
Eröffnungspressekonferenz der Grünen Woche in Berlin. Von links; Joachim Rukwied, der Präsident des Deutschen Bauernverbandes; Marie Schomburg, Agrarscout und Lea Vlies, Geschäftsführerin vom Forum Moderne Landwirtschaft.
Tobias Strahm
Im Mittelpunkt standen bei der Eröffnung das Jubiläum «100 Jahre Grüne Woche» und die Frage, ob Landwirtschaft und Ernährungsindustrie unter den aktuellen Bedingungen noch verlässlich Zukunft planen können. Messe-Chef Mario Tobias setzte gleich zu Beginn auf die grosse Bühne: «100 Jahre -Jubiläum, welche Messe kann das schon von sich behaupten?», sagte er und bezeichnete die Grüne Woche als Aushängeschild für die Messe Berlin, die Stadt und auch für ganz Deutschland.
«Davos der Landwirtschaft»
Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), wählte deutliche Worte. «Die Grüne Woche ist das agrarpolitische Highlight und das Davos der Landwirtschaft». Seine zentrale Linie: Ernährungspolitik ist Stabilitätspolitik. «Ernährungssicherheit ist die Grundlage und Garantie für stabile politische und demokratische Verhältnisse», sagte Rukwied – und leitete daraus ab, dass es eine starke heimische Landwirtschaft braucht. Gleichzeitig zeichnete er das Bild einer Branche, die technologisch längst im Hightech-Zeitalter angekommen sei: Sensorik in Ställen erkenne Infektionen frühzeitig, «da sind wir weiter wie in der Humanmedizin», betont Rukwied. Indirekt war das auch ein Konter gegen das Klischee einer rückständigen Landwirtschaft.

Die 100-Jahre Jubiläumstorte wurde angeschnitten. Von links; Joachim Rukwied, der Präsident des Deutschen Bauernverbandes; Mario Tobias, Geschäftsführer der Messe Berlin und Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE).
Tobias Strahm
Doch Rukwied beliess es nicht bei Fortschrittsbildern. Er sprach von einer desaströsen Preissituation an den Agrarmärkten: «Der Schweinepreis sank letzte Woche auf unter 1,45 Euro (1,35 Fr.) pro Kilogramm, die Getreidepreise unter dem Niveau der frühen 80er Jahre». Zugleich grenzte er die Tonlage ab: «Aber nicht im Kontext des Jammerns» – sondern als Ausgangspunkt für die Frage, wie eine nachhaltige und zukunftsfeste Landwirtschaft wirtschaftlich möglich bleibt. Indirekt adressierte er damit Handel, Industrie und Politik gleichermassen: Ohne tragfähige Erlöse drohe die Perspektive gerade für junge Betriebe zu kippen.
Trotz schwieriger Marktlage ist auch Optimismus zu spüren
Den Optimismus-Pol übernahm Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie. «Ich bin gerne für den Optimismus heute zuständig», sagte er – und erklärte das Jubiläum selbst zum Argument: «Diese 100 Jahre sind eben auch ein Beleg für Zuversicht».
Minhoff verwies zudem auf einen veränderten Ton in der Politik: Es gebe wieder eine Führung, die die Interessen der Wirtschaft mit zu bedenken versuche, und beim Export habe sich etwas bewegt. «Ein Drittel unserer Lebensmittel geht in den Export. Für die Ernährungsindustrie hängt Wettbewerbsfähigkeit nicht zuletzt an Aussenhandel und Marktzugang», sagte er.
Drittgrösste Industrie in Deutschland
Mit Zahlen untermauerte Minhoff den Anspruch seiner Branche: «Die Ernährungsindustrie ist mittlerweile der drittgrösste Industriezweig nach Autoindustrie und Maschinenbau – und die deutsche Ernährungsindustrie ist die grösste in Europa». Zugleich räumte er ein, der Standort habe gelitten: Bürokratie, Berichtspflichten und Steuerbelastungen seien dauerhafte Bremsklötze.
Besonders scharf wurde er bei der Debatte um eine Einführung der Erbschaftssteuer für Familienunternehmen, welche zuletzt in Deutschland diskutiert wurde: «Es ist atemberaubend, die Erbschaftsteuer stärker ins Zentrum politischer Überlegungen zu rücken, obwohl ein Grossteil der Betriebe familiengeführt ist». Indirekt warnte er: Wer Nachfolge erschwert, gefährdet das Weiterbestehen des deutschen Mittelstandes .
Dialogort statt Hochglanzkulisse
Parallel dazu rückte eine Vorab-Pressekonferenz auf dem Erlebnisbauernhof den gesellschaftlichen Dialog und das UN-Jahr der Frauen in der Landwirtschaft in den Fokus. Lea Vlies, Geschäftsführerin des Forum Moderne Landwirtschaft, sagte, Landwirtschaft werde in Debatten «häufig noch als Problem wahrgenommen» – man wolle hier zeigen, dass sie Teil der Lösung sei: mit Innovationen, Technologien und einem Dialogort statt Hochglanzkulisse.
Praktikerin und Agrarscout Marie Schomburg schilderte den Umbruch aus Betriebssicht: Zukünftige Betriebsleiterinnen bräuchten Planungssicherheit, denn nicht alles lasse sich sofort praxistauglich umsetzen. Indirekt war das ein Appell an Politik und Gesellschaft: Transformation verlangt verlässliche Leitplanken.
11 Prozent Betriebsleiterinnen
Beim Thema Frauen nannte Bauernverbandspräsident Rukwied konkrete Quoten: «Aktuell sind in Deutschland ungefähr 11 Prozent der Höfe von Betriebsleiterinnen geführt, bei der Hofnachfolge jedoch schon 18 Prozent» und er sei überzeugt, das die Zwei wird bald vorne stehen.
So zeichnete der Auftakt zur Grünen Woche 2026 ein Bild zwischen Stolz und Alarm: Auf der einen Seite eine Messe, die sich als politischer Knotenpunkt und Schaufenster für Innovation inszeniert . Auf der anderen Seite Branchenvertreter, die wirtschaftlichen Druck und politische Zielkonflikte offen benennen Indirekt steht über allem eine Frage, die im Jubiläumsjahr besonders schwer wiegt: Ob Deutschland sich eine Zukunft mit hoher Qualität, hohen Standards – und zugleich tragfähigen Preisen und fairen Rahmenbedingungen leisten will.