Donnerstag, 8. Dezember 2022
21.11.2022 15:40
Organisationen

13’000 Unterschriften gegen Hofsterben

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Von: har

Die Kleinbauern-Vereinigung reichte heute gemeinsam mit Partnerorganisationen die Petition «Jeder Hof zählt» ein. 13367 Personen haben die Petition innerhalb von zweieinhalb Monaten Sammelzeit unterschrieben. Die Petition fordert den Bundesrat auf, Massnahmen gegen das Hofsterben zu ergreifen und eine vielfältige Landwirtschaft zu stärken.

Auf der Bundesterrasse wurde am Montagmorgen auf der Ladefläche eines Kleintraktors eine reiche Tafel präsentiert. In der Mitte prangte ein frischer Zopf, darum herum Knollengemüse, Würste, ein Laib Käse, Kürbisse, Kräuter, blühende Sträucher in Kübeln und vieles mehr.

Eine so diverse Lebensmittelproduktion will die Kleinbauern-Vereinigung auf Schweizer Höfen erhalten. Und nicht nur die Vielfalt auf den Betrieben soll erhalten bleiben, sondern auch die Vielfalt an Betrieben. Anlass der Zusammenkunft war das Überreichen der gesammelten Unterschriften für die Petition «Jeder Hof zählt». Innert zweieinhalb Monaten hatten dafür 13367 Personen ihre Unterschrift auf eine Liste gesetzt.

Die Zahl der Betriebe reduziert rasant

Kilian Baumann, Nationalrat und Präsident der Vereinigung, erklärte gegenüber dem «Schweizer Bauer»: «In den letzten 40 Jahren hat sich die Anzahl Schweizer Bauernbetriebe mehr als halbiert und 2021 mit 48’864 Höfen einen neuen Tiefststand erreicht. Doch eine kleinstrukturierte, vielfältige Landwirtschaft ist für die Biodiversität und im Kampf gegen den Klimawandel essenziell.» Der Grünen-Politiker führte aus: «Für eine krisenresistente Schweizer Landwirtschaft und damit eine sichere Versorgung zählt jeder Hof.» 

Der Strukturwandel in der Landwirtschaft werde bis heute nicht ernst genommen, kritisiert Nationalrat Kilian Baumann (BE/Grüne), der auch die Kleinbauern-Vereinigung präsidiert.
Ben Zumbühl

Mit dem Strukturwandel werden die Betriebe in der Schweiz immer grösser. Bei einer Hofaufgabe ohne innerfamiliäre Nachfolgerin oder einem Nachfolger werden Flächen vielmals an die umliegenden Betriebe verkauft oder verpachtet. Meist spezialisieren sich die Betriebsleitenden auf wenige Produktionszweige und die Vielfalt der auf einem Hof produzierten Lebensmittel nimmt ab.

Chancen für Junge ohne Hof in Familie gering 

Obwohl die Nachfrage nach Höfen grösser ist als das aktuelle Angebot, hört das Hofsterben keineswegs auf. Wie die Kleinbauern-Vereinigung im Petitionstext schreibt, dürfte sich der Strukturwandel sogar weiter beschleunigen, da in den nächsten 15 Jahren die Hälfte aller Betriebsleitenden das Pensionsalter erreicht. Dabei gäbe es viele engagierte Menschen, die in die Landwirtschaft einsteigen möchten. Doch die Chancen sind gering, ohne familiären Bezug einen Hof übernehmen zu können.

Eine entscheidende Massnahme gegen das Hofsterben besteht deshalb darin, die ausserfamiliäre Hofübergabe stärker zu unterstützen, wie es die Kleinbauern-Vereinigung in der Petition fordert und seit Jahren mit ihrer Anlaufstelle für ausserfamiliäre Hofübergabe macht.

In der Petition «Jeder Hof zählt» fordert die Kleinbauern-Vereinigung:

  • Der Zugang zu Land soll verbessert und ausserfamiliäre Hofübergaben gefördert werden.
  • Hofabgebende sollen über die Möglichkeit einer ausserfamiliären Hofübergabe informiert werden.
  • Die Benachteiligung von kleineren Bauernbetrieben muss aufgehoben werden.
  • Gemeinschaftliche Bewirtschaftungsformen für Betriebe sollen einfacher ermöglicht werden.

Kleine Betriebe gegen Riesen

Die Petition unterstützende Organisationen kamen bei der Unterschriftenübergabe ebenfalls  zu Wort. So die Fédération romande de l’agriculture contractuelle de proximité, Agroecology works, Uniterre, Demeter Schweiz, und die Schweizer Bergheimat.

Katharina Schatton von Uniterre sprach über die Preispolitik und machte deutlich, dass die vielen Landwirtinnen und Landwirte heute einigen wenigen Verarbeitern und Detailhändlern gegenüberstehen, die sehr viel Marktmacht haben. Gemeinschaftliche Strukturen oder der Direktverkauf finden sich hierdurch in einem System wieder, dass strukturell Benachteiligung für sie bedeutet. Dieses Kräfteverhältnis müsse umgekehrt werden. «Wir können uns nicht länger hinter dem Vorwand des Handelsgeheimnisses oder des Wettbewerbs verstecken», sagte Schatton.

Corinne Obrist ist Projektleiterin Landwirtschaft und Politik bei Demeter Schweiz.
Ben Zumbühl

Corinne Obrist von Demeter erklärt warum ihre Organisation die Petition unterstützt: «Kleinere und mittlere Höfe sind die Hüter der Arten-Biodiversität und damit von enormer Wichtigkeit.»

Kleine und mittlere Betriebe müssten auch unterstützt werden, da eine Vergrösserung zum Beispiel im Berggebiet gar nicht realistisch sei, so Pia Ramseier von der Schweizer Bergheimat, einer gemeinnützigen Gesellschaft zur Förderung kleinerer und mittlerer Bio-Bergbauernhöfe.

Guy Parmelin nahm die Unterschriften nicht persönlich in Empfang.

Konkrete Ansätze für die Erreichung der Petitionsforderung sind:

 1. Fehlanreize für das Flächenwachstum in der heutigen Agrarpolitik beseitigen:

• Obergrenze für Direktzahlungen (150 000 Franken pro Betrieb) und/oder Abstufung der Direktzahlungen sowie ein Betriebsbeitrag

• Einschränkungen für kleine Betriebe aufgrund der Betriebsgrösse nach Standardsarbeitskraft (SAK) und Gewerbegrenze sollen beseitigt werden (z.B. bei Investitionskrediten). Unter der Voraussetzung einer standortangepassten, bodenabhängigen und umweltverträglichen landwirtschaftlichen Produktion sollen sich die Betriebe unabhängig ihrer Grösse weiterentwickeln können.

2. Ausserfamiliäre Hofübergaben besser unterstützen:

• Besserer Zugang zu offiziellen Informationen rund um die ausserfamiliäre Hofübergabe durch landwirtschaftliche Ämter und Beratung

• Ausweitung der Starthilfe bis 40 Jahre

• Zusätzliche finanzielle Unterstützung bei ausserfamiliären Hofkäufen, um die Finanzierungslücke zwischen Verkehrs- und Ertragswert zu schliessen (z.B. zusätzliche Starthilfe)

• Keine steuerlichen Nachteile bei Verkauf unter dem Verkehrswert

• Einschränkung der parzellenweisen Verpachtung, um landwirtschaftliche Betriebe als Ganzes zu erhalten.

3. Zugang zu Land für gemeinschaftliche Bewirtschaftungsformen ermöglichen:

Damit neue Organisationsformen, zum Beispiel die solidarische Landwirtschaft, einfacher zu Land und Hof kommen, braucht es Anpassungen im bäuerlichen Bodenrecht. Das Selbstbewirtschaftungsprinzip und vor allem Änderungen beim Schutz vor Spekulation mit Boden darf dabei jedoch nicht aufgeweicht werden.

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3 Responses

  1. Wie gross soll ein Hof sein, dass eine Familie davon leben kann und darf (und ein nicht allzu schlechtes Leben führen kann).
    Welche Betriebszweige?

  2. Ausgerechnet der Sohn von Bauerntöter HR Baumann macht da mit . Seine politischen Ansicheten und seine leider grossen Wirkungen habe tausenden von Betrieben die Existenz entzogen . Er war Steigbügelhalter der masslosen Globalisierer . Und Kilian spielt sich jetzt als Bauernretter auf ? Frei nach H. W. Sinn : das grüne Pradoxum !!!

  3. Ja der einzige Punkt der stichhaltig ist;Verkauf unter Verkehrswert mit später eventuellen Nachteilen und sonst eindeutig:Pfui Kilian Baumann schämen Sie sich!Sie selber machen Vorschriften für alle Betriebe,Schlappschlauchpflicht,usw.

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