Sonntag, 29. Januar 2023
05.12.2022 18:15
Costa Rica

Hier werden die Kühe um 2 Uhr gemolken

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Von: bki

Zurzeit entdecken 32 Schweizer Bäuerinnen und Bauern im Rahmen einer Leserreise das mittelamerikanische Land Costa Rica. Was sie dort alles erleben, lest Ihr auf schweizerbauer.ch

Von La Fortuna gings weiter in die Region Sarapiqui im Nordosten Costa Ricas. Unterwegs besuchten wir einen der grössten Viehmärkte des Landes. Dort finden zweimal wöchentlich Auktionen statt, wobei pro Woche bis zu 2000 Nutz- und Schlachttiere den Besitzer wechseln.

Bis 600’000 Dollar am Tag

90 Prozent davon sind Kühe, der Rest Pferde oder Wasserbüffel. Das alles erzählte uns David Fernandez Colombari, der Schwiegersohn eines quirligen, gut 70-jährigen Mannes mit dem Spitznamen Kikko, der uns zuvor kurz begrüsst hatte und der das Familienunternehmen mit sieben Viehauktionshäusern und mehreren Milch- und Fleischproduktionsbetrieben aufgebaut hat.

Im Auktionsgebäude wars laut. Rinder muhten und der Gantrufer sprach, so wie bei uns auch, ein unverständliches Kauderwelsch. Nur eben auf Spanisch. Im hinteren Teil des Gebäudes gabs unzählige Buchten, sowie zwei Laufgänge, wo eine Vielzahl von Viehtreibern in Jeans, Gummistiefeln und mit langen Stöcken in der Hand dafür sorgten, dass die Tiere in die entsprechenden Abteile oder zur Auktion kamen. Pro Verkaufstag würden Tiere im Wert von insgesamt 500’000 bis 600’000 US-Dollar (470’000 bis 562’000 Franken) gehandelt, sagte Fernandez.

Kreuzung Holstein-Gir

Später nahm uns der costa-ricanische Landwirt und Unternehmer mit auf die Familienfinca Ganadera Rio Kopper und zeigte uns einen der acht Betriebsstandorte – eine 390 Hektar grosse Farm mit 400 Milchkühen. Wir als Schweizer Bäuerinnen und Bauern mussten rasch merken, dass die Milchproduktion in Mittelamerika nicht vergleichbar ist mit unserer Produktionsweise in der Schweiz. Dies, weil es in Costa Rica viel wärmer ist und viel mehr regnet. Aus diesem Grund kreuzt der Betrieb Holstein-Kühe mit brasilianischen Gir-Rindern. Eine milchbetonte Zeburasse, die resistent ist gegen hohe Temperaturen.

Wegen des Kilmas kreuzt der Betrieb Holstein-Kühe mit brasilianischen Gir-Rindern
Bettina Kiener

Gegen Mittag kamen wir den Stall, wo die Kühe – angebunden auf kurzen Lägern ohne Einstreu – standen oder lagen und wiederkauten. Von der Decke hingen zahlreiche lärmende Ventilatoren, die einen feinen Wassernebel versprühten. In Costa Rica werden die Kühe um 2 Uhr nachts gemolken. Mitte Vormittag bis nach dem Mittag – also während der heissesten Zeit des Tages – sind die Tiere im Stall.

16 Kilo pro Tag

Auf der Ganadera Rio Kopper erhalten sie in dieser Zeit eine Ergänzungsfütterung zum energiearmen Weidegras bestehend aus Mais und Soja, wie uns Fernandez erklärte. Um 14 Uhr werden die Kühe das zweite Mal gemolken, danach gehen sie wieder raus auf die Weide. Die durchschnittliche Milchleistung liege bei 16 Kilo pro Tag, leistungsstarke Tiere würden aber bis zu 30 Kilo pro Tag produzieren, so der costa-ricanische Milchproduzent. Die Milch verkauft der Betrieb für rund 60 Cent (56 Rp.) pro Kilo an die Milchgenossenschaft Dos Pinos, die grösste in Zentralamerika.

Mit dem Car fuhren wir die Weideflächen der Farm ab. Auf holprigen Feldwegen, die besser für Geländefahrzeuge statt für Reisebusse geeignet waren. Das schien unseren Fahrer Miguel aber nicht zu kümmern und er manövrierte das Gefährt so weit als möglich um jedes Schlagloch und jede sumpfige Stelle herum. Auf dem Weg begegneten wir zwei Sabaneros, das sind costa-ricanische Cowboys, hoch zu Pferd.

300 Tonnen Ananas pro Woche

Am nächsten Tag stand die Besichtigung der Ananas-Plantage der Familie Dähler auf dem Programm, die von den Brüdern Johann, Stéphane und Michael geführt wird. Vor rund 20 Jahren kamen Dählers nach Costa Rica und begannen auf 390 Hektaren Ananas zu produzieren. Später kauften sie noch einmal so viel Land dazu. Heute exportieren sie pro Woche im Schnitt 300 Tonnen Ananas.

Auf den ebenen Flächen des Betriebes, wo es zwischendurch kleine Tümpel und nasse Stellen hat, halten sie gegen 400 Wasserbüffel zur Fleischproduktion. Wegen der Staunässe ist die Ananasproduktion dort nicht möglich. Wir hatten kaum den Stall betreten – wo ein Teil der Herde genüsslich Bananenschalen ass – da rief einer der Mitarbeiter, dass soeben ein Kalb auf Welt komme. Nur wenige Augenblicke später stand des Neugeborenen wacklig auf seinen Beinen. Das Jungtier heisst nun «Schweizer Bauer». Divers, wenn man bedenkt, dass es ein Kuhkalb ist. Das Büffelfleisch ist hochpreisig und Dählers vermarkten es zu einem grossen Teil über den Automercado, eine Handelskette, die auf hohe Qualität und frische Produkte setzt.

Das neugeborene Büffelkalb ist bereits mit der Mutter unterwegs.
Bettina Kiener

«Königin der Früchte»

Auf einem Traktoranhänger sitzend fuhren wir durch die Büffelweiden und später durch die Ananas-Felder, begleitet von einem Plantagen-Mitarbeiter, in dessen Gürtel eine grosse Machete steckte. Auf einer Parzelle pflanzten einige Mitarbeiter in Handarbeit und mit gekrümmten Rücken die Schösslinge, die in den Blattachseln von Ananasstauden entstanden sind, deren Früchte bereits geerntet wurden. Wir stoppten mitten auf der Plantage bei reifen Ananaspflanzen.

Nun wurde auch klar, wieso der Vorarbeiter die Machete mitgenommen hatte. Er packte die Ananas an der Krone und schnitt die Früchte mit dem langen Messer kunstvoll in Stücke. Direkt vom Feld und so urig aufgeschnitten, schmeckte die «Königin der Früchte» wunderbar.

Höherer Preis mit Verarbeitung

Für den Export werden die Ananas auf dem Betrieb Dähler erst gewaschen und kommen dann jeweils in Kartons à 12 Kilo. Mit dem Export frischer Ananas verdiene man immer weniger, sagte Stéphane Dähler, denn für einen Karton Ananas gebe es noch rund fünf Dollar (4,70 Fr.). Früher seien es mal 12 Dollar (11,20 Fr.) gewesen. Aus diesem Grund will das Unternehmen Dähler künftig vermehrt auf den Export verarbeiteter Produkte setzten. Dafür haben sie eine neue Fabrik gebaut, die bald den Betrieb aufnehmen dürfte.

Was Stéphane Dähler uns beim Besuch seiner Ananas-Plantage besonders mit auf den Weg geben wollte: Reife Ananas seien eigentlich grün. Da der Konsument aber gelbe Ananas wolle, würden die zu erntenden Parzellen eine Woche vor der Ernte mit einem natürlichen Mittel gespritzt und bekämen dadurch ihre gelbe Farbe. Das koste einerseits viel Geld und sei andererseits völlig unnötig.

Von Sarapiqui fuhren wir weiter nach Guápiles, machten einen Abstecher ins Küstendorf Tortuguero, das nur per Boot erreichbar ist und waren bei der Rückfahrt auf dem Fluss zugegen bei der Rettung eines Babyäffchens, dessen Mutter verstorben war.

Das Käsen im Wallis erlernt

In Costa Rica kann es immer und überall innert Sekunden stark regnen und will man nicht zum tropfenden Pudel werden, trägt man stets eine Regenjacke oder einen Regenschirm mit sich. Unsere Reisegruppe hatte meist Glück: Es regnete immer dann, wenn wir ein Dach über dem Kopf hatten oder im Car sassen. So auch, als wir Maritza Solano besuchten, die am Fusse des Vulkans Turrialba eine kleine Käserei führt. Das Käsen hat sie in der Schweiz gelernt. Auf einer Alp im Wallis, wo sie Raclette-Käse herstellte.

Das erworbene Wissen nahm sie mit in ihre Heimat und hat in Costa Rica mit spürbarer Leidenschaft ihre eigene Käserei aufgebaut. Mittlerweile produziert sie über 20 verschiedene Käsesorte – vom Weich- bis zum Hartkäse – und verarbeitet so jährlich rund 600’000 Kilo Milch. Und wie könnte es anders sein: In der Stube von Maritza Solano, mehr als 9300 Kilometer von zuhause entfernt, assen wir ein feines Raclette. Draussen regnete es.

-> Teil 1 aus Costa Rica könnt Ihr hier nachlesen

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14 Responses

  1. Ich gebe „Demokrat“ einmal recht. Was man da auf den Vogelperspektivbildern sieht sind nur Skelette. Und was man da von der Stallhaltung liest („angebunden auf kurzen Lägern ohne Einstreu“) wäre bei uns nicht möglich – gut so.

    1. Good morning, dieses ist bei uns leider sehr wohl möglich, PETA hat soeben 7 deutsche Bauern wegen ihrer Anbindehaltung und tierquälerischer Haltung angezeigt. Auch hier in Europa müssen Kühe geschwängert werden, immer wieder, um Milch zu erzeugen, die durchschnittliche LebensErwartung liegt soweit ich es gelesen habe bei nur fünf Jahren, danach geht es ab zum Schlachter und dort kommen die Kühe oft in schlechtem Zustand und teils schwanger an……. SOKO tierschutz z.B.deckte viel Grausames auf

  2. Das ist Tiermisshandlung. Sowas sollte schon lange verboten werden, und zwar Weltweit. Solch arme Tiere. Der Bauer sollte auch nichts zum Essen bekommen, wie die armen Tiere.

  3. Diese Tiere sind Haut und Knochen. Die anderen sind angebunden ohne Einstreu und schauen sich nicht besser aus! Was ist nur mit diesen Menschen los?? Wo ist der Tierschutz?? Diese Bauern und Viehhändler gehören für immer weggesperrt! Das ist Tierquälerei

  4. Nachtrag: Wieso organisiert der SB eine solche Leserreise? Wieso sollen Schweizer Bauern solch üble Tierhaltung anschauen? Man könnte ja auch eine Reise zu einer zukunftsträchtigen Landwirtschaft organisiern.

  5. Als zuständiger Journalist, könnte ja man ja ganz einfach sollche Bilder nicht veröffentlichen, (könnte) es gäbe ja genug andere, oder eben bessere. Hauptsache, die Landwirte sind die Uebeltäter))))

    1. Wenn der SB eine Leserreise organisiert, dann sollte ja wohl etwas „über den eigenen Horizont hinaus schauen“ oder „vorbildlich“ rausschauen und nicht so fragwürdige Produktionsmethoden. Ein Strandbesuch wäre besser gewesen. Wenn solche Bilder veröffentlicht werden, sollte man auch etwas zu diesen miserablen Umständen schreiben. Und es geht auch nicht darum, dass die Landwirte die Übeltäter sind – es sind die Gesetzgeber und die freie Wirtschaft, die die Landwirte zu solchen Methoden zwingen.

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