Dienstag, 15. Juni 2021
17.05.2021 12:00
Lebensmittel

Fleischersatz: Konsum steigt – Schweizer Bauern profitieren nicht

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Von: blu/sda

Alternativen zu Fleisch boomen, besonders beliebt sind Burger auf pflanzlicher Basis. So konnte der Detailhandel 2020 mit Fleischersatzprodukten insgesamt einen Umsatz von 117 Millionen Franken erwirtschaften. Auch die Pandemie hat ihren Beitrag dazu geleistet. Bisher profitieren die Schweizer Bauern (noch) nicht.

Seit 2016 betrage die Wachstumsrate der Fleischersatz Produkte jährlich 18,4 Prozent, schrieb das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) am Montag im ersten Fleischersatz-Report der Schweiz. Dies entspreche seit 2016 nahezu einer Verdoppelung. Im gleichen Zeitraum wuchs der Fleischmarkt (Frischfleisch, Charcuterie, Konserven und Insekten) im Detailhandel jährlich um 2,0 % (Absatz) bzw. 3,0 % (Umsatz).

Basierend auf der Auswertung des kombinierten Retail- und Konsumentenpanels von Nielsen Schweiz betrug der Gesamtumsatz von Fleisch- und Fleischersatzprodukten im Schweizer Detailhandel im vergangenen Jahr 5.43 Mrd. Fr. Davon machten Frischfleisch mit 2.93 Mrd. Fr. und Charcuterie mit 2.27 Mrd. Fr. zusammen über 95 % des gesamten Umsatzvolumens aus. Verglichen mit Fleisch handle es sich bei Fleischersatz mit einem Marktanteil von 2,3 Prozent im Detailhandel um ein Nischenprodukt.

Verglichen mit Fleisch bleibt Fleischersatz ein Nischenmarkt mit einem Marktanteil von 2,3 % im Detailhandel.
BLW

Rekordwachstum

Bei den Fleischersatzprodukten stieg der Absatz gegenüber dem Vorjahr sogar um 49,4 Prozent auf 5705 Tonnen. Damit sei das pandemiebedingte Rekordwachstum von 12,1 Prozent der Warengruppe Fleisch deutlich übertroffen worden.

Die höchsten Wachstumsraten verzeichneten laut BLW sogenannte Meat-Analog-Produkte. Der Absatz von Meat-Analog-Produkten ist im 2020 gegenüber 2019 um 74,5 % gestiegen und macht mittlerweile über 50 % des gesamten Absatzes von Fleischersatzprodukten aus. Das sind Produkte, die wie Fleisch aussehen und schmecken sollen.

Im vergangenen Jahr stieg der Absatz von Fleischersatzprodukten um 49,4 % auf 5705 Tonnen. Damit wurde das Rekordwachstum von 12,1% der Warengruppe Fleisch deutlich übertroffen.
BLW

Rekordumsatz

Vegi Convenience als auch Tofu/Tempeh/Seitan haben eine wachsende Nachfrage erfahren, wenn auch in geringerem Ausmass. Vegi Convenience wurde im vergangenen Jahr 12,1 % mehr nachgefragt, bei Tofu und Co. waren es deutliche +41,1 %.

Zu Wachstum und damit zum Rekordumsatz 2020 im Detailhandel beigetragen hat auch die Pandemie.  Der Umsatz mit Fleischersatzprodukten entwickelte sich analog zum Absatz. Die grösste Zuwachsrate von plus 52,3 % wurde im 2020 erwirtschaftet, womit der Umsatz auf einen Rekordwert von 117 Mio. Fr. stieg. Die umsatzstärkste Kategorie war Meat Analog mit 72 Mio. Fr. bei einem Umsatzanteil von über 60 %. Die Zuwachsrate betrug gegenüber 2019 plus 82,1 % und war damit deutlich höher als bei Vegi Convenience (+10,0 %) oder Tofu und Co. (+35,2 %).

Die höchsten Wachstumsraten verzeichneten Meat-Analog-Produkte. Damit sind Produkte gemeint, die wie Fleisch aussehen und schmecken sollen.
BLW

Jeder sechste Burger pflanzlich

Die «fleischähnlichen» Produkte machen laut BLW mittlerweile über 50 Prozent des gesamten Absatzes von Fleischersatzprodukten aus. Bereits jeder sechste verkaufte Burger bestehe aus pflanzlichen Rohstoffen. Vor fünf Jahren sei es noch jeder 14. Burger gewesen. Der durchschnittliche Kilopreis der Fleischersatzprodukte betrug laut dem Bericht 20,53 Franken, damit blieb der Preis seit 2016 (20,31 Franken/kg) relativ konstant.

Im direkten Produktvergleich einzelner Produktgruppen seien Fleischersatzprodukte deutlich teurer als Fleischprodukte. Ein pflanzlicher Burger koste im Durchschnitt 42 Prozent mehr als Fleischburger, bei Geschnetzeltem liege die Differenz bei +16 Prozent. Vor allem bei jungen, gutverdienenden Familien aus der Deutschschweiz seien die Fleischersatzprodukte beliebt, schrieb das BLW weiter.

Beliebt bei jungen, gutverdienenden Familien

Die Fleischersatzprodukte kommen nicht bei sämtlichen Bevölkerungsgruppenbgleich gut an. Die Marktdurchdringung von Fleischersatzprodukten lässt sich auf unterschiedliche Haushaltsmerkmale wie Alter, Einkommen, dem Vorhandensein von Kindern oder dem Wohngebiet analysieren. Dabei können je nach Kaufverhalten die Haushalte in verschiedene Kundensegmente gruppiert werden.

Hinsichtlich dem Alter wiesen im 2020 Haushalte mit haushaltsführenden Personen unter 50 Jahren über alle Fleischersatz-Subkategorien hinweg deutlich höhere Marktdurchdringungsraten auf als Haushalte mit haushaltsführenden Personen über 50 Jahren. Am geringsten war die Nachfrage im Segment der über 64-jährigen haushaltsführenden Personen. Haushalte mit drei und mehr Kindern kauften deutlich seltener Fleischersatzprodukte als Haushalte mit einem oder zwei Kindern. «Kinderlose Haushalte fragen insgesamt auch weniger häufig Fleischersatzprodukte nach, was möglicherweise damit zusammenhängt, dass der Anteil älterer Personen im Segment der kinderlosen Haushalte höher war», schreibt das BLW.

Das Haushaltseinkommen ist ein wesentlicher Bestimmungsfaktor für die Nachfrage nach Fleischersatzprodukten. Es zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen steigendem Haushaltseinkommen und einer höheren Nachfrage nach Fleischersatzprodukten. Demgegenüber fällt die Marktdurchdringung bei Haushalten mit tiefen Einkommen gering aus.

Fleischersatz in Deutschschweiz beliebter

Insgesamt war die Nachfrage nach Meat-Analog- und Vegi-Convenience-Produkten von Haushalten in städtisch geprägten Gebieten höher, wohingegen Haushalte in ländlichen Regionen mehr aus der Subkategorie Tofu/Tempeh/Seitan nachfragte. Unterschiede gibt es auch bei den Sprachregionen. Tofu und Co. wurden in der West- und Deutschschweiz auf ähnlichem Niveau nachgefragt.

Bei den Meat-Analog-Produkte griffen häufiger die Deutschschweizer zu (28 % vs. 21 %). Ein möglicher Erklärungsansatz für diese Beobachtung liegt gemäss BLW im unterschiedlichen Konsumverhalten: Westschweizer Haushalte sind insgesamt traditionsbewusster und haben im Allgemeinen eine grosse Affinität zu regionalen Spezialitäten sowie Fleisch- und Fischprodukten. Deutschschweizer Haushalte hingegen sind offener gegenüber neuen Ernährungstrends

Beyond Meat stellt fleischähnliche Produkte – u.a. Burger-Patty, Beyond Burger, und Würstchen, Beyond Sausage – her. Die Produkte bestehen aus einer Mischung von Erbsenproteinen, Bohnen, Wasser, pflanzlichen Ölen (u.a. Kokos- und Rapsöl) sowie Gewürzen, Aromen und weiteren Zutaten, je nach Sorte.
Beyond Meat

Fast alles importiert

Verschiedene Studien prognostizieren für die nächsten Jahre einen Wachstumstrend für Fleischersatzprodukte. Vor dem Hintergrund des Klimawandels gebe es ein zunehmendes Konsumentensegment, insbesondere bei jüngeren Personen, das bewusst den Fleischkonsum reduziert oder sogar ganz darauf verzichtet, schreibt das BLW.

Von diesem Wachstumsmarkt profitieren zunehmend auch Schweizer Unternehmen aus Handel und Lebensmittelindustrie, die neben Tofu ebenfalls die Entwicklung von Meat-Analog-Produkten vorantreiben, darunter etwa Planted Chicken (Planted), The Green Mountain von Hilcona/Bell (Coop) oder V Love von Micarna/BINA (Migros). 

Auf Ebene der landwirtschaftlichen Produktion sei dieser Trend jedoch noch kaum zu sehen, schreibt das BLW. In der Schweizer Landwirtschaft gebe nur ganz vereinzelte Projekte und Initiativen, die den Anbau der notwendigen pflanzlichen Rohstoffe vorantreiben, so beispielsweise das Projekt zum Anbau von Bio-Soja für die inländische Bio-Tofu-Produktion. Ansonsten werden die für die inländische Produktion von Fleischersatzprodukten benötigten pflanzlichen Proteine praktisch ausnahmslos importiert.

Gemäss dieser Studie würden sich in der Schweiz für die Proteingewinnung etwa Lupinen sowie Acker- und Stangenbohnen eignen.
FiBL

Schweizer Bauern profitieren (noch) nicht

Gemäss einer Studie der Berner Fachhochschule und Agroscope zum Thema «Pflanzliche Proteine als Fleischersatz» besteht in der Schweiz Potenzial für den Anbau von Eiweisspflanzen für die menschliche Ernährung. Gemäss dieser Studie würden sich für die Proteingewinnung etwa Lupinen sowie Acker- und Stangenbohnen eignen. Für die Verwendung dieser Rohprodukte in der Produktion von pflanzenbasierten Fleischalternativen müssten diese allerdings zuerst zu proteinreichem Mehl, Konzentraten oder Isolaten verarbeitet werden.

Grund für die ausbleibende Produktion ist das Fehlen einer Verarbeitungsindustrie ist in der Schweiz. «Damit die Schweizer Landwirtschaft ebenfalls von diesem Wachstumsmarkt profitieren kann, braucht es einen gesamtheitlichen Blick auf die Wertschöpfungskette von der Produktion der Rohstoffe, über deren Aufbereitung und Verarbeitung bis hin zur gezielten Vermarktung», hält das BLW fest. Dafür brauche es entsprechende Initiativen und Investitionen sowie eine gezielte Zusammenarbeit über die gesamte Lebensmittelwertschöpfungskette. 

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5 Responses

  1. Bei den Fleischersatzprodukten geht es nur ums Geld, sicher nicht um Umweltschutz, da alles Importiert wird.
    Zudem kann man den Bauern die Fleischpreise drücken, da wegen Fleischersatz weniger Fleisch gebraucht wird.
    …..Geld regiert die Welt…

    1. Hätte ich die Wahl, würde ich liebend gerne Fleischersatzprodukte aus Schweizer Herkunft essen. Gibt’s aber leider noch nicht. Ich denke es geht vielen so. Es sind Leute, denen das eigentlich wichtig wäre. Momentan hat man aber keine Wahl, wenn man kein (oder weniger) Fleisch essen möchte.

    2. Klar, importieretes Tierfutter ist ja so viel besser als importierte Nahrung, direkt für uns Menschen.
      Heuchelei…
      *ironie off

  2. Klar, würden die Bauern anbauen was nachgefragt wird, gäbe es kein Problem…
    Aber wenn zunehmend weniger Fleisch konsumiert wird, ist klar dass der Fleischpreis sinkt, wenn trotzdem noch möglichst viel Fleisch produziert wird.
    Die Nachfrage nach Fleisch wird langfristig sinken. Die Nachfrage nach Fleischersatz wird steigen.
    Warum also nicht auf die sich verändernden Begebenheiten einstellen?

    Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit.

    1. Nun die aktuellen Zahlen der letzten Jahre zeigen ein anderes Bild ,Der Fleischkonsum ist stetig gestiegen,die Preise für Schlachttiere sind in einem jahrzehnte Hoch,der Absatz floriert. Zudem wird immer noch viel Fleisch importiert z.Bsp. mehr als 50 % beim Geflügel. Trotzdem würde ich den Anbau von Fleischersatzprodukten machen,meine Flächen sind aber nicht ackerfähig und viele dieser Ersatzprodukte kommen aus Ländern mit anderen Klimaverhältnissen. Also ganz soooo einfach ist das eben nicht!

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