Sonntag, 18. April 2021
31.03.2021 06:06
Agrarinitiativen

«Der Rapsanbau würde verschwinden»

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Von: lid

In Selzach hat am Dienstag ein breit abgestütztes Solothurner Nein-Komitee zu den Agrarinitiativen informiert, über die am 13. Juni abgestimmt wird. Das Komitee fürchtet bei einer Annahme der Initiativen mehr Importe ohne Vorteile für die Umwelt.

Die Medienkonferenz fand auf dem Chappelihof von Marianne und Markus Dietschi in Selzach statt. Dietschis bewirtschaften dort einen reinen Ackerbaubetrieb unter anderem mit IP-Suisse-Brotgetreide, Futtergetreide und Raps. Er müsste bei einer Annahme der Trinkwasser-Initiative (TWI) wohl künftig auf den Raps-Anbau verzichten, erklärte Markus Dietschi: «Denn diese Kultur verkommt ohne den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu einer reinen Lotterie-Kultur.»

Das bedeute: Ein Ertrag im normalen Rahmen in einem Jahr, ein Totalausfall im nächsten Jahr. Dies könnte eventuell per Direktzahlungen ausgeglichen werden, aber dadurch würden die Probleme der nachgelagerten Betriebe nicht gelöst, meint Dietschi. Denn eine Ölmühle sei auf eine regelmässige und garantierte Liefermenge angewiesen.

Mehr Import-Palmöl erwartet

Der Ackerbauer geht deshalb davon aus, dass als Raps-Ersatz künftig vermehrt Import-Palmöl zum Einsatz käme. Bei einer Annahme der Pestizidfrei-Initiative lautet Dietschis Prognose, dass der Rapsanbau rasch aus der Schweiz verschwinden wird.Es sei für gewisse Betriebe bei Annahme der TWI eine Möglichkeit, auf die Direktzahlungen zu verzichten, so Dietschi.

Der Ertrag müsste dann Mithilfe von Pflanzenschutzmitteln und anderen Hilfsstoffen auf ein Maximum erhöht werden, um wirtschaftlich arbeiten zu können. «Das würde betreffend Ökologie für meinen nach IP-Suisse-Standard geführten Betrieb einen massiven Rückschritt bedeuten», so Dietschi. Und das könne ja nicht das Ziel der Initiative sein.

Verlagerung ins Ausland

Auch Andreas Vögtli, Präsident des Solothurner Bauernverbandes (SOBV), sieht bei einer Annahme der TWI zwei Optionen für die Betriebe: Aufgabe von betroffenen Betriebszweigen oder der Verzicht auf die Direktzahlungen. «Beide Varianten bringen der Umwelt keinen Mehrwert», so Vögtli.

Die Initiative basiere auf dem Gedanken «Aus den Augen, aus dem Sinn», indem sie den konsumbedingten ökologischen Fussabdruck weiter ins Ausland verlagere.Die Pestzidfrei-Initiative führt nach Vögtlis Ansicht zu einem Angebotsdiktat im Laden, ohne Wahlfreiheit für die Konsumentin und den Konsumenten.

SOBV-Präsident Andreas Vögtli sieht bei der Pestizidfrei-Initiative ein Angebotsdiktat kommen.
Johnas Ingold

Dabei könnten diese ja heute schon aus einem Komplettangebot von Bio-Produkten wählen, dennoch liege der Marktanteil nur bei rund 11 Prozent. «Ein Verbot des in der Schweiz praktizierten Pflanzenschutzes wäre vergleichbar mit einem Verbot der modernen Medizin», erklärte Vögtli.

Tierhaltung wird aufgegeben

Bio-Landwirtin Kathrin Niemetz bewirtschaftet einen Betrieb in Laupersdorf und ist als Bio-Kontrolleurin tätig. Ein respektvoller Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen sei für sie als Landwirtin selbstverständlich, sagt sie vor den Medien. Beide Initiativen nützten aber weder der Umwelt, noch dem Trinkwasser.  Denn eine Folge der Annahme wären auch ihrer Ansicht nach Mehrimporte.

Niemetz hob zudem als kritischen Punkt bei der TWI hervor, dass diese einen Tierbestand verlangt, «der mit dem auf dem Betrieb produzierten Futter ernährt werden kann».

Kathrin Niemetz geht davon aus, dass der Austausch von Futtermitteln unter den Produzenten verunmöglicht wird – mit Folgen für die Tierhalterinnen und -halter.
Johnas Ingold

Eine Beschränkung auf betriebseigenes Futter würde ihrer Ansicht nach bei etlichen Betrieben zu einer Aufgabe der Tierhaltung oder einer Reduktion des Bestandes führen. Was wiederum problematisch sei, weil im Berg- und Alpgebiet vielerorts nur die Option Nutztierhaltung bestehe. Ackerbau kann dort nicht betrieben werden. Auch ihr Betrieb wäre davon betroffen, erklärte die Mutterkuhhalterin.

Bereits grosse Fortschritte erzielt

Dass die Solothurner Bauernfamilien bereits viel für die Umwelt tun, betonte Sieglinde Jäggi, Co-Präsidentin des Solothurnischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes und auf ihrem Betrieb in der Umstellung auf Bio.

So lägen im Kanton Solothurn die Biodiversitätsförderflächen nicht wie vom Ökologischen Leistungsnachweis (ÖLN) verlangt bei 7 Prozent, sondern bei 22 Prozent. Und neben den 15 Prozent Bio-Betrieben nähmen viele Bauernfamilien an öffentlichen oder privaten Programmen wie IP-Suisse oder Extenso-Programmen teil.

Auch sei der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in der Schweiz in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen. «Wir setzen alles daran, dass wir unsere Pflanzen pflegen und die Produktion sichern, gleichzeitig aber die Auswirkungen von Pflanzenschutzmitteln maximal begrenzen können», so Jäggi.

«Probleme für Export und mehr Einkaufstourismus»

Die Landwirtinnen und Landwirte im Kanton Solothurn stehen mit ihrem Nein zu den Agrarinitiativen aber nicht allein da. Andreas Gasche, Geschäftsführer des Solothurner Gewerbeverbands, warnte ebenso vor einer Annahme der Initiativen.

Diese führten zu einem Produktionsrückgang, was negative Auswirkungen auf die Arbeitsplätze in der Lebensmittelindustrie habe. Daniel Probst, Geschäftsführer der Solothurner Handelskammer, betonte die Folgen einer Annahme der Pestizidfrei-Initiative für die exportorientierte Lebensmittelindustrie, etwa im Bereich Schokolade oder Kaffee.

Dort bestehe die reale Gefahr, dass sich die Verarbeitung ins Ausland verlagern würde. FDP-Kantonsrat Georg Lindemann warnte vor einer deutlichen Zunahme des Einkaufstourismus, würde in der Schweiz die Wahlfreiheit bezüglich Lebensmittel eingeschränkt oder die Lebensmittel teurer als heute. Dies ginge zu Lasten des Schweizer Detailhandels.

Handeln, aber anders

Die Schweiz stehe bezüglich Trinkwassers gut da, sagte Ständerat Pirmin Bischof. Das Wasser könne man problemlos ab dem Hahn trinken und auch der Gewässerschutz funktioniere. Dennoch gebe es Handlungsbedarf, weil Grundwassermessungen nach wie vor Verunreinigungen aus Quellen wie Medikamenten, Industrie und Landwirtschaft zeigten.

Die Initiativen sähen diesen Handlungsbedarf, gingen aber auch aus Sicht von Bundesrat und Parlaments-Mehrheit einen extremen Weg, der einseitig die Landwirtschaft einschränke, ohne dass die Wasserqualität dadurch steige.

Ständerat Pirmin Bischof hält den Weg des Parlaments für den richtigen und die Initiativen für zu extrem.
Johnas Ingold

Das Parlament gehe problematische Bereiche bereits an. So etwa mit dem beschlossenen Absenkpfad, der die Risiken durch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln minimieren soll. «Ich bin überzeugt, dass wir im Parlament eine bessere und schnellere Lösung aufgegleist haben als die beiden zu extremen Initiativen», so Bischof. Auf vieles könne man verzichten, nicht aber aufs Essen, sagte Nationalrat Walter Wobmann.

Corona-Krise sollte Augen öffnen

Bei Nahrungsmitteln stünden weltweit grosse Herausforderungen an mit einem begrenzten Kulturland, aber einer wachsenden Anzahl Personen. «Wir tun also gut daran, nicht nur unserem Kulturland, sondern auch unseren Bauernbetrieben Sorge zu tragen», so Wobmann.

Schon heute sei die Schweiz auf rund 40 Prozent Importe angewiesen, um den Essens-Bedarf zu decken. Und gerade die Corona-Krise habe gezeigt, dass sich im Ernstfall jedes Land selbst am nächsten sei. «Die beiden Agrarinitiativen setzen die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln aufs Spiel», so Wobmann.

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19 Responses

  1. Was wäre so schlimm, wenn es kein Rapsöl mehr gibt? Die Pflanze wurde derart züchterisch umgebaut, dass sie nicht mehr nur positiv für den Menschen ist. Früher war Rapsöl ungeniessbar wegen der Bitterstoffe. Die Natur versieht Pflanzen nicht ohne grund damit. Wir schlauen Menschen haben die Bitterstoffe herausgezüchtet und das zieht natürlich Schädlinge an, die wir ohne Gift nicht mehr loswerden. Also lieber überlegen, was man sonst für eine Oelfrucht anbauen kann.

    1. Voll einverstanden; die o-o-Sorten sind ein typisches Beispiel, wie ein Fortschritt langfristig ein Rückschritt ist.
      Hoch N-Mengen, Psm, Humusabbau durch starke Bodenbearbeitung: Raps ist gar nicht ökologisch.
      Übrigens: Rasp wird auf Flächen angebaut, die zwischen 1000 und 1500 n.Chr. gerodet wurden.
      Palmöl wir auch auf gerodeten Flächen angebaut, der Abau ist aber viel ökologischer!!

      1. Also, fast alles falsch , was Du schreibst. Aber bei alten Bauern soll man gnädig im Urteil sein . Nein, ich vergönne den Ländern , die Palmöl anbauen , den dadurch gewonnen wirtschaflichen Fortschritt nicht, die Kinder können endlich zur Schule usw. ja , die Bilder der Tiere, welche urspünglich im Wald lebten und jetzt auf Kulturen umherirren, verstören uns. Unsere Vorfahren haben das uns abgenommen.

    2. Für mich, lieber Herr Wermelinger, steht ein blühendes Rapsfeld symbolisch für Friede auf der Welt. Was gibt es denn bitte schöneres als ein blühendes Rapsfeld im Frühling? Zudem macht der Rapsanbau sehr wohl Sinn, auch fruchtfolgetechnisch ist die Kultur interessant. Also ich persönlich habe 1000 mal lieber blühende Rapsfelder als hässliche Gewerbezonen mit noch hässlicherer Leuchtwerbung….

      1. Es gibt z.B. Leindotter, der noch viel schöner blüht oder Lein. Diese alten Kulturpflanzen sind genetisch nicht verändert worden und liefern enorm viel gesünderes Oel als Raps. Der High Oleic Raps wird in die Grossindustrie geliefert. Mc Donalds, Zweifel, etc. Was für viele Unwissende schön ist, ist in meinen Augen eine öde Industrie-Monokultur mit dermassen genetischer Veränderung, dass die Pflanze ohne synthtische Insektizide nicht überlebt. Wollen wir so ein Essen?

  2. Wahrscheinlich ist es ein Unterschied ob Urwald vor 1000 Jahren oder heute abgeholzt und abgebrannt wird.
    Der Mensch wird ja angeblich mit jeder Gernaration ein bisschenb schlauer??
    Palmöl von Flächen wo hochertigste Ökosystemme inkl. Tierwelt vernichtet werden und indigene Völker vertrieben werden ist wahrscheinlich nicht nachhaltiger als unser einheimischer Raps. ( Ist natürlich Ansichtssache)
    Es wäre an der Zeit miteinander den Dialog zu suchen und Mittelwege zu beschreiten .

    1. Erstens wird der Mensch nicht schlauer und zweitens ist gerade z.B. der WWF die Organisation, die Menschen von Grund und Boden vertreibt, ja gar erschiessen lässt, weil für die Nashörner und Wildtiere wichtiger sind als der Mensch. Die Frage der Palmöl-Produktion ist mehr eine Frage der Besitzverhältnisse (grosse Konzerne oder Kleinbauern) als der Ökologie. Zu den grossen Konzernen, die schädlich sind für die Ureinwohner gehört eben gerade auch der WWF. WWF nicht unterstützen!

    1. Roland Burtschi: die wirklich gefährliche und einflussreichste Lobby ist die Hochfinanz (denen die Linken dienen). Die bestimmen alles, besitzen die Medien und bestechen die Politik und verursachten alle Kriege, Revolutionen, Umstürze, alles Elend und allen Hunger auf Erden. Dass sind die die rufen: „Haltet den Dieb!“ Und sind selber die wahren Diebe der Freiheit und des Lebens. Daher: 5 x NEIN zu den Vorlagen (der Hochfinanz und ihren linken Knechten) vom 13. Juni.

  3. Was zum Munde eingeht, das verunreinigt den Menschen nicht; sondern was zum Munde ausgeht, das verunreinigt den Menschen.
    Darum 2x Nein

  4. In meinen Augen sind diese beiden Initiativen sehr ambitioniert, theoretisch durchaus wünschbar, doch absolut nicht praxistauglich. Sogar nachhaltig produzierende Bio-Bauern haben sich dagegen ausgesprochen. Ich meine, das sollte auch der denaturierte, städtische Stimmbürger bedenken. Was mich ärgert, dass von der Politik in Bundesbern (zusammen mit den Verbänden) keine ausgearbeiteten Gegenvorschläge vorgestellt wurden. Zeit zur Vorbereitung wäre genug vorhanden gewesen.

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