Samstag, 5. Dezember 2020
22.11.2020 11:11
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          Weinbau

Waadt kämpft weiter, Tessin gibt auf

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Nachdem die Goldgelbe Vergilbung bei Rebstöcken im Wallis als ausgerottet galt, kam es im Herbst zu einem erneuten Ausbruch. Waadtländer Weinbauern kämpfen schon seit fünf Jahren dagegen an. Im Tessin müsse man  sogar lernen, mit der Rebkrankheit zu leben. 

Die Rebkrankheit gilt als unheilbar und kann sich über die amerikanische Rebzikade als Überträger-Insekt rasch und epidemisch ausbreiten: die Goldgelbe Vergilbung (GGV). Jede symptomatische Rebe muss daher dem Pflanzenschutzdient gemeldet, und ausgerissen und vernichtet werden. Obschon die Vektor-Insekten Krankheitserreger, in diesem Fall Phytoplasmen, nur von Pflanze zu Pflanze übertragen können, wenn eine Infektion vorliegt, müssen auch diese mit einem Insektizid bekämpft werden. Rebschulen werden ausserdem angehalten, Stecklinge während 45 Minuten mit 50 Grad heissem Wasser zu behandeln um Phytoplasmen abzutöten.

Bis vor 15 Jahren war die GGV in der Schweiz noch unbekannt. Auch die aus den USA eingeschleppte Rebzikade wurde erstmals 1967 im Südtessin nachgewiesen, wo 2004 zum ersten Mal die GGV festgestellt wurde. Nördlich dem Gotthard trat die Krankheit erstmals 2015 im Waadtländer Lavaux auf, 2016 auch im Walliser Weinbaudorf Fully.

Auch andere Vektoren

Sowohl im Tessin, als auch später in der Waadt und im Wallis, wurde die Bekämpfung der Krankheit und des Vektor-Insekts für obligatorisch erklärt. Im Tessin, wo in den ersten Jahren nach Auftreten der Krankheit Rebstöcke parzellenweise ausgerissen wurden, zeigt sich die Krankheit trotz der Bekämpfungsmassnahmen als hartnäckig, weshalb die obligatorische Bekämpfungstrategie bis 2018 praktisch den ganze Kanton umfasste. Allerdings hat Mauro Jermini, Gruppenleiter Pflanzenschutz bei Agroscope in Cadenazzo, nebst der amerikanischen Rebzikade auch noch andere Zikaden als Vektoren ausfindig gemacht. Zudem hat er auch noch andere Wirtspflanzen gefunden, namentlich Erle und Haselnuss. Für Jermini steht heute daher ausser Frage: «Wir werden mit der Krankheit leben müssen, weil wir in Wäldern keine Insekten bekämpfen können.» Für die Jahre 2019 und 2020 wurden die Insektizid-Behandlungen gegen die amerikanische Rebzikade im Tessin sogar ausgesetzt. «Da wir während dieses zweijährigen Moratoriums festgestellt haben, dass sich die Rebzikade nicht übermässig vermehrt hat, könnte eine Strategie nun so aussehen, dass wir nächstes Jahr noch einmal spritzen, dann aber wieder zwei bis drei Jahre nicht mehr.» Befallene Rebstöcke müssen aber weiterhin rasch ausgerissen und vernichtet werden, Tessiner Weinbauern erhalten dafür keine Entschädigung.

Waadt ist zuversichtlich

In der Waadt zeigt sich Michel Jeanrenaud vom kantonalen Weinbauamt in Morges zuversichtlich, das Problem vollständig in den Griff zu bekommen. «Im Tessin befinden sich viele klein strukturierte Rebberge oft in unmittelbarer Nähe zu Wäldern, wo auch noch andere Vektoren vorkommen, während die Rebberge der Waadt gross und zusammenhängend sind», vergleicht er.

Seit 2015 in Blonay und La Tour-de-Peilz erste Fälle aufgetreten sind, hat sich die Krankheit am Genfersee aber laufend weiter verbreitet. Der Höhepunkt wurde im Jahr 2018 erreicht, als 420 infizierte Rebstöcke ausgerissen werden mussten, allesamt im Lavaux. Besonders betroffen waren Gebiete um St-Saphorin und Chardonne, sodass eine Fläche von 440 Hektaren zum Schutzgebiet erklärt werden musste. Dass die Bekämpfungsmassnahmen ihre Wirkung zu zeigen scheinen, wurde für Jeanrenaud im Jahr darauf  schon deutlich, als nur noch 180 kranke Rebstöcke gefunden wurden, und in manchen Gebieten wie etwa in Villeneuve sogar auf weitere Bekämpfungsmassnahmen verzichtet werden konnte. Dafür gab es erstmals Fälle in der La Côte, namentlich um Mont-sur-Rolle, Morges und Bursins. «Die Weinbauern haben  sehr schnell reagiert, weil sie wissen, dass rasches, konsequentes Bekämpfen seine Wirkung zeigt», ist Jeanrenaud weiter zuversichtlich. Der Kanton Waadt entschädigt Weinbauern bei der Beschaffung von Insektizid mit 90 Prozent der anfallenden Kosten, sowie Winzer, die Parzellen roden müssen, wo mehr als 10 Prozent der Pflanzen infiziert waren.

Über Jahre hinweg

«Eine Problematik bei der Bekämpfung der GGV ist allerdings auch, dass Symptome erst spät sichtbar werden», ergänzt Jeanrenaud – meist erst im August und September und bis zu ein Jahr nach der Übertragung der Phytoplasmen. «Wenn es viele kontaminierte Reben gibt, können sich Symptome aufgrund der Latenzzeit über mehrere Jahre hinweg äussern», ergänzt Jeanrenaud sogar. Zudem können Vergilbungssymptome auch auf andere Krankheiten hindeuten, sodass die GGV nur durch Tests zweifelsfrei nachgewiesen werden kann. Behoben dürfte die Krankheit damit noch lange nicht sein, zumal sie nun auch wieder im Wallis aufgetreten ist, wo sie seit 2018 als ausgerottet galt, namentlich in den Gemeinden Port-Valais am Genfersee und in Ardon. Andere Weinbaugebiete der Schweiz sind bislang noch nicht betroffen – auch Genf nicht, wo die amerikanische Rebzikade nachweislich vorkommt.

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