können, wenn sie zusammen unterwegs sind. Insofern sei auch der Weg für ein neues regionales Entwicklungsprojekt offen.
Der Park Beverin zum Beispiel sei der Beweis, dass ein Naturpark zusammen mit einem PRE, beispielsweise durch eine gemeinsame Geschäftsstelle, Synergien nutzen könne. Zudem sei dort die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft mit im Boot. Diese kümmere sich um die Businesspläne und bringe ein wertvolles Netzwerk mit. Wichtig sei einfach, dass solche Projekte - auch ein Naturpark - von unten, also von der Bevölkerung getragen würden.
Anstoss zum Erfolg?
Marco Stettler und Wanda Segginger kommen aber nicht wegen des Naturparks her, sondern weil die Alp gross genug für die grosse Herde sei. Stettler wäre aber offen, die Wolle seiner Schafe im Naturpark verarbeiten zu lassen. Die Produkte aus Wolle von Pro-Specie-Rara-Spiegelschafen könnten mit dem Parklabel vermarktet werden.
Wenn Wanda Segginger und Marco Stettler mit ihrer Bestossung der Alp Stabi-Rodond den Anstoss für ein neues Projekt zur regionalen Entwicklung gegeben könnten, wäre dies der Anfang einer schönen Geschichte , schliesst die «Südostschweiz» ihren Bericht.
