Donnerstag, 18. August 2022
21.05.2021 11:30
Tierwohl

Tierwohl-Labels profitieren nicht von Nachhaltigkeitstrend

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Von: blu/sda

Die Corona-Epidemie hat das Gesundheits- und Nachhaltigkeitsbewusstsein von Konsumierenden nachweislich gefördert. Allerdings nicht beim Fleisch, wie der Schweizer Tierschutz bedauert. Gemäss Labelstatistik 2021 stagniert der Absatz von Tierwohlprodukten.

«Von den Trends wie bio, regional, fair und nachhaltig konnten Tierwohlprodukte und damit die Tiere insgesamt nicht profitieren», fasst der Schweizer Tierschutz STS die Statistik in einer Mitteilung vom Freitag zusammen.

«Keine Befreiung aus der Nische»

Mit der Auswertung «Gesamtmarkt» wird eine Übersicht über die allgemeine Entwicklung der Labelmärkte präsentiert. Bio-Produkte konnten gemäss STS in den meisten Segmenten überdurchschnittlich zulegen, nicht aber im Segment Fleisch.

«Die Befreiung aus der Nische ist nicht absehbar. Für den gesamten Labelmarkt Fleisch (inkl. Bio) verlief die Entwicklung der Absatzzahlen harzig bis rückläufig. Die Stagnation bei der tierfreundlichen Produktion ist nicht überwunden».

Nachhaltiger Konsum auf Eier beschränkt

Bei den Rindern (mit Kühen und Kälbern) stagnierte der Labelanteil bei rund einem Drittel, bei den Schweinen ging er deutlich auf etwas über 31 Prozent zurück. Bei den Mastpoulets lag er bei tiefen 8 Prozent und bei den Lämmern sank er auf 11 Prozent. Positiver, wenn auch auf tiefem Niveau, war die Entwicklung im Milchmarkt mit einem Labelanteil von knapp 15 Prozent.

Sehr erfreulich dagegen entwickelte sich gemäss STS der Eiermarkt. Der Anteil von Legehennen in Freiland- und Biohaltungssystemen liegt bei 84,5 Prozent. 83 Millionen Tiere wurden im vergangenen Jahr in der Schweiz in den Hauptkategorien (Rindvieh, Schweine, Lämmer, Geflügel) geschlachtet. Davon waren lediglich 10 Millionen oder 12,2 Prozent Label- und Biotiere.

Von den Trends wie bio, regional, fair und nachhaltig konnten Tierwohlprodukte und damit die Tiere insgesamt nicht profitieren.
STS

Entwicklung 2020

 Die STS-Labelstatistik beinhaltet zwei Teile: Der hier vorgestellte Teil präsentiert die Auswertung der Gesamtmärkte in den Hauptkategorien Rindvieh, Schweine, Lämmer, Poulet sowie Milch und Eier. Der zweite Teil, der im Herbst 2021 veröffentlicht wird, konzentriert sich dann auf das Engagement der Hauptakteure im Detailhandel und der Gastronomie.

Gemäss STS-Labelstatistik wurden in der Schweiz im letzten Jahr in den Hauptkategorien insgesamt 83 Millionen Tiere geschlachtet. Davon sind lediglich 10 Millionen bzw. 12,2% als Labeltiere (inkl. Bio) abgesetzt worden. Der Tierschutz hat die Entwicklung nach Kategorien vorgenommen:

  • Rindvieh: Beim Rindvieh (Muni, Ochsen, Rinder) und den Kühen (ohne Kälber) blieben die Absatzzahlen aus tierfreundlichen Haltungssystemen mengenmässig und prozentual stabil. «Unerwartet deutlich war der Rückgang jedoch bei den Kälbern (rund 9000 Tiere und 17%)», schreibt der STS. Aufgrund der Lockdown-Situation im Gastgewerbe habe mit einer gewissen Korrektur gerechnet werden müssen. Deutlicher hat sich Umbau der Labelstrategie von Coop ausgewirkt. «Die Aufgabe des Labels CNf Kalb war für die tierfreundliche Kalbfleischproduktion ein herber Schlag», schreibt der Tierschutz.
  • Mastschweine: Auch bei den Schweinen hat die Strategieänderung von Coop deutliche Spuren hinterlassen (Reduktion CNf Schwein), schreibt der STS. Dies dürfte der Hauptgrund sein, weshalb rund 80’000 Tiere (10%) aus tiergerechter Produktion weniger nachgefragt wurden. «Gerade weil die Schweizer Bevölkerung eine Schweinehaltung ohne Auslauf und Einstreue nicht mehr akzeptieren will, ist diese Reduktion des Labelanteils von 35 auf 31,4% ein grosser Rückschritt in der Labelbewegung für mehr Tierwohl», heisst es im Bericht.
  • Milchkühe: Der Anteil der Milchkühe, die unter einem Label mit deutlichem Tierwohlmehrwert gehalten werden, liegt bei knapp 15% (12% Biokühe und 3% IPS Kühe). In den vergangenen Jahren gab es in dieser Kategorie gemäss STS beachtliche Wachstumszahlen, aber auf relativ tiefem Niveau. Der 2019 lancierte «Branchenstandard Nachhaltige Schweizer Milch» wird vom Tierschutz jedoch nicht empfohlen. Dies deshalb, weil ein zentrales Kriterium, die Bewegungsfreiheit der Tiere mit regelmässigem Auslauf und Weide, nicht vorausgesetzt wird.
  • Lämmer: Die Marktanteile von Label-Lämmern hat sich auf dem tiefen Niveau von etwas über 10% eingependelt. «Dies müsste eine Aufforderung an die Marktakteure und die Politik sein, die tierfreundliche Haltung und deren Förderpolitik neu zu überdenken», hält der Schweizer Tierschutz fest. Da eine Schafhaltung auf Grenzertragsböden im Raufutterland Schweiz viel Sinn mache, müsse mehr Dynamik zu Gunsten der tierfreundlichen Mehrwertproduktion spürbar sein. Das Angebot an Lämmern im Labelsegment war höher als die Nachfrage.  
  • Legehennen: Das stetige Wachstum der inländischen Eiernachfrage verbunden mit einem Ausbau des Bio- und Freilandanteils auf über 80% Marktanteil (davon 18,5% Bio). 84,5% der Legehennen haben täglich Zugang zu einer Weide. «Dieser hohe Wert kommt auch deshalb zustande, weil im Unterschied zu den anderen Kategorien das Freilandei auch in der Gastronomie einen hohen Stellenwert geniesst», schreibt der Tierschutz.
  • Poulet: Hier sieht der Tierschutz Handlungsbedarf. Einzig Coop führe Bio- und Freilandpoulets (fast 90% der insgesamt vermarkteten Freilandpoulets), Migros habe lediglich Bio-Poulets im Sortiment. Andere Detailhändler hätten keine Angebot oder diese seien eingestellt worden. «Nur mit einem verstärkten Engagement aller Akteure in Kombination mit einer attraktiven Preis- und Margenpolitik kann die tierfreundliche Mastpouletproduktion mit Auslauf und Weide sowie langsam wachsenden Zuchtlinien aus der Nische herausgeführt werden», schreibt der STS.

Schwerpunkt Gemeinschaftsverpflegung

Der Schweizer Tierschutz STS ist alarmiert und fordert mit der Kampagne «Absatzoffensive» die Marktakteure – Detailhandel und Gastronomie – auf, den Absatz von Labelprodukten zu fördern und die künstlich hohen Preisdifferenzen zwischen dem Standard- und Labelsegment zu reduzieren. Handlungsbedarf sieht der Tierschutz vor allem in der Gastronomie. 

Hier würden nur geringe Mengen Tierwohlprodukte abgesetzt, eine Ausnahme seien die Freiland- und Bioeier.  Da in der Ausserhausverpflegung rund 50% des Fleisches konsumiert wird, setzt die «Absatzoffensive Tierwohlprodukte» in diesem Jahr ihren Schwerpunkt bei der Gemeinschaftsverpflegung .

Die grossen Mengen aus tierfreundlichen Haltungssystemen werden gemäss dem Bericht über die «Labellokomotiven» Migros und Coop abgesetzt. Diese haben zusammen mit Volg einen deutlich höheren Labelanteil im Sortiment, das heisst mehr als die Hälfte der Kategorie Fleisch (ohne Poulet). Die Discounter (Denner, Aldi, Lidl) weisen gemäss Bericht deutlich tiefere Anteile auf. Dies würden also über Potenzial verfügen, heisst es weiter. 

Detailhandel: Faire Preise für Produzenten

Kritisiert wird vom Tierschutz die Preispolitik. Die Preisdifferenzen zwischen Standard- und Labelprodukten seien überhöht. Die Organisation verweist hier auf einen Bericht der Forschungsanstalt Agroscope. Bei einer Annäherung der konventionellen und Labelpreise um 10 bis 20 Prozent könnte die Labelnachfrage um 25% (Rinder) bis 33% (Schweine) gesteigert werden. Die Marktchancen sind aus der Sicht des STS beeinträchtigt.

Der Tierschutz fordert, dass diese preisliche Benachteiligung aufgehoben wird. «Mit fairen Konsumenten- und Produzentenpreisrelationen sollen Bedingungen geschaffen werden, welche die Produkte aus tierfreundlichen Haltungssysteme fördern und den Produzenten die Tierwohlmehrleistungen kostendeckend abgelten», heisst es im Bericht.

Mehr Geld für Tierwohlprogramme

Der Tierschutz sieht aber nicht nur die Marktakteure in der Pflicht, sondern auch den Bund. Dieser habe die Labelmärkte zu priorisieren. Es brauche von allen Parteien klare Signale für mehr Tierwohl. «Weil der Markt das «Marktversagen» alleine nicht richten kann, hat der Bund lenkend in Richtung einer nachhaltigen und tierwohlorientierten Nahrungsmittelproduktion einzugreifen und wirksame Anreize in Richtung dem Prinzip der Kostenwahrheit zu generieren», fordert der STS.  Konkret fordert die Organisation über die Agrarpolitik deutlich mehr Mittel für die Tierwohlprogrammen.

Auch sollen Konsumentinnen und Konsumenten das Tierwohl nicht dem Schnäppchenjagd-Unwesen – womöglich noch im grenznahen Ausland – opfern. «Langfristig sollen alle Tiere Auslauf oder Weide haben und in tierfreundlichen Haltungssystemen gehalten werden».

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