Freitag, 20. Mai 2022
16.05.2022 11:20
Detailhandel

Markt aufmischen: Aldi Suisse lanciert neues Bio-Label

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Von: Jonas Ingold, lid/blu

Aldi will neue Massstäbe in der Schweizer Bio-Landschaft schaffen und lanciert ein neues Label. Den Start machen unter anderem Milchprodukte aus antibiotikafreier Tierhaltung.

Die neue Bio-Produktlinie läuft unter den Namen «Retour aux Sources», wie Aldi Suisse am 13. Mai 2022 an einer Medienkonferenz auf dem Lehenhof in Rothrist AG bekannt gab. «Wir wollen schweizweit weiterbringen, was dieser Betrieb bezüglich antibiotikafreier Produktion leistet», sagte Jérôme Meyer, CEO von Aldi Suisse.

10 Rappen höherer Produzentenpreis

Hans Braun vom Lehenhof ist ein Pionier der antibiotikafreien Milchvieh-Haltung. «Wir haben seit 2005 bei Milchkühen kein Antibiotika mehr eingesetzt», sagt er. Der Betrieb habe damals Probleme mit dem Biomilch-Absatz gehabt und nach neuen Möglichkeiten gesucht und sich zu diesem Schritt entschieden. «Bisher konnten wir aber nur 10 bis 15 Prozent der Milch tatsächlich so mit Mehrwert absetzen», betont Braun.

Hans Braun bei den Kälbern. Er setzt seit 2005 auf antibiotikafreie Milchproduktion. Und er beliefert nun auch Aldi Schweiz.
Jonas Ingold

Dank der neuen Aldi-Linie könne er nun sämtliche Bio-Milch aus antibiotikafreier Tierhaltung entsprechend vermarkten. Das wirkt sich auch finanziell aus. Er erhält von Aldi Suisse 10 Rappen mehr pro Kilo Milch für die antibiotikafreie Milchviehhaltung.

«Wir wollen, dass Bio-Produkte keine Luxusgüter sind, aber die Produzenten dennoch gute Preise erhalten», sagt Jérôme Meyer. Fairness gegenüber den Produzenten sei eine nicht verhandelbare Grundlage der Marke, stellt er klar. Aldi bringe die Bio-Produkte mit geringerer Marge und damit günstiger in die Läden, ohne dass deshalb die Produzentenpreise darunter litten. 1,79 Fr. kostet der Liter Milch von «Retour aux Sources».

Kein Antibiotika auf den Betrieben

Wird in der Schweiz eine Milchkuh mit Antibiotika behandelt, darf ihre Milch nicht in den Verkehr gelangen – egal unter welchem Label und in welcher Haltungsform. Es gelangt also keine antibiotikahaltige Milch in den Handel. Das Label von Aldi Suisse unterscheidet sich dahingehend, dass auf dem Milchbetrieb jeweils gar keine Antibiotika eingesetzt werden, also auch keine sogenannte Sperrmilch produziert wird.

Keine Reaktion auf ausbleibendes Knospe-Label

Ist das neue Label eine Reaktion darauf, dass Aldi das Knospe-Label von Bio Suisse nicht nutzen darf? Nein, sagt Jérôme Meyer: «Wir hätten den Schritt auch gemacht, wenn wir die Knospe hätten. Wir waren aber schon immer interessiert daran, einen Schritt weiter zu gehen.» An der Bio-Suisse-Knospe sei Aldi Suisse aber noch immer interessiert.

Aldi Suisse arbeitet bereits seit 3 Jahren am Programm. Unterstützt wird der Discounter dabei von Urs Niggli, Direktor des Instituts für Agrarökologie und langjährigem Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL).

Welche Anforderungen erfüllen «Retour aux Sources»-Produkte? Was ist der «Prüf Nach!»-Standard?

«Retour aux Sources»-Produkte stammen von Betrieben, die nicht nur die Richtlinien von Bio Suisse erfüllen, die als Ausgangsbasis dienen, sondern auch den weitergehenden «Prüf Nach!»-Standard, der Nachhaltigkeitsrichtlinien für die Landwirtschaft und Verarbeitung vorschreibt. Die Einhaltung der Richtlinien wird jährlich von unabhängigen Kontrollstellen wie bio.inspecta erhoben. Alle Betriebe, die Rohstoffe für die Marke liefern, durchlaufen ausserdem jedes Jahr einen wissenschaftlichen Nachhaltigkeits-Check, der vom Schweizer Institut für Agrarökologie durchgeführt wird.

«Beschleunigte Umsetzung jahrzehntelanger Forschung»

Er sei gefragt worden, wieso er mit Aldi zusammenarbeite, sagt Niggli: «Endlich können wir vieles, was wir Jahre lang am FiBL in Sachen Antibiotika-Reduktion, Biodiversität und anderen Bereichen erarbeitet haben, in der Praxis umsetzen», so Niggli. Was Aldi mache, sei eine beschleunigte Umsetzung jahrzehntelanger Forschung.

Jonas Ingold

Zudem verfüge man von allen Produzentinnen und Produzenten über eine umfassende Nachhaltigkeitsbewertung, nicht nur über Stichproben. «Das soll nicht nur den Konsumentinnen und Konsumente dienen, sondern den Betrieben auch zeigen, wo sie noch optimieren können», sagt der Bio-Experte.

Was passiert mit den bisherigen Bio-Labels «Nature Suisse Bio» und «Nature Active Bio»?
Viele der Schweizer Bio-Produkte, die bisher unter dem Label «Nature Suisse Bio» angeboten wurden, werden Schritt für Schritt in der neuen Marke «Retour aux Sources» aufgehen. Unter dem Label «Nature Active Bio» bietet der Discounter bisher vor allem importierte Produkte an, die werden mindestens nach der EU-Bio-Verordnung produziert. Dieses Label wird neu «Bio Natura» heissen. Darunter laufen künftig auch Schweizer Bio-Produkte, die nicht als «Retour aux Sources»-Artikel vorgesehen sind. Damit der Kunde erkennt, ob es sich um ein Schweizer Bio-Produkt handelt, wird das Label mit einer Schweizer Fahne ergänzt.

Zunächst 180 Betriebe

Bio Suisse mit seinen 7500 Betrieben könne solche Richtlinien nicht so einfach umsetzen. Das kleinere Programm von Aldi Suisse bringe das nun aber auf den Markt, so Niggli. «Retour aux Sources» startet mit 30 Milchbetrieben sowie 150 Betrieben, die schon bisher Weidetier-Programm für Aldi Suisse produzierten.

Es sei herausfordernd gewesen, die getrennte Verarbeitung der Milch zu garantieren, so Jérôme Meyer.  Dank einer engen Zusammenarbeit mit Emmi, sei dies nun aber möglich. Emmi holt die Milch täglich bei je 15 der Produzenten gesondert ab, am nächsten Tag sind jeweils die anderen 15 dran.

Laufen EU-/nicht EU-BIO-Produkte auch unter der neuen Marke?

Unter der neuen Aldi-Marke werden ausnahmslos in der Schweiz produzierte Lebensmittel angeboten. Produkte wie Fleisch, Eier oder Milch stammen ausschliesslich aus der Schweiz. Bei verarbeiteten Produkten kommen die Hauptzutaten aus einer definierten Schweizer Region, wo im Einklang mit den geographischen und kulturellen Gegebenheiten wie Klima, Böden und Traditionen gearbeitet wird. Weitere Bio-Zutaten, die nicht in der Schweiz erhältlich sind, wie beispielsweise Frucht- und Kaffeezubereitungen für Joghurt, werden aus möglichst grenznahen EU-/nicht EU-Ländern importiert. Die Milch für das Joghurt stamme selbstverständlich vom neuen Label, schreibt Aldi in einem Faktenblatt . Die Herkunft der Zutaten werden auf der «Retour aux Sources»-Website beim jeweiligen Produkt angegeben.

Mit QR-Code zum Produzenten

Wert legt Aldi im Programm auch auf die Nachverfolgbarkeit. Die Konsumentinnen und Konsumenten können via QR-Code auf den Verpackungen nicht nur sehen, wo das Produkt verarbeitet worden ist, sondern auch welche Bäuerinnen und Bauern den Rohstoff geliefert haben.

Jérôme Meyer ist Chef von Aldi Schweiz
Jonas Ingold

Am Beispiel Milch: Je nach Charge finden die Konsumentinnen und Konsumenten die Namen der jeweils 15 an diesem Tag liefernden Betriebe. Damit soll die Verbindung vom Produkt zum Produzenten deutlich gemacht werden, so Jérôme Meyer.

«Retour aux Sources» startet mit 24 Produkten. Darunter sind 16 Molkereiprodukte wie Milch, Joghurt, Mozzarella und Butter, 6 Bio-Weiderind-Artikel sowie zwei Bio-Eier-Artikel. Im Vergleich zu den Branchenriesen wie Coop und Migros ist die Auswahl gering. Das Sortiment soll aber noch dieses Jahr auf Obst, Gemüse, Getreide und Poulet ausgebaut werden.

Basis für «Retour aux Sources» bilden die Bio-Suisse-Richtlinien. Alle Produkte stammen von Bio-Suisse-zertifizierten Betrieben. Die Produkte erfüllen gleichzeitig den «Prüf Nach!»-Standard. Diese Anforderungen sind unter anderem:

Milch
Antibiotikafreie Tierhaltung
Verpflichtendes Kälberaufzucht-Programm
Schweizer Bio-Futter und kraftfutterfreie Fütterung
Verpflichtende Weide- und Laufstallhaltung
Mind. 12% Biodiversitätsförderfläche

Fleisch
Kälber müssen mindestens 120 Tage auf dem Geburtsbetrieb bleiben
Sojafreies Schweizer Bio-Futter
Minimaler Antibiotika-Einsatz
Teilnahme am Dachprojekt Fleisch-Milch: Männliche Milchrassekälber werden als Bio-Weiderinder aufgezogen

Eier
Bruderhähne werden aufgezogen
Freilandhaltung
Weiden mit schützenden Hecken
Mind. 12% Biodiversitätsförderfläche

Alle Betriebe durchlaufen zudem einen jährlichen Nachhaltigkeits-Check.

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16 Responses

  1. Die Bauern müssen sich nun ein weiteres Mal nach den Vorgaben von Händlern richten. Und begeben sich in Abhängigkeit. Niggli verkauft sich nun an Aldi und bewertet auch noch irgendwas. Oje wie dumm kann man sein….

  2. Das freut uns sehr das Aldi vorwärts macht ,
    Was sagen die nicht Bio Bauern dazu , es sollte auch diese einmal wach rütteln das es mit BIO in Zukunft nachhaltiger und für die nächsten BAUERN GENERATIONEN WERDEN DANKBAR SEIN

  3. Und ich dachte immer, die Sklaverei wäre in der Schweiz irgendwann abgeschafft worden…… Selbst wenn der Zuschlag von 10 Rappen wirklich vollständig ausbezahlt würde, was ich sehr bezweifle, schliesslich will Emmi ja auch etwas verdienen, wäre der Mehraufwand und die Mehrkosten wohl bei weitem nicht gedeckt. Wann hört dieser Schweiss mit diesen Labels denn endlich auf? Das einzige was wir brauchen ist normaler, gesunder Menschenverstand…..

  4. Alles gut und recht, aber was passiert mit den Tieren, wenn diemal krank werden. Da kann man Jahrelang den Tierarzt nicht brauchen und dann kommt eine Rindergrippe, ein Coli-Infekt, Salmonellen, Listerien usw. ums Eck und dann?
    Darf der Konsument dann davon ausgehen, dass behandelbare Tiere dann einfach erschossen werden, wie es früher üblich war? Oder ist es doch nicht ganz so antibiotikafrei, wie man hier dem Konsumenten weiss machen will?

  5. Für mich ist diese Art von Produktion vom tierwohl her und ethisch überhaupt nicht vertretbar.
    Kranke Tiere nicht behandeln das geht überhaupt nicht!
    Wenn es gut get werden Sie irgendwann von Ihrem Leiden erlöst und erschossen.
    Das hat nichts mit Nachhaltigkeit zu tun!

  6. Ja die Bruttomarge leidet den Preis klammheimlich auf 1,79 erhöht,die Webseite wieder einmal in China gemacht? Hornlose Kühle oder Hornochsen auf der Milchtüte eher keine Hörner in rothrist?

  7. Alle die sich jetzt freuen, sollten mal überlegen was es heisst, wenn schon wieder ein Abnehmer von Landwirtschaftsprodukten seine Vorstellungen und Vorschriften durchzudrücken versucht: viele Vorteile (vor allem werbemässig) für den Detailhändler und eine grosse (neue) Abhängigkeit der Bauern die da mitmachen! 🙁
    Oder wie heisst doch dieser Spruch schon wieder: „Nur die dümmsten Kälber suchen…?! 🙂

  8. Diese Marke sendet falsche Signale.
    Eine Null-Toleranz beim Antibiotika-Einsatz in der Milchproduktion ist meistens mit vermehrtem Tierleid verbunden.
    Es dürfte schwierig sein, zu entscheiden, wann eine Antibiotikafreie Behandlung wegen schlechten Aussichten abzubrechen ist, ein Antibiotika-Einsatz unumgänglich wird und das Tier deshalb an einen anderen Betrieb verkauft bzw. geschlachtet werden muss, ohne dass dem Tier unnötiges (weil durch Antibiotika-Einsatz verkürzbares) Leid zugemutet wird.

  9. Wenn man alle schwerkranken Tiere ( die man mit einer Antibiotikabehandlung noch hätte retten können) erschiessen muss, sollte der Milchpreis für den Produzent das DOPPELTE des üblichen Bio-Milchpreises sein!

  10. Wieder ein neues Label, bei dem selbsternannte Fachleute den Bauern vorgeben, wie sie zu bauern haben. Vorschriften und Vorgaben, die weder durchdacht und oft nicht sinnvoll sind. Sie zwingen einzig und allein die Bauern in eine neue Abhängigkeit ohne genügende Entschädigungen für den Mehraufwand.

  11. Warum nur für die Nutztierhaltung? Ich bin für antibiotokafreie Haustier- und Humanmedizin……wir wollen doch weiterkommen ????

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