Sonntag, 4. Dezember 2022
01.11.2022 11:00
Agroforst

Weshalb sich Obstbäume und Reben ergänzen

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Von: Renate Hodel, lid

Reben sind wärmeliebende Kulturen, in vermehrt heissen und niederschlagsarmen Sommern leiden Trauben aber zunehmend unter zu starker Sonneneinstrahlung. Nachdem sie aufgrund der Mechanisierung und Produktivität geopfert wurden, tauchen nun wieder Obstbäume in den Weinbergen auf – im Namen der Klimaresistenz.

Die Landwirtschaft muss sich aufgrund der Klimaerwärmung immer neuen Herausforderungen stellen: auf extreme Nässe folgt extreme Trockenheit, auf Hitzetage folgen Gewitter und Hagel.

Um das Gleichgewicht wieder herzustellen oder zumindest die Verhältnisse wieder etwas auszugleichen, werden intensiv Forschung betrieben und Projekte aufgegleist, welche die Landwirtschaft fit für die Zukunft machen sollen.

Altes Produktionssystem neu gelebt

Unter anderem sogenannte Agroforstsysteme sollen unserer Landwirtschaft einerseits wieder mehr Biodiversität bringen, unsere Kulturen andererseits aber klimaresistenter machen und den Boden verbessern. Der Begriff «Agroforst» bezeichnet die Kombination von Bäumen oder mehrjährigen verholzenden Strukturen mit landwirtschaftlichen Unterkulturen auf derselben Fläche.

In der Schweiz ist diese Landnutzung eigentlich nicht neu, sondern prägt wie in Form der Waldweiden im Jura, Kastanienselven im Tessin oder den klassischen Hochstammobstgärten, vielerorts seit Jahrhunderten die Kulturlandschaft. Auf intensiven bewirtschafteten Ackerflächen oder auch in Rebbergen ist diese Mischform allerdings verschwunden, erhält durch die Klimaerwärmung aber wieder neuen Aufschwung.

Agroforst

Die moderne Agroforstwirtschaft ist ein nachhaltiges, an die Mechanisierung angepasstes Produktionssystem, das mehrjährige Holzpflanzen einbezieht, die auf der Landwirtschaftlichen Nutzfläche oder im Sömmerungsgebiet angebaut werden. Sie ermöglicht es, die landwirtschaftliche Produktion und den Schutz der natürlichen Ressourcen miteinander in Einklang zu bringen und gleichzeitig die Umweltauswirkungen der Landwirtschaft zu verringern und zur Abschwächung der Auswirkungen des Klimawandels beizutragen.

Bei Agroforstsystemen wird unterschieden zwischen der Unternutzung mit Wiesen und Weidehaltung oder mit Feldkulturen. Die Agroforstsysteme in Kombination mit Tierhaltung werden «sylvopastoral» genannt. Agroforstsysteme in Kombination mit Feldkulturen werden «sylvoarabel» genannt.

Die Westschweiz pflanzt Bäume

In den Kantonen Genf, Jura, Neuenburg und Waadt wurde 2020 das interkantonale Projekt «Agro4esterie» zur nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen gestartet. Das Ressourcenprojekt hat zum Ziel, die Praxis der modernen Agroforstwirtschaft zu fördern: Das Projekt und die Agroforstsysteme sollen widerstandsfähig, an die lokalen Bedingungen angepasst, wirtschaftlich interessant und auf gezielte Umweltprobleme ausgerichtet sein.

So machen auch verschiedene Winzerinnen und Winzer mit und haben in ihren Rebzeilen Obst- und andere Laubbäume gepflanzt. Der sogenannte Vitiforst soll den Boden nähren, die Biodiversität erhöhen und die Reben vor Frost und Hitze schützen.

«Agro4esterie»

Mit dem «FLS-Fokus Agroforst» hat der Fonds Landschaft Schweiz FLS dieses Jahr einen Sensibilisierungs- und Förderakzent lanciert, damit der landwirtschaftliche Trend zur Anlage neuer Agroforstflächen vermehrt auch zur ästhetischen und ökologischen Aufwertung der Kulturlandschaft beiträgt. Im Rahmen dieses Fokus beteiligt er sich auch am interkantonalen «Agro4esterie»-Projekt, unterstützt daneben aber noch weitere Projekte und hat in der Region Nyon so in den letzten Jahren mehrere Agroforst-Projekte auf Ackerland und Rebflächen unterstützt:

  • Rund 450 Hochstammobstbäume in einem klassischen Obstgarten und daneben in elf Baumreihen mit 600 Büschen dazwischen in Gland (Teilprojekt des regionalen Agroforst-Projekts, das im Rahmen des ökologischen Vernetzungsprojekts Nyon Région realisiert wird).
  • Ein Vitiforstprojekt (Reben und Bäume) in einem Rebberg in Luins (Teilprojekt des ökologischen Vernetzungsprojekts Coeur de la Côte).
  • Ein Vitiforstprojekt in einem Rebberg in Begnins (realisiert im Rahmen des «Agro4esterie»-Projekts).

Ausgeglichenes Klima

Im Rahmen des «Agro4esterie»-Projekts belebt auch Noémie Graff vom Weingut Domaine du Satyre in Begnins ihren Weinberg mit Obstbäumen. Sie ist überzeugt, dass Bäume in einer Zeit, die von Umweltverschmutzung, Hitzewellen und Dürreperioden geprägt ist, erhebliche Vorteile für ihre Reben mit sich brächten, diesen Schatten spendeten und dazu beitragen würden, das Klima in der Umgebung zu temperieren und CO2 zu binden.

«Bäume können nicht nur CO2 binden, sie haben auch die Fähigkeit, durch Photosynthese Wasser freizusetzen», erklärte der Biologe und Landschaftshistoriker Yves Bischofberger anlässlich eines vom Fonds Landschaft Schweiz organisierten Anlasses auf dem Weingut Domaine du Satyre.

Bäume kehren in die Weinberge einiger Westschweizer Weingüter zurück: Im Rahmen des «Agro4esterie»-Projekts hat auch Noémie Graff vom Weingut Domaine du Satyre in Begnins Bäume gepflanzt.
Renate Hodel

Resultate lassen auf sich warten

Da das Projekt erst seit zwei Jahren laufe, sei es entsprechend noch etwas zu früh, um daraus wirkliche Lehren ziehen zu können, meint die beim Projekt mitarbeitende Alice Dind vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL Westschweiz. «Was wir bis jetzt beobachten konnten, ist, dass wir beispielsweise den Bäumen bei der Pflanzung und in den ersten Jahren besondere Aufmerksamkeit schenken müssen», erläutert die wissenschaftliche Mitarbeiterin. So seien ein angemessener Schutz, Stützen und eine ausreichende Bewässerung wichtig.

Eine Kombination von Agroforst auf einer Ackerfläche. Den jungen Bäumen muss zu Beginn besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt werden, damit sie gut gedeihen.
Renate Hodel

«Die Bewässerung war in diesem Jahr ein besonders wichtiger Punkt, vor allem bei den jungen Bäumen», erklärt Alice Dind und ergänzt: «Dafür brauchte es die richtige Ausrüstung und auch viel Zeit – auch wenn es keine grossen Verluste gab, fühlten sich einige Landwirte angesichts der Dringlichkeit der Situation etwas überrumpelt.» Auch Noémie Graff stellt sich darauf ein, dass sie noch einige Zeit auf konkrete Ergebnisse und positive Auswirkungen ihrer Obstbäume im Weinberg warten muss: «Es wird ein ziemlich langer Prozess sein – ich hoffe, dass ich die Ergebnisse sehen werde, wenn ich in Rente gehe», so die Winzerin.

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