Montag, 10. Mai 2021
18.02.2021 12:27
Pflanzenschutzmittel

Chlorothalonil: Bund muss Weisung entfernen

Share on print
Share on email
Share on facebook
Share on twitter
Von: sda

Der Agrochemiekonzern Syngenta Agro hat im Zusammenhang mit einem Fungizid abermals erreicht, dass der Bund Informationen zu möglichen krebserregenden Folgen des Mittels nicht verbreiten darf. Das Bundesverwaltungsgericht hiess einen Antrag der Syngenta gut.

In einer am Donnerstag veröffentlichten Zwischenverfügung erteilt das Bundesverwaltungsgericht dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) klare Anweisungen: Das Bundesamt darf vier verschiedene Abbaustoffe, sogenannte Metaboliten, des Fungizids Chlorothalonil öffentlich nicht als toxikologisch relevant bezeichnen.

Bund muss Weisung entfernen

Das BLV muss eine im September 2020 an die Kantone versandte Weisung von seiner Webseite entfernen, in der Chlorothalonil und Metaboliten dieses Wirkstoffes als toxikologisch relevant eingestuft wurden. Die Einstufung als «relevant» hat Folgen für die Grenzwerte im Grund- und Trinkwasser.

Als letzte Anweisung schreibt das Bundesverwaltungsgericht dem BLV vor, dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) mitzuteilen, dass die Einstufung der Abbaustoffe von Chlorothalonil derzeit als Streitfall vor dem Bundesverwaltungsgericht liege und ein Entscheid darüber ausstehe.

Wirtschaftliche Interessen

Syngenta Agro stellt Fungizide mit dem Stoff Chlorothalonil her. Die Verwendung wurde per 1. Januar 2020 in der Schweiz verboten. Gegen das Verbot hat der Konzern Beschwerde eingelegt. Das Unternehmen ist der Ansicht, dass wissenschaftliche Grundlagen für das Verbot fehlen. Diese Frage wird in einem separaten Verfahren behandelt.

Im vorliegenden Fall, geht es in der Hauptsache darum, wie Chlorothalonil hinsichtlich seiner Kanzerogenität einzustufen ist. Eine Qualifikation als krebserregender Stoff hätte zur Folge, dass auch alle Abbaustoffe als solche gelten. In diesem Zusammenhang wird das Bundesverwaltungsgericht zudem beurteilen, welche Grenzwerte für Trinkwasser bei nicht toxikologisch relevante Metaboliten gelten.

Wirtschaftlicher Nachteil

Wie bereits bei der ersten Zwischenverfügung im August 2020, hat das Bundesverwaltungsgericht die Anweisungen an das BLV als vorsorgliche Massnahmen erlassen. Das Gericht geht davon aus, der Syngenta könnte aufgrund der breiten medialen Ausstrahlung des Themas ein wirtschaftlicher Nachteil erwachsen und der Ruf des Unternehmens Schaden nehmen.

Das BLV hatte Chlorothalonil und vier Abbaustoffe im Dezember 2019 in einem Gutachten noch als nicht relevant eingestuft. Der Grenzwert für Trinkwasser lag damit bei 10 Mikrogramm pro Liter. Der Grenzwert bei toxikologisch relevanten Metaboliten beträgt 0,1 Mikrogramm pro Liter.

Neue Einschätzung

Nach dem Entzug der Bewilligung für Fungizide mit Chlorothalonil durch das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) beschrieb das BLV den Wirkstoff auf seiner Website neu als wahrscheinlich krebserregend. Es folgte damit der Einschätzung der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde (Efsa).

Diese neue Bewertung des umstrittenen Wirkstoffs hat das BLV zu ihren Massnahmen, beziehungsweise zur Weisung an die Kantone, im Zusammenhang mit der Sicherheit des Trinkwassers geführt, wie aus dem Urteil des Bundesverwaltungsgericht hervorgeht. Das BLV hielt dazu fest, dass es sich in diesem Bereich den Einschätzungen der Efsa anschliessen könne.

In der Sache selbst muss das Bundesverwaltungsgericht noch ein Urteil fällen. Die hier vorliegende Zwischenverfügung ist noch nicht rechtskräftig und kann beim Bundesgericht angefochten werden (Verfügung B-3340/2020 vom 15.2.2021)

Grenzwert wurde gesenkt

Das Bundesamt für Landwirtschaft bewilligte den Einsatz von Chlorothalonil in den 1970er-Jahren. Der Wirkstoff wurde im Getreide-, Gemüse-, Wein- und Zierpflanzenbau gegen Pilzbefall eingesetzt. Der Bund hat Chlorothalonil, gestützt auf neue Forschungsergebnisse, vergangenes Jahr neu als «wahrscheinlich krebserregend» bezeichnet und die Anwendung per Anfang 2020 verboten.

Im Dezember 2019 hatte das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) alle Abbauprodukte (Metaboliten) von Chlorothalonil als Trinkwasser-relevant eingestuft. Für diese Stoffe gilt somit ein Höchstwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter für Trinkwasser, der in diesem Fall auch für das Grundwasser als Grenzwert gültig ist. 

Der neue Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter sei extrem tief, erklärte der Berner Kantonschemiker Otmar Deflorin im Januar 2020 gegenüber der Zeitung «Der Bund». «Bis vor kurzem liessen sich tiefere Werte gar nicht messen.» Zudem brauche es in der Regel eine gewisse Menge, bis eine Substanz toxisch, also giftig sei.

Er machte ein Beispiel: «Alkohol ist ein Zellgift, das nachweislich Leberkrebs verursacht. Wenn Sie ein Glas Whisky mit 40 Prozent Alkohol trinken, nehmen Sie eine ungleich grössere Menge an toxischen Substanzen ein, als wenn Sie einen Liter Wasser trinken.» Für Chlorothalonil gilt eine lebenslängliche Tagesdosis von 15 Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht als unbedenklich. Um diese Dosis zu erreichen, müsste man also 150 Liter Wasser pro Kilo Körpergewicht trinken, sofern der Grenzwert eingehalten wird.

Auch unbelastetes Wasser kann gefährlich sein: Trinkt man innert kurzer Zeit sieben oder mehr Liter Wasser, so kann dies lebensbedrohlich werden. Trotzdem sei er «dezidiert» der Meinung, dass die Chlorothalonil-Abbauprodukte nicht ins Wasser gehörten, sagte Deflorin. «Dass Chlorothalonil nun verboten ist, ist eine grosse Errungenschaft der Behörden.»

Mehr zum Thema
Pflanzen

Am 13. November 2000 fusionierte Novartis Agribusiness mit dem Agrogeschäft von AstraZeneca zum neuen Unternehmen Syngenta, dem weltweit ersten Konzern, der sich ganz auf das Agribusiness konzentriert. - zvg Der…

Pflanzen

Klappertopf als Problemunkraut in Oekowiesen - Ernst Flückiger Der Klappertopf ist in spät genutzten Wiesen teils stark verbreitet. Als Halbschmarotzer entzieht er den Wirtspflanzen über die Wurzeln Nährsalze und Wasser. …

Pflanzen

An Steillagen im Einsatz: eine Zapfenwalze spritzt die Pilzsporen in die vom Maikäfer befallenen Flächen ein. - AgroscopeDer Maikäfer besiedelt wegen der Klimaerwärmung immer höhere Lagen und richtet an Steilhängen…

Pflanzen

Die Erbeeren von Patrik Niederhauser bekommen regelmässig eine Dusche mit Komposttee – die Mikroorganismen im Tee sollen die Erdbeerpflanzen stärken und schützen. - Renate HodelFruchtkalk ist eigentlich ein Düngemittel, hat…

11 Responses

  1. Die verharmlosenden Beispiele sind richtig mühsam. Syngenta wird sich hiermit ein Eigengoal reinknallen, weil damit die Chancen für die Trinkwasserinitiative markant steigen: „Die Chemiemultis bestimmen sogar die Nachrichtenweitergabe.“ – so wirds im Volksmund wahrgenommen. Zu Recht? Die Dummen sind alle Bauern ob Bio oder NichtBio. Sie stehen eingeklemmt zwischen Figgi und Mühli. Und Grundwasser vergisst eben nichts so schnell.

    1. Nur so nebenbei: die so bösen Metaboliten von Chlotohalonil sind Sulfonsäuren.
      RedBull enthält Taurin. Wird Taurin im Körper abgebaut, entsteht ebenfalls Sulfonsäure als Metaboliten.
      Der kleine Unterschied: nach dem Konsum von RedBull befinden sich x tausendmal mehr Sulfonsäuren im Körper als nach der Aufnahme von „verseuchtem“ Trinkwasser…….

      1. Ich kenne mich da nicht aus. Aber mir fällt auf, dass viele leere Dosen von diesen Getränken den Strassen entlang im Feld liegen. Wahrscheinlich bewirkt der letzte Tropfen dieser energiegeladenen Getränke, dass der konsumierende den Verstand verliert und es unkontrollierbare Muskelzuckungen auslöst. Die leeren Gebinde werden so unkontrolliert in der Wiese abgelagert. Kommen diese mit der Futterernte in den Futtertrog der Tiere, erleiden diese schwere innere Verletzungen mit Todesfolgen.

    2. Syngenta gehört den Chinesen. Die wollen essen, und sind auf den Geschmak von Fleisch gekommen. Nicht Syngenta hat ein Problem , sondern die Schweizer…. sie haben Syngenta aus den Händen gegeben !

  2. Gut gibt es die Gerichte, die das Ganze wieder ins richtige Licht stellen. Es kann doch nicht sein, dass übereifrige Bundesämter so fahrlässig mit der Wahrheit umgehen und die Bürger verunsichern. Bevor die Toxizität nicht bewiesen ist haben sich alle, egal ob grün oder rot, an die Regeln zu halten.

  3. NEIN ! So nicht !
    Artikel als auch Kommentare verlangen Weiteres .
    Es ist hier wie immer und mit allem : mit der Lupe betrachtet ist der Kosmos winzig. Der Herr Kontonschemiker hat völlig recht mit seiner auf einen Fakt reduzierten Aussage. Sie gleicht der Betrachtung des Stachels nach einem Wespenstich . … völlig ungefährlich ! … und sooo winzig ! Man merke : der Balken im Auge trübt die Sicht.
    Wir nehmen täglich Dutzende dieser ungefährlichen Stoffe zu uns und wundern uns über Allergien

  4. ———-Abnahme der Fertilität/Verdauungsprobleme und andere- zunehmende- „Zivilisationskrankheiten“. Die Anzahl der für die Pflanzen lebenswichtigen Organismen im Humus nimmt ab,- in Potenz !- – z.T. auch beim Biobauern.
    Was man im Einzelnen z.T. gründlichst untersucht hat, ist im Großen ausgeblieben : das Zusammenwirken all dieser Stoffe wurde nicht untersucht . Es bringt ja auch keinen geldwerten Vorteil.

  5. Höchste Zeit, dieser Giftfabrik das Handwerk zu legen bevor auch noch die letzten Insekten verschwunden sind. Sollte schon lange geschlossen oder ausgeschafft werden, am besten nach China, wo schon heute alles vergiftet ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

SCHWEIZER BAUER

DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE