Sonntag, 29. November 2020
22.10.2020 07:02
Pflanzenschutz

«Ohne Bewilligung höre ich auf»

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Von: lid/blu

Die Organisation Bauern Unternehmen (BU) empfing am Mittwoch im Berner Seeland zum Medienanlass. Thema war der Pflanzenschutz.

Die Schweiz benötige eine moderne, konkurrenzfähige und produktive Landwirtschaft, sagte Fernand Andrey, Vizepräsident von Bauern Unternehmen am Medienanlass in Worben. Nur so könne auch künftig die Schweizer Bevölkerung sicher ernährt werden. Andrey und seine Mitstreiter fühlen sich immer öfter unverstanden von der Bevölkerung und den Medien. «Wir werden zunehmend mit Fehldarstellungen und Falschmeldungen konfrontiert», erklärte er.

«Schon viel erreicht»

Dabei verfüge die Schweiz über weltweit einzigartige Umweltstandards wie Düngerbilanz, Schadschwellenwerte oder obligatorische Fruchtfolge. Er betonte zudem, dass die Schweiz bereits viel erreicht habe. «Und wir wollen noch besser werden», sagt Andrey. Ein Grossteil der Rückstände von Pflanzenschutzmitteln stammten von Punkteinträgen. Das zeige, dass man beispielsweise Waschplätze bauen müsse, so Andrey. Auf seinem Betrieb im Kanton Freiburg habe er dank präzisen Anwendungstechnologien wie GPS-Regelung den Verbrauch von PSM um einen Drittel senken können.

Gleichzeitig kritisierte Fernand Andrey, dass mit dem Finger immer auf die Landwirtschaft gezeigt werde. So sei der im Rübenanbau verbotene Wirkstoff Imidacloprid – ein Neonicotinoid – in Hundehalsbändern gegen Zecken und Flöhe erlaubt. Ebenso werde das aktuell stark im Fokus stehende und seit Anfang Jahr verbotene Chlorothalonil unter anderem in Fassaden verwendet.

«Weniger regionale Produkte und mehr Importe»

Nach Ansicht von Andrey leistet der moderne Pflanzenschutz einen wesentlichen Beitrag zur Lebensmittelsicherheit. «Weniger regionale Produkte und mehr Importe wären die Folgen eines Verzichtes auf Pflanzenschutz», sagt der BU-Vizepräsident. «Ohne modernen Pflanzenschutz wäre die heutige Nahrungsmittelversorgung mit gesunden, qualitativ hochwertigen, regionalen Produkten nicht gewährleistet», sagt er.

Sinkende Anbaubereitschaft

Wegen der tiefen Preise sind bereits in den vergangenen Jahre viele Landwirte aus der Rübenproduktion ausgestiegen. Die neue Krankheit könnte dazu führen, dass die Anbauflächen noch weiter sinken. Bereits in den letzten Jahren ist die Rübenfläche von 21’000 auf rund 18’000 Hektaren gesunken. Josef Meyer, Präsident des Schweizerischen Verbandes der Zuckerrübenpflanzer (SVZ), rechnet nächstes Jahr mit 3’000 bis 4’000 Hektaren weniger Rüben, wenn nicht gehandelt wird. Noch kleinere Anbauflächen wären eine Bedrohung für die beiden Zuckerfabriken in Aarberg und Frauenfeld und damit die Schweizer Zuckerproduktion.

Um die Bevölkerung über das Anliegen zu informieren, hat die BU 2019 die Kampagne «Pflanzen und Tiere brauchen Schutz» gestartet. Dazu haben rund 300 Landwirtinnen und Landwirte aus der Schweiz Tafeln auf ihren Feldern aufgestellt. Zudem legten die Bauern sogenannte Nullparzellen an, auf denen überhaupt kein Pflanzenschutz – auch kein manueller – betrieben wird. Damit will die BU den Unterschied zu den normalen Anbauflächen deutlich machen.

Positive Gespräche dank Kampagne

Ein Landwirt, der solche Plakate aufgestellt hat, ist Hans-Peter Christen aus Utzenstorf BE. Er machte damit positive Erfahrungen. Die Plakate hätten zu interessanten Diskussionen und Nachfragen aus der Bevölkerung geführt, erklärte er vor den Medien. Die Plakate und die Nullparzelle seien positiv aufgenommen worden und auch kritische Fragen hätten besprochen werden können.

Ohne Bewilligung gibt er den Rübenbau auf

Der Familienbetrieb Nyffenegger in Worben im bernischen Seeland produziert seit vier Generationen Zuckerrüben. Ein guter Standort, denn die Zuckerfabrik Aarberg ist nur wenige Kilometer entfernt. Doch dieses Jahr hat die Pflanzenkrankheit Viröse Vergilbung auch auf den Feldern von Betriebsleiter Lars Nyffenegger zugeschlagen. Statt sattgrün sind sie gelb, die Rüben klein. Nyffenegger rechnet mit Ertragseinbussen von rund 30 Prozent. Rentabel ist das für ihn nicht mehr.

Und obwohl er am Rübenanbau hängt ist für ihn klar: «Wenn die befristete Bewilligung für Gaucho abgelehnt wird, höre ich mit dem Anbau auf», sagt Nyffenegger. Das neonicotinoidhaltige Gaucho ist seit Anfang 2019 verboten. Seither gibt es kein wirksames Mittel mehr gegen die von Blattläusen übertragene Viröse Vergilbung. Der Seeländer Bauer hofft noch darauf, dass das Bundesamt für Landwirtschaft eine Notfallzulassung bewilligt. Wenn nicht, werde er wohl auf Eiweisserbsen oder andere Pflanzen umsteigen, so Nyffenegger.

Tiefe Anbaubereitschaft sorgt für Probleme

Für die Zuckerfabriken in Aarberg und Frauenfeld, die schon wegen tiefer Rübenpreise mit der Anbaubereitschaft zu kämpfen haben, sorgt der Ausstieg von Rübenbauern für Probleme. Denn ohne genügend Rüben können die Fabriken nicht ausgelastet werden. Der Entscheid zu Gaucho dürfte bis Ende Oktober erfolgen.

Milder Winter fördert Virus

Die Viröse Vergilbung ist weltweit verbreitet und die wirtschaftlich bedeutendste Krankheit bei den Zuckerrüben. Das BYV (Beet Yellow Virus) genannte Virus wird von Blattläusen beim Saugen übertragen. In der Schweiz sei vor allem die grüne Blattlaus ein Problem, sagt Samuel Jenni von der Schweizerischen Fachstelle für Zuckerrübenbau. Dieser sei mit Nützlingen schwerer beizukommen als etwa der schwarzen Blattlaus. Weil der letzte Winter mild war, ermöglichte er den Blattläusen eine Lebendüberwinterung. Deshalb gab es die ersten Symptome für die Viröse Vergilbung in der Schweiz dieses Jahr bereits am 8. Juni im Chablais, so früh wie noch nie. In den westlichen Anbaugebieten dürften zwischen 80 und 90 Prozent der Felder befallen sein. Noch weniger verbreitet aber ebenfalls vorhanden ist das Virus östlich von Bern.

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